Sie sangen, sangen gemeinsam, jeder so laut wie es nur möglich war. Dabei ging es ihnen längst nicht mehr darum, die einzelnen Töne zu treffen, sondern den Raum mit Geräuschen zu füllen. So viel Lärm zu erzeugen, dass die einzelnen Stimmen nicht mehr zu unterscheiden waren und zu einem großen Ganzen verschmolzen. Nicht mehr auffiel, dass eine Stimme fehlte, die kräftigste von allen. Dass die unerträgliche Stille, die deswegen herrschte, nicht mehr so schwer auf ihnen lastete. Aber so sehr sie es auch versuchten, es wollte ihnen nicht ganz gelingen.
„Happy Birthday, dear Delsons, Happy Birthday to you!" Joe nutzte das Tortenmesser als Dirigierstab und bedeutete seinen Freunden mit einer dramatischen Geste für die Geburtstagskinder zu klatschen, während diese versuchten, alle Kerzen mit einem Atemzug auszulöschen. Ein Vorhaben, das sich angesichts der Tatsache, dass Dave seine Freundin dazu überredet hatte, vierzig Kerzen auf der Torte zu platzieren, als nicht ganz einfach herausstellte.
„Ah, Wachs mit Schlagsahne!"
„Deine Schuld, Dave." Rob blendete das Geplänkel seiner Freunde einen Moment aus und ließ stattdessen seine Gedanken wandern, ein Jahr zurück zu Brad und Elisas neunzehnten Geburtstag. Zu dem sich Chester wie immer seine Späße mit ihnen erlaubt hatte und ihnen jeweils eine Schachtel Kondome geschenkt hatte, damit sie ausführlich, aber ohne Reue feiern konnten. Er wie so oft lauter als die anderen zusammen gesungen und dabei sein Bestes gegeben hatte, die Stimmlage eines Opernsängers zu imitieren. Nur um anschließend so viel Torte zu essen, dass er den Rest des Abends bewegungsunfähig auf dem Sofa gelegen war.
Nun aber gab es niemanden, der Elisa ausführlich darauf hinwies, dass dear Delsons wesentlich praktischer war als dear Brad and Elisa, bis sie ihm genervt ein weiteres Stück der Torte gab damit er sie einen Moment in Ruhe ließ. Niemanden, der die beiden fragte, was sie sich denn gegenseitig zum Geburtstag schenken würden, einiger unangemessener Vorschläge inklusive. Niemanden, der den Rest des Tages Happy Birthday singen würde, wann auch immer es ihm danach war.
„Erde an Rob!" Mike bewegte seine Hand wiederholt durch sein Blickfeld und zwang ihn damit, sich wieder auf den Raum zu konzentrieren, auf die Tatsache, dass Chester heute nicht hier war, sondern verletzt im Krankenhaus lag. „Willst du was zu trinken?"
„Ja", zog er das Wort unnötig in die Länge und beäugte skeptisch den Becher, der ihm gereicht wurde, ehe er vorsichtig an der nicht identifizierbaren Flüssigkeit darin schnupperte. Sie roch süßlich, so als ob sie ihm ein falsches Gefühl der Sicherheit geben wollte. Etwas, das er unter anderen Umständen als einladend betrachtet hätte, nun aber negative Gefühle in ihm weckte. „Was ist das?"
„Selbstgemachte Limo", erklärte ihm Linsey, ehe sie im selben Atemzug sämtliche Inhaltsstoffe auflistete. Und schließlich noch bewusst so unbeschwert wie sie konnte auf seinen panischen Tonfall einging. „Keine Sorge, wir vergiften dich schon nicht."
„'Tschuldigung." Verlegen starrte er in den Becher und wünschte, seine Wangen würden nicht mit dessen roter Färbung konkurrieren. Er hätte wissen sollen, dass an diesem Tag niemand von ihnen Alkohol trinken würde, auch wenn es zwei Geburtstagskinder zu feiern galt. Zu frisch waren dazu die Erinnerungen an den Streit mit Chester im Krankenhaus. Daran, dass er nicht bei ihnen war und somit keine rechte Feierstimmung aufkommen wollte, weil er alkoholisiert am Steuer seines alles andere als straßentauglichen Autos gesessen war und deswegen einen Unfall gebaut hatte.
Vielleicht war es aber auch kein Unfall gewesen. Immer und immer wieder war Rob dieser Gedanke in den letzten beiden Tagen durch den Kopf gegangen. Vor allem, als sie am Vorabend beschlossen hatten, dass das Feiern keinen Sinn mehr machte und stattdessen schweigend das Wohnzimmer zusammengeräumt hatten. Es dabei niemand so recht gewagt hatte, Chesters Mikrofon anzufassen, das immer noch dort gelegen hatte, wo es von ihm hinterlassen worden war. Er sollte es schließlich sein, der es in den Proberaum trug. Da ihm das aber nicht möglich gewesen war und sie es auch nicht hatten zurücklassen wollen, hatte Mike es schließlich am Nachmittag, als sie gemeinsam den gemieteten Van bepackt und alle Instrumente in den Proberaum transportiert hatten, seufzend zu seinem eigenen in eine Schachtel gelegt.
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...
