Dieser dumme, dumme Mike! Am liebsten hätte Rob die Dunkelheit angeschrien, die Laternen, die seinen Heimweg erhellten, stellvertretend für seinen Freund gewürgt. Natürlich wusste er, was Mike davon abhielt Anna zu helfen, zu ihr zu gehen. Ihm war klar, warum Mike nicht unbedingt begeistert von der Vorstellung war, noch jemanden zu haben, um dessen Leben er sich fürchten musste. Aber Rob verstand einfach nicht, wie er es schaffte, sich selbst so sehr anzulügen, seine Persönlichkeit zu verstecken, sein Mitgefühl, das er sonst immer hatte. Und so schlug er ein wenig fester als beabsichtigt die Tür zu seinem Zimmer zu, vergrub sein Gesicht in seinem Kissen und ließ endlich den Schrei los, der schon viel zu lange in seiner Kehle steckte.
Hallo, ich glaube nicht, dass ich mich schon vorgestellt habe. Ich bin Rob, oder Bourdie, und fast achtzehn, also im letzten Jahr der High School. Das ist aber auch schon alles, was ich zu der Schule sagen möchte, weil ich es dort nicht unbedingt leicht habe.
Andererseits habe ich es nie wirklich leicht gehabt, war eigentlich mein ganzes Leben lang auf mich alleine gestellt. Meine Mutter arbeitet als Haushälterin, ein Job, bei dem sie zwar nicht schlecht verdient, aber eben auch wenig Zeit für mich hat. Deswegen hat sie vorgehabt zu kündigen, aber das Schicksal hatte etwas dagegen.
Ich habe meinen Vater nie kennengelernt, er ist bei einem Arbeitsunfall gestorben, zwei Monate vor meiner Geburt. Somit hatte Mom keine andere Wahl, als ihren Job zu behalten, mich alleine großzuziehen. Und an dieser Situation hat sich bis heute nichts geändert, wodurch ich den Großteil des Tages alleine bin, auch wenn wir uns mittlerweile wenigstens keine Sorgen mehr darüber machen müssen ob wir alle Rechnungen bezahlen können.
Und irgendwann hat sie mir auch meinen größten Wunsch erfüllt, ein eigenes Schlagzeug, nachdem ich jeden Tag bis am Abend in der Schule war, um dort zu üben. Dort habe ich auch Brad und Mike getroffen, obwohl die beiden eigentlich ein paar Jahre älter sind als ich. Aber auch wenn sie jetzt mittlerweile studieren, sehe ich sie noch jeden Tag, und zwar weil wir mittlerweile eine Band gegründet haben, zusammen mit den Mitbewohnern der beiden und Mikes Arbeitskollegen. Und diese Band ist mein Leben.
Egal, wie oft er sich umdrehte, wie fest er die Augen zusammenkniff, der Schlaf wollte Rob einfach nicht übermannen, die Erinnerungen an den Streit mit Mike hielten ihn wach. War es doch das erste Mal gewesen, dass er jemanden aus der Band angeschrien hatte. Aber er hatte es einfach nicht zurückhalten können, ärgerte sich auch jetzt noch maßlos über das kindische Verhalten seines Freundes. Und darüber, dass er nicht achtsamer gewesen war, seine Worte nicht durchdacht hatte, wie er es sonst immer tat. Ein Fehler, der ihm so schnell nicht wieder passieren durfte, nicht mehr so schnell passieren würde. Denn vermutlich warteten nun eine Menge Fragen auf ihn, Fragen, deren Antworten er besser kannte als ihm lieb war.
Gähnend schlug Anna das Buch vor sich zu, wunderte sich insgeheim, wie sie es geschafft hatte, nicht schon vor einer guten Stunde einzuschlafen, war ihre Lektüre doch alles andere als spannend. Aber damit hatte sie wenigstens eines der Bücher gelesen, das für die nächste Prüfung relevant war. Wobei man diese vermutlich auch so bestehen konnte, weil sie noch nie einen anderen Studenten hier gesehen hatte und bezweifelte, dass diese sich die Sachbücher ausborgten, um zuhause zu lesen. Wobei sie sich selbst auch an der Nase nehmen musste, kam sie doch nicht nur hierher, um zu lernen. Saß vielmehr oft stundenlang mit einem von zuhause mitgebrachten Buch auf ihrem Stammplatz oder schaute am Weg zur Universität bei der öffentlichen Bibliothek vorbei, um sich neues Lesematerial zu besorgen. Aber solange ihre Eltern nichts davon erfuhren und ihre Noten nicht schlechte wurden konnte sie vorgeben, jeden Nachmittag brav zu lernen. Und nicht sich zu verstecken, wie sie es wirklich tat. Hinter den meterhohen Regalen, in einem Raum, den fast niemand betrat.
Nun aber war es wieder Zeit sich auf den Heimweg zu machen, oder besser gesagt wäre es schon vor einer Stunde soweit gewesen. Aber sie hatte dieses Buch endlich abschließen wollen, zumal es Freitag war und sie ungern nur ein paar Seiten für die nächste Woche überlassen wollte. Und ausborgen kam nicht infrage, zuhause wollte sie so wenige Erinnerungen an ihr ungeliebtes Studium wie nur irgend möglich haben. Reichte es doch schon, dass sich ihr Vater so liebend gern danach erkundigte, sogar echtes Interesse zeigte. Eine Tatsache, die Anna ihm insgeheim höher anrechnete als sie sich es eingestehen wollte. Aber ihre Eltern waren am Ende des Tages keine schlechten Menschen, auch wenn sie sich manchmal die größte Mühe gaben, so zu wirken.
„Komm schon!" Frustriert rieb sie ihre Hände aneinander, hoffte, so etwas Wärme in ihre Fingerspitzen zu bekommen, stand sie jetzt immerhin schon gute zehn Minuten an der Straßenbahnhaltestelle und wartete darauf, endlich ihren Nachhauseweg antreten zu können. Und dabei immer mehr bereute, nicht schon früher gegangen zu sein, würde sie vermutlich den Anschluss verpassen und noch weitere zehn Minuten auf den Bus warten müssen. Vermutlich war sie gegen Mitternacht zuhause, wenn sie Glück hatte. Bevor die Betrunkenen aus den Lokalen der Stadt stolperten, viele von ihnen mit Masken im Gesicht, waren es doch nur noch zwei Tage bis Halloween.
„Wegen einem Verkehrsunfall fährt die Linie fünf derzeit nicht zischen..."
„Verdammt!" Verzweifelt starrte Anna den Lautsprecher an, der eben die unheilvollen Worte wiederholte, sie noch vor einem Jahr mit Panik erfüllt hätten, musste sie nun einen anderen Weg nachhause nehmen, zur Bushaltestelle ein paar Straßen weiter gehen, wie sie es im vergangenen Jahr schon einige Male hatte tun müssen, das erste Mal zum Glück bei Tageslicht.
Und doch, in der Dunkelheit wurde selbst eine bekannte Strecke zu einem unheimlichen Labyrinth, vor allem die letzte Gasse, die es zu durchqueren galt, bevor sie auf der nächsten hell beleuchteten Straße stand. Die Gasse, von deren Wänden der Klang ihrer Schritte wiederhallte, die immer enger zu werden schien, immer dunkler. Nur noch ein paar Schritte, dann hatte sie es geschafft, ein paar Schritte noch, dann würde sie das bedrückende Gefühl loswerden, sich ihr Herzschlag wieder beruhigen. Nur noch ein paar Schritte.
„Hey Süße!"
Authors Note
Und damit erkläre ich das Drama offiziell für eröffnet. Davon abgesehen bekommt Rob ab jetzt eine größere Rolle, wiel der gute hat so einiges zu verheimlichen...
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...