Chapter Ninety-Four

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tw // self-harm


„Verdammte Scheiße!" Mit all seiner Kraft schleuderte Mike das Handy in Richtung seines Bettes, ohne dabei darauf zu achten, ob er sein Ziel überhaupt traf. Dem Geräusch nach zu urteilen schien die Wucht des Aufpralls ausgereicht zu haben, um das Gerät von dem für es bestimmten Ziel abprallen zu lassen, sodass es nun irgendwo am Boden liegen musste. Ob es dabei noch intakt war oder in tausend Splitter zerbrochen, konnte Mike nicht egaler sein.

„Wie kann sie es nur wagen!" Er riss seine Tür auf und stampfte durchs Wohnzimmer in die Küche, da sich sein Hals immer noch merkwürdig verstopft anfühlte, wie nach beinahe jedem Gespräch mit seiner Mutter. Aus irgendeinem Grund wollte sie einfach nicht verstehen, dass er nicht auch noch von ihr eine Erinnerung an den heiklen Gesundheitszustand seines Bruders brauchte. Schon gar nicht, indem sie so tat, als wäre schon längst alles zu spät. Und das, obwohl immer noch eine winzige Hoffnung bestand, dass er Mike eines Tages wieder beim Musizieren zusah, neben ihm zeichnete, zusammen mit ihm und Dad zum Fischen...

„Nein, nein, nein!" Energisch schüttelte er den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben und stürzte ein weiteres Glas Wasser hinunter, ehe er sich auf den Rückweg in sein Zimmer machte und dabei die Küchentür ins Schloss krachen ließ.

„Mike, ist alles in Ordnung?" Natürlich war Anna durch den Lärm aufgewacht und saß nun als eine in der Dunkelheit nur schemenhaft erkennbare Gestalt am Sofa.

„Geh' wieder schlafen, Anna", murmelte Mike, ohne sich jedoch von der Stelle zu bewegen, als wollte er sich vergewissern, dass sie seinem Befehl auch Folge leistete. Das Letzte, das er jetzt brauchen konnte, war eine Konfrontation mit ihr.

„Du wirkst bedrückt." Ein sarkastisches Lachen entkam ihm ob ihrer banalen Aussage, die nicht einmal annähernd an das herankommen wollte, was er in diesem Augenblick fühlte.

„Ich habe gesagt, du sollst wieder schlafen gehen!", fuhr er sie deswegen scharf an und stampfte in sein Zimmer, ohne Anna einen weiteren Blick zuzuwerfen. Ließ sie durch das Zuschlagen seiner Zimmertür wissen, wie ernst er seine Worte meinte, in der Hoffnung, dass sie ihn nie wieder auf diesen Moment ansprechen würde. Stattdessen ließ er sich auf sein Bett fallen und zog die Bettdecke hoch. Presste sie fest gegen sein Ohr, bis er von vollkommener Stille umgeben war. Das einzige Geräusch, das er noch hörte, war seine eigene Stimme, ein stummes Flehen um ein Wunder.

„Verlass' mich nicht, Jay."

So fest es ging kniff Mike seine Augen zusammen, konzentrierte sich auf die bunten Punkte, die nun vor ihm tanzten. Und doch hinderte das sein Gehirn nicht daran, ihn noch einmal das Gespräch mit seiner Mutter durchleben zu lassen. Oder ihn daran zu erinnern, in welcher Lage sich sein kleiner Bruder befand, den offenbar jeder außer Mike schon aufgegeben hatte. Mike schließlich all die schönen Erinnerungen entgegenschleuderte, nur um dann dazu überzugehen, ihn daran zu erinnern, dass Jason ihm nicht mehr zujubelte, wenn er ihm seine neueste Komposition präsentierte, ihm nicht mehr über die Schulter schaute, um seine Zeichenkünste zu verbessern, ihm nicht mehr mit Begeisterung von seinem Tag erzählte. All die wertvollen Momente waren von der Flut gepackt und mitgezerrt worden, ohne Chance darauf, sie je wiederzubekommen.


„Hey." Annas Stimme dran wie in einem Traum durch seinen Schutzschild, einen Moment bevor er eine sanfte Berührung auf seiner Wange spürte. Sie die Tränen wegwischte, die er so unbedingt vor ihr und der ganzen Welt hatte verstecken wollen. „Alles gut, ich bin da."

„Ich habe doch gesagt, dass du wieder schlafen gehen sollst", wisperte er kraftlos, in der Hoffnung, dass sie zumindest nicht bemerkte, wie zittrig seine Stimme klang. Und doch streichelte sie ihm einmal mehr über die Wange, ehe sie ihm eine Antwort gab.

Break the Cycle |Linkin Park|Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt