Verdattert schlug sie die Augen auf, brauchte einen Augenblick, um sich zurechtzufinden, zu realisieren, wo sie war. Zu bemerken, dass es nichts weiter als ein Traum gewesen war, in dem sie den Student wiedergetroffen, sich mit ihm angefreundet hatte. Dass es sich bei dem klingelnden Geräusch nicht um die Türglocke zu seiner Wohnung handelte, sondern um ihren Wecker, der sie auch am Wochenende erbarmungslos aus den Federn holte, um Punkt sechs Uhr morgens, so wie es ihr beigebracht worden war. Immerhin musste sie um halb sieben, keine Sekunde früher oder später im Esszimmer sein, aufrecht an ihrem Platz sitzen, darauf warten, dass Patty ihnen das Frühstück servierte, die einzige Mahlzeit des Tages, die sie gemeinsam mit ihren Eltern einnahm.
Also blieb ihr nichts anderes übrig, als dem Klingeln des Weckers ein Ende zu bereiten und sich aus dem Bett zu hieven, sich mental auf den Tag vorzubereiten. Bedeuteten Wochenenden doch meistens, dass sie in ihren vier Wänden gefangen war, besonders, wenn es draußen in Strömen regnete. Eine Tatsache, die sie lediglich mit einem Seufzen quittierte, das Grau der Welt wieder mit einem Vorhang aussperrte und stattdessen in die am Vorabend zurechtgelegte Kleidung schlüpfte. Andere würden nun verzweifeln, den freien Tag als verschwendet ansehen. Für sie aber gab es kaum etwas schöneres, als sich in ihrem Zimmer verkriechen zu können, der Welt ein paar Stunden entkommen zu können, in andere Realitäten zu flüchten, sei es nun durch Bücher oder das Verfassen von eigenen Geschichten, selbst wenn sie nun nicht an ihren Lieblingsplatz konnte.
„Na dann." Anna warf ihrem Spiegelbild einen letzten, kritischen Blick zu, strich noch schnell einige störrische Strähnen glatt, ehe sie sich zum Gehen wandte. Dann doch noch kurz innehielt und überlegte, ob die nicht vielleicht zu einem Schal als Accessoire greifen sollte, verfügte ihre Bluse doch nicht nur über lange Ärmel, in denen sie gern ihre Hände verschwinden ließ, sondern auch über einen für ihre Maßstäbe äußerst tiefen Ausschnitt, durch den das feine Kettchen, das nun seit beinahe zehn Jahren um ihren Hals baumelte besonders gut zur Geltung kam. Andererseits würde ihre Mutter vermutlich nur wieder Fragen stellen, wieso sie sich denn so vermummte und dass sie selbstbewusster in ihrem Auftreten sein sollte, als Tochter eines Firmenchefs.
„Lieber nicht", erklärte sie deshalb ihrem Spiegelbild, ehe sie sich auf den Weg machte, würde jede Verspätung doch eine Schelte von ihrem Vater nach sich ziehen. Ebenso wie in dem Fall, dass sie die Stiege hinunter rennen sollte, hatte er ihr doch schon unzählige Male erklärt, dass es einer jungen Dame nicht gestattet sei, sich wie ein Kleinkind beim Fangenspielen zu benehmen. Und aus Erfahrung wusste sie, dass es ihr Leben sehr viel einfacher machte, wenn sie ihm nicht wiedersprach, sich nach seinen Vorstellungen richtete.
Und so stand sie auch jetzt vor der Tür zum Esszimmer, wartete, bis die große Uhr im Wohnzimmer halb schlug, ihr Signal dafür, mit gesenktem Kopf zum Tisch zu huschen, ihre Hände andächtig im Schoß zu falten und zu warten, bis ihre Eltern sich zu ihr gesellten.
„Guten Morgen, Anna." Die leise, noch vom Schlaf leicht raue Stimme ihrer Mutter riss sie schließlich aus ihrer Trance, brachte sie dazu, der Frau einen Moment lang in die Augen zu sehen, ihre Lippen mit dem Versuch eines Lächelns zu umspielen, ehe sie den Gruß mit gespielter Fröhlichkeit, die sie im Laufe der Jahre perfektioniert hatte, erwiderte. Auf die gleiche unechte Art ihren Vater begrüßte, sich anschließend ganz auf den Teller konzentrierte, den Patty vor ihr auf den Tisch stellte. Ein trockener Toast und eine Tasse schwarzer Kaffee, nicht mehr, das war ihr Frühstück. Und selbst diese winzige Portion war für sie oft schon eine beinahe nicht zu erfüllende Herausforderung, kam sie sich doch in Gegenwart ihrer Eltern wie erdrückt vor, konnte die Spannung im Raum förmlich spüren, die immer aufkam, wenn einer der beiden anwesend war.
Aber ihr Frühstück nicht aufzuessen kam nicht in Frage, ein einziges Mal hatte sie es versucht, gefolgt von einer Lektion ihrer Mutter darüber, dass sie gefälligst essen sollte, was am Tisch stand. Dass sie einen weiteren solchen Fehltritt nicht akzeptieren würde. Und so würgte sie das Frühstück Tag um Tag hinunter, versuchte nicht daran zu denken, dass sie einst ohne Mühe nicht nur eine Schale Cornflakes, sondern auch noch ein dick belegtes Brot verputzt hatte und das Ganze mit einer Menge Kakao hinuntergespült hatte. Dabei hatte sich Patty als Retterin in der Not erwiesen, die ihr, auf ihre zurückhaltende Art, unter die Arme gegriffen hatte, indem sie ihr immer weniger hingestellt hatte. Dafür darauf bestand, dass Anna am Abend bei ihr in der Küche aß, eine Vereinbarung an die sie sich nicht immer hielt, war der Toast doch an manchen Tagen das einzige gewesen, was in ihrem Magen gelandet war.
„Sag mal, Anna." Ganz langsam und vorsichtig begann ihre Mutter den Satz, fast so, als wollte sie verhindern, dass sie sich erschreckte, ein sinnloses Unterfangen, wusste sie doch bereits, dass, was auch immer folgen würde, negativ war. Und so erstarrte sie in ihrer Bewegung, die Kaffeetasse auf halber Höhe und wartete ab, wie es sonst nur Personen in Horrorfilmen taten, die damit rechneten, jeden Moment vom Grauen gepackt zu werden. „Musst du wirklich immer diese Kette tragen?"
Eine Frage, die ihr einen Stich ins Herz versetzte, gleichzeitig ihren Körper in Alarmbereitschaft versetzte, sie das Gefühl hatte, das Blut in ihren Ohren rauschen zu hören. Und doch bewegte sie sich keinen Millimeter, verharrte in ihrer Pose und wartete einfach ab, konzentrierte sich auf ihren Atem, versuchte, ihn unter Kontrolle zu behalten.
„Du hast so viel wunderschönen Schmuck und trotzdem musst du immer diese alte Kette tragen. Weißt du, ich habe dir schon so oft erklärt, dass unsere Familie angesehen ist, dass wir etwas repräsentieren. Warum kannst du nicht verstehen, dass zu dem auch gehört, angemessen aufzutreten?" Ihre Mutter blieb ruhig, wie immer, zu ruhig. So, dass Anna die Enttäuschung, die in ihrer Stimme mitschwang nur allzu gut hören konnte, die versteckten Vorwürfe. Wie ungezogen sie doch sei, dass sie nicht auf die Worte ihrer Mutter hörte, man ihr alles tausende Male vorbeten musste, bevor sie etwas verstand.
„Verzeihung", murmelte sie nur, anstelle einer Rechtfertigung, etwa, dass es nur eine kleine Kette sei, die ohnehin meist unter ihrer Kleidung versteckt war, oder, dass es für sie nicht einfach nur eine Kette war, wusste sie doch, dass es aussichtslos war. Aber an der Tatsache, dass weder ihre Mutter noch ihr Vater etwas darauf antworteten, zeigten ihr, dass es ihr nun zumindest gestattet war, in angemessenem Tempo in ihr Zimmer zu flüchten.
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfic» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...