Guten Morgen!
Ich hoffe, du hast gut geschlafen.
Linsey kommt später vorbei und nimmt dich mit.
Du kannst dich gerne in der Wohnung umschauen, im Kühlschrank sollte noch irgendetwas Essbares sein. Und ich habe dir einen Pulli gebracht( falls dir kalt wird).
Bis später,
MikeImmer und immer wieder las Anna die kurze Notiz, offenbar in Eile auf die Rückseite einer Rechnung gekritzelt, während sie langsam zu realisieren begann, dass sie sich die Ereignisse der vergangenen Nacht nicht eingebildet hatte und sie tatsächlich bei Mike und Joe gestrandet war. Eigentlich hatte sie sich vor dem Einschlafen noch vorgenommen, ihnen für diesen Tag Glück zu wünschen, doch offenbar war sie so erschöpft gewesen, dass sie nicht aufgewacht war, als die beiden in der Früh aufgebrochen waren und war schließlich erst gegen Mittag wach geworden, fürchterlich verwirrt darüber, wo sie sich eigentlich befand.
Und als sie sich schließlich aufgerafft hatte, hatte sie Mikes Nachricht gefunden, die zusammen mit einem Pullover vor die Couch gelegen hatte, so, dass es unmöglich war die Sachen zu übersehen. Beim Gedanken daran, dass Mike sich die Mühe gemacht hatte ihr diese Zeilen zu schreiben obwohl er sicherlich fürchterlich gestresst war, wurde ihr warm ums Herz. So abwesend er vor wenigen Stunden noch reagiert hatte, sie wusste genau, wie sehr er sich um sie sorgte. Dass sie hier saß, in seiner Wohnung, seiner Kleidung, seine Nachricht in der Hand, wie immer mit einer kleinen Kritzelei die an einen Totenkopf erinnerte verziert, war der beste Beweis dafür.
Nachdem er allerdings nicht dazugeschrieben hatte, wann Linsey auftauchen würde, beschloss sie kurzerhand auf sein Angebot einzugehen und sich etwas in der Wohnung umzusehen, auch wenn sie ihr schlechtes Gewissen daran erinnerte, dass sie gerade dabei war, in die Privatsphäre von Joe und Mike einzudringen. Weshalb sie schließlich dazu entschied, zunächst die Küche unter die Lupe zu nehmen, die Vermutung im Hinterkopf, dass sich das bunte Chaos aus den übrigen Räumen fortsetzen würde. Immerhin hangen sogar im Badezimmer Bilder an den Wänden und die Fliesen waren ebenfalls übermalt worden, auch wenn die himmelblaue Schicht an manchen Stellen schon absplitterte und wieder das langweilige Braun darunter freigab.
Umso überraschter war sie, als sie die Küche im komplett aufgeräumten Zustand vorfand, nicht einmal die Kaffeetassen standen benutzt herum, sondern warteten blitzblank geputzt und feinsäuberlich neben der Spüle auf einem Handtuch aufgereiht darauf, wieder mit Mikes Lebenselixier befüllt zu werden.
„Kochen ist wohl nicht euer Ding, was?" Schmunzelnd drehte sie sich zum Kühlschrank, der so farblos war wie der Rest des Raumes, nicht einmal Magneten waren an die Tür geheftet.Im Kühlschrank sollte noch irgendetwas Essbares sein. Als hätte sie sich am metallenen Griff verbrannt zog Anna ihre Hand zurück, sobald ihr die Zeilen in den Sinn kamen, war Essen doch das Letzte, wonach ihr im Moment zumute war. Zu schwer lag ihr dafür der vergangene Abend noch im Magen. Stattdessen ging sie weiter in den nächsten Raum, die kleine Abstellkammer, deren Tür sich nur halb öffnen ließ und die ganz offenbar als Lager für diverse Farben, Stifte und Leinwände, sowie einer Menge Papier diente, stapelten sich doch sogar auf der Waschmaschine, die gerade so in den ohnehin heillos überfüllten Raum passte, einige Dosen und Pinsel.
Und schließlich stand sie wieder vor der Tür zu Mikes Zimmer, die nur angelehnt war und damit förmlich danach schrie, dass sie den Raum betrat und sich umsah, einen kleinen Blick auf das warf, was Mike sonst versteckte und davon, so viel war sie sich mittlerweile sicher, gab es immerhin eine Menge. Dennoch, als sie ihre Hand nach der Tür ausstrecken wollte, war es, als wäre sie auf der Stelle festgefroren und starrte stattdessen einfach weiterhin auf das helle Holz und den schmalen Streifen Licht, der vor ihren Füßen auf den Boden fiel, bis sie sich schließlich losriss und zurück ins Wohnzimmer ging, um ein weiteres Mal an diesem Tag den Inhalt ihrer kleinen Tasche vor sich auf der Couch auszubreiten.
Ihre Geschichten, das war alles, was sie im Moment hatte. Ihre Geschichten und das leere Buch, das Patty ihr vor nicht einmal zwei Wochen geschenkt hatte und das dazu dienen sollte, ihre eigene Geschichte festzuhalten. Beinahe schon so als hätte sie geahnt, was Anna bevorstehen würde und dass ihre Tage nicht mehr nur stets gleich verlaufen, sondern mit Abenteuern gefüllt sein würden. Wobei es allerdings noch etwas gab, das sie bei sich trug, nämlich das Armband, das sie von ihren Eltern bekommen hatte und das sie nun immer dann, wenn die Anhänger aneinanderschlugen und ein leises Geräusch von sich gaben, daran erinnerte, wie sie von ihnen behandelt worden war, als sie einmal nicht das Püppchen spielte, das sie in ihr sahen. Andererseits konnte sie sich auch nicht von dem Schmuckstück trennen, so stark der Impuls auch war, es einfach von ihrem Handgelenk zu reißen und so weit weg zu werfen, wie sie nur konnte. Immerhin hatten ihre Eltern sich etwas dabei gedacht, als sie die Anhänger ausgesucht hatten, vielleicht sogar mehr, als Anna bereit war ihnen zuzugestehen. Dir steht die ganze Welt offen. Und jetzt, wo sie endlich frei war, hatte ihr Vater damit wohl wirklich Recht, auch wenn sie in diesem Moment lieber nicht daran denken wollte was es bedeutete, unendliche viele Möglichkeiten und keine Verpflichtungen zu haben.
„Live the story you want to tell." Nachdenklich fuhr sie über den Schriftzug auf dem leeren Buch, ehe sie sich aufraffte, um einen der unzähligen Stifte, die zu ihrem Glück in der ganzen Wohnung verstreut waren, zu holen und begann, die Ereignisse der letzten Wochen so detailgetreu wie sie es nur konnte wiederzugeben.
„Bin unterwegs!" Erst das Läuten an der Türe unterbrach Annas Schreibfluss und ließ sie das Tagebuch weglegen, dessen erste Seiten mittlerweile gut gefüllt waren, obwohl es immer noch eine Menge zu erzählen gab, bis sie überhaupt zu ihrer Flucht kommen würde, die sie sich so unbedingt von der Seele schreiben wollte.
„Hey Anna!" Kaum hatte sie die Türe geöffnet, wurde sie auch schon von Linsey umarmt, die wie immer äußerst gesprächsfreudig war. „Tut mir Leid, dass ich etwas spät dran bin, aber im Café war heute mal wieder die Hölle los! Außerdem sind wir momentan einfach chronisch unterbesetzt, wirklich fürchterlich, deshalb muss ich die ganze Zeit Überstunden machen. Aber genug davon, wie geht es dir?"
„Ganz okay denke ich", gab Anna ihr eine ehrliche Antwort, die mit einem Nicken zur Kenntnis genommen wurde, ehe Linsey ihr erklärte, warum sie überhaupt hier war.
„Mike hat heute in der Früh bei meiner Arbeit angerufen und mich gebeten, am Nachmittag zu dir zu kommen, damit ich dir ein paar Sachen", sie hielt den vollgestopften Plastiksack in ihrer Rechten in die Höhe, ehe sie den Inhalt auf Annas Bett kippte, „bringen kann und wir dann zu Dave und Brad fahren können."
„Das ist sehr nett von dir, danke!" Nachdem Linsey beinahe gleich groß war wie sie würde ihre Kleidung zweifelsohne passen, aber die Tatsache, dass das meiste davon verdächtig eng aussah ließ in Anna den Entschluss reifen, auf jeden Fall Mikes Pullover zu behalten, der sich wie eine Art Schutzschild anfühlte.
„Kein Ding", wank sie ab, „ich war nicht diejenige, die sich das ausgedacht hat. Ich sag's dir, Mike hat dich echt ins Herz geschlossen." Sie zwinkerte ihr zu, während Anna augenblicklich die Röte ins Gesicht stieg, hatte sie es doch noch nicht wirklich gewagt darüber nachzudenken, was sie eigentlich für Mike war. Oder er für sie.
„Denkst du wirklich?" Einerseits hatte er sie geküsst, hatte sie unzählige Male im Arm gehalten und bewiesen, dass er immer für sie da war, auf der anderen Seite wollte ihr aber nicht aus dem Kopf gehen, wie abweisend er in der Nacht von einer Sekunde auf die andere geworden war. Wie viel er vor ihr verborgen hielt.
„Absolut. Weißt du, ich kenne ihn jetzt doch schon eine ganze Weile und wie du dir vielleicht denken kannst, haben wir auch das eine oder andere Mal versucht, ihn mit jemandem zu verkuppeln, aber das ist jedes einzelne Mal sowas von danebengegangen. Er will einfach niemanden an sich heranlassen, gut, das kann ich irgendwie verstehen, bei all dem, was er durchmachen hat müssen, aber..." Als hätte sie ihr gerade ein Geheimnis verraten, schlug sich Linsey eine Hand vor den Mund, ehe sie sich mit großer Sorgfalt daran machte die Kleidungsstücke einzeln zu begutachten.„Was meinst du damit?", konnte es Anna dennoch nicht lassen weiter nachzuhaken, da ihr Gegenüber offenbar weitaus mehr wusste als sie es tat und womöglich die Erklärung für Mikes Verhalten liefern konnte.
„Das soll er dir lieber selbst erzählen, ich habe vermutlich ohnehin schon genug gesagt. Aber dräng' ihn nicht, sonst wird er sich vermutlich nur noch weiter verschließen", gab Linsey ihr noch einen Ratschlag mit auf den Weg. „Deswegen ist es auch so schwer, ihm neue Menschen vorzustellen."
„Während ich wortwörtlich in sein Leben gestolpert bin", murmelte Anna nachdenklich, konnte sie es doch immer noch nicht glauben, wozu dieses kleine Missgeschick geführt hatte.
„Er war ganz schön sauer auf dich, aber ich denke mal, das ist vielleicht wirklich der Grund, warum das zwischen euch beiden so gut funktioniert. Es war sozusagen Schicksal, dass ihr euch trefft und dagegen kann nicht einmal sein ewiges Abschotten etwas ausrichten."
„Mhm." Wenn Annas Wangen zuvor schon rot gewesen waren, so war sie sich nun sicher, dass ihr Gesicht jeden Moment in Flammen aufgehen würde, da ihr bestens bewusst war, was Linsey andeuten wollte.
„Naja, wie auch immer, wir sollten uns dann mal langsam auf den Weg machen, ich bin mir zwar nicht sicher, bis wann die Herren der Schöpfung wieder hier sein werden, aber ich möchte ungern die Letzte sein, die erfährt, wie der Tag gelaufen ist. Was wär' ich dann nur für eine Freundin!" Damit war sie auch schon in den Vorraum verschwunden und ließ Anna mit dem Kleidungshaufen, glühenden Wangen und den Gedanken daran, wie eine Beziehung mit Mike aussehen könnte, zurück.„Sei vernünftig." Ermahnte sie sich schließlich selbst, vertrieb einmal mehr jeglichen Gedanken an den Kuss aus ihrem Kopf und erinnerte sich stattdessen daran, dass sie derzeit kein zusätzliches Gefühlschaos brauchen konnte. Außerdem war Mike am Ende des Tages einfach nur ihr bester Freund, nicht mehr und nicht weniger.
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...