Da war er also wieder, zusammen mit seinem noch immer namenlosen Freund. Saßen zusammen an dem Tisch, an dem sie sich offenbar unbewusst immer niederließen, zumindest hatte sie die beiden noch nie wo anders sitzen gesehen. Außerdem war es Mike, der ihr zugewandt war, sodass sie sich selbst dabei ertappte, wie sie ihn neugierig anstarrte, dabei zusah, wie er angeregt mit seinem Kumpel diskutierte. Worüber, das mochte sie bei den vielen Hintergrundgeräuschen die es hier gab nicht genau feststellen. Vermutlich aber über die Universität, nachdem sie ein Blatt Papier neben sich liegen hatten, dem beide immer wieder fragende Blicke zuwarfen.
Insgeheim hatte Anna schon beinahe gehofft ihn heute wieder zusehen, hatte Mike doch etwas Faszinierendes an sich, das sie nicht genauer beschreiben konnte. Aber irgendetwas an ihm machte es ihr unmöglich, ihn nicht anzusehen, nicht in der Menge nach ihm Ausschau zu halten. Und das, obwohl er bei ihrem ersten Zusammentreffen nicht gerade freundlich gewesen war. Doch nun, wo er ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen hatte konnte sie nur wundern, wer die Person war, die sich hinter den knallroten Haaren und der weiten Kleidung versteckte. Welche Geschichte sich hinter seinen dunklen Augen verbarg.
Da war sie also wieder, die Studentin. Er wusste, dass sie es war, auch ohne ihr Gesicht zusehen. Warum, das konnte er nicht näher erklären, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er richtig war. Dass sie es war, die hier saß, in der beinahe leeren Bibliothek, über ein Buch gebeugt. Und so schlich er vorsichtig ein paar Schritte weiter, wollte das Bild der vollkommenen Konzentration nicht stören, die Andacht, mit der sie dasaß, den Kopf auf einer Hand abgestützt während ihre Haare schon fast wie gekünstelt über ihre Schulter fielen.
Jetzt, wo er in sicherem Abstand neben ihr stand, hatte er auch seinen Verdacht bestätigt, würde er ihre Augen doch mittlerweile unter tausenden erkennen. Etwas an ihr ließ ihm keine Ruhe, verfolgte ihn bis in seine Träume. Abgesehen von der Tatsache, dass sie ihn noch immer an ein lebendiges Skelett erinnerte, das in einer viel zu weiten Weste steckte, die auch noch die Hälfte ihrer Hände verbarg, beinahe so, als wollte sie ganz darin verschwinden.
Nein, nicht verschwinden, wie ihm jetzt bewusst wurde, sie wollte etwas verbergen. Würde sie wirklich verschwinden wollen, wäre sie wohl kaum noch Studentin an dieser Universität, hatte er doch letztes herausgefunden, zu welchem Studium sie gehörte. Oder zumindest war sie in der Menschenmenge gewesen, zu der ein weiteres bekanntes Gesicht gehörte. Der Grund, warum er dort gewesen war, hatte er doch etwas mit ihm zu besprechen gehabt.
Dass die Studentin aber im dritten Semester noch immer versuchte sich unsichtbar zu machen, sogar hier, an einem Ort, an dem sich realistisch gesehen nie eine Menschenseele aufhielt, sagte ihm, dass sie etwas verstecken musste, hinter dem so ordentlichen Auftreten, hinter ihren großen Augen, die ihn so faszinierten. Zusammen mit ihrer mysteriösen Geschichte, von der er immer mehr in ihren Bann gezogen wurde, wie sehr er sich auch dagegen zu wehren versuchte.
„Anna, du gehst heute zum Arzt!" Seufzend ahmte sie die Stimme ihrer Mutter nach, während sie die Tür zum Krankenhaus ins Schloss fallen ließ. Dabei war es nicht so, als hätten sie die Pläne nicht überrascht, hatten ihre Eltern doch noch nie Sorgen über ihren Gesundheitszustand geäußert, nicht einmal damals, als sie eine Woche im Krankenhaus verbracht hatte, damals mit vierzehn.
Aber ausgerechnet heute hatten sie ihr eröffnet, dass sie um halb zehn einen Termin hatte und absolut keine Chance für sie bestand, nicht dorthin zu gehen. Und so war sie gleich nach dem Frühstück in die Küche gehuscht, hatte sich wichtige Tipps von Patty geholt, die sie so lange durchgegangen waren, bis sie sich sicher war, die Situation auswendig zu kennen.
Sie würde zum Schalter gehen, zu dem im Erdgeschoss, ihren Namen sagen und dass sie einen Termin hatte. Den Anweisungen der Schwester folgen, wenn sie denn welche hatte. In der zugewiesenen Wartezone bleiben, bis ihr Namen aufgerufen wurde. So wie früher, als es noch Pattys Aufgabe gewesen war, mit ihr zum Arzt zu gehen. Wie damals, als sie zusammen darauf gewartet hatten bis überprüft worden war, wie die Heilung ihrer Wunden voranschritt.
Genau genommen war dieser Arzttermin eine riesen Zeitverschwendung, saß sie wahrscheinlich mindestens eine halbe Stunde hier herum bevor sie dem Arzt eine einstudierte Rede liefern würde um einer Behandlung wegen Untergewicht zu entkommen. Dass sie lediglich im letzten Jahr immer wieder mit Appetitlosigkeit gekämpft hatte und bereits wieder am Weg der Besserung war. Dass sie darauf achtete, am Tag drei Mahlzeiten zu sich zu nehmen und langsam aber sicher wieder ihr Normalgewicht erreichte. Und dass es ihr ansonsten gut ging, sie keine Beschwerden hatte. Das musste hoffentlich reichen.
Und wie erwartet spazierte sie wenig später durch die weißen Gänge, war wie zu erwarten mit einem kurzen allgemeinen Gesundheitscheck davongekommen. Womit die ganze Aktion wie befürchtet eine Zeitverschwendung war, von der Tatsache abgesehen, dass sie überraschend ruhig war, ihre Hände nicht zitterten, als sie eine weitere Tür in diesem endlosen Labyrinth aufstieß, sich ihren Weg zurück nach draußen suchte, während immer wieder vereinzelt Schwestern und Ärzte an ihr vorbeihuschten, mit ihren weißen Mänteln fast nicht von der Umgebung zu unterscheiden waren. Und vielleicht gerade deswegen fiel ihr das Rot sofort ins Auge, auch wenn ihr Gehirn einen Moment länger brauchte um zu realisieren, was, oder besser gesagt wer sich da eben an ihr vorbeibewegt hatte.
Wie in Zeitlupe drehte sie sich um, lief noch einige Schritte, ehe sie stehen blieb und Mike beinahe fassungslos anstarrte, der wenige Meter von ihr entfernt zu stehen gekommen war, sie ebenso ungläubig ansah, als wäre sie ein Gespenst, eine Einbildung. Er schien einen Moment gebraucht zu haben um sie zu erkennen, sah er sie doch auch jetzt noch immer fragend an, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob seine Augen ihn nicht doch täuschten. Generell wirkte er nicht fokussiert wie sonst, sondern vielmehr etwas abwesend. Und noch etwas fiel ihr auf, einen Moment, bevor sie sich beiden wieder aus ihrer Starre losrissen, die Zeit um sie herum wieder zu fließen begann.
Er hatte Tränen in den Augen.
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...
