„Bereit?" Mike sah sie fragend an, eine Hand auf der Türklinke, die andere noch immer auf ihrem Rücken, eine sanfte Berührung, die Anna das nötige Gefühl der Sicherheit verlieh, um seine Frage mit einem Nicken zu beantworten. Auch wenn sie wusste, dass sie es keineswegs war, ihr Herz bis zum Hals schlug, als er ihr die Tür aufhielt und sie vorsichtig ins Innere des Hauses trat, in dem eine Welt auf sie wartete, die für sie noch gänzlich unbekannt war.
„ANNA!" Keine Sekunde hatte sie Zeit gehabt, sich umzusehen, die ungewohnte Umgebung auf sich wirken zu lassen, da hatte sie auch schon jemand in die Arme geschlossen und an sich gedrückt, als würde sie diese Person schon seit Jahren kennen. „Du existierst tatsächlich!"
„Natürlich existiert sie, Chester." Sehr zu ihrer Erleichterung wurde sie nach einigen Sekunden wieder losgelassen, hatte sie die Umarmung doch wie erstarrt über sich ergehen lassen, wie immer, wenn ihr jemand zu nahe kam. Umso verwunderlicher war es deshalb für sie, dass sie sich beinahe nach Mikes Nähe sehnte, sie förmlich zu suchen schien.
„So klar ist das nicht!" Der Sänger klopfte seinem Freund auf die Schulter, ehe er sich wieder Anna zuwandte, ihm offenbar einfiel, dass sie sich eigentlich noch nicht kannten und sie seine Worte daher auch als ziemlich abweisend interpretieren konnte. Zumindest schien er ihr Stirnrunzeln zu bemerken, da er sogleich eine Erklärung lieferte.
„Weißt du, Anna, unser Shinizzle hat noch nie jemanden zur Probe mitgebracht, jetzt war ich mir nicht sicher, ob er es dieses Mal wirklich ernst meint. Eigentlich wollte ich ja mit ihm wetten, aber so gesehen ist es besser, dass ich es nicht getan habe, sonst wäre ich jetzt einen Zehner los." Amüsiert betrachtete Anna den Mann, der nicht nur mit seiner Stimme, sondern gleich mit seinem ganzen Körper zu reden schien, seine Hände zur Hilfe nahm um jedes einzelne Wort zu unterstreichen. Und so viel ihr Blick auch auf seine Handgelenke, genauer gesagt auf die bunten Flammen darauf, die sich mit ihren leuchtenden Farben besonders schnell in ihr Gedächtnis brannten.
„Das ist übrigens Chester Bennington, unser Leadsänger", erklärte Mike mit einem Schmunzeln, während er seine Jacke auf einen der Haken im Vorraum hängte und sein T-Shirt zurechtzupfte, sofern das bei der Größe des Kleidungsstückes überhaupt möglich war.
„Stimmt, aber jetzt lasst uns doch mal ins Wohnzimmer gehen, die anderen warten schon." Und damit hatte Chester ihr auch schon einen Arm auf den Rücken gelegt, sodass sie die Wärme seiner Berührung spüren konnte, fast so, als würden diese Flammen wirklich brennen. Eine Tatsache, die sie unbewusst eines ihrer Handgelenke umfassen ließ, wie immer verborgen von einer viel zu langen Bluse, sodass niemand sehen konnte, was für immer ihren Körper zeichnen würde.
„Leute, Anna ist da!", kündigte sie Chester Sekunden später mit seiner lebhaften Stimme an, woraufhin das Trommeln, das bis eben aus dem Raum gekommen war, augenblicklich verstummte und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sie gerichtet war.
„H-hallo!" Schüchtern hob sie eine Hand und sah sich dabei in dem umfunktionierten Wohnzimmer um, während ihr Gruß deutlich sicherer erwidert wurde und Mike beschloss, dass es an der Zeit war, ihr den Rest der Band vorzustellen, da ihm klar war, dass sie aus den Beschreibungen von ihm und Joe kaum schließen konnte, wer der Anwesenden nun wie hieß.
„Also gut, Leute, das ist meine Freundin von der Uni, Anna..."
„Hillinger, oder?" Verdutzt ließ sie ihren Blick in die Richtung der Stimme wandern, die ihr verdächtig bekannt vorkam. Wie auch die Person mit den dunklen Locken, die mit einer Gitarre in der Hand am Sofa lümmelte und sie nun neugierig musterte.
„Du studierst zusammen mit mir!" Lächelnd klatschte sie in die Hände, hätte sie doch niemals gedacht, dass einer ihrer Studienkollegen zu Mikes Band gehören würde. Allerdings musste sie verlegen zugeben, dass sie nicht wirklich mehr über ihn wusste. „Aber ich hab vergessen, wie du heißt."
„Brad Delson", stellte er sich mit einem verschmitzten Lächeln vor. „Vielleicht erfahre ich jetzt ja, was du immer so schreibst?"
„Das ist dir aufgefallen?" Die Tatsache, dass er ihren Namen gekannt hatte, war schon eigenartig genug für sie gewesen, immerhin hatten sie außerhalb der Lehrveranstaltungen nie ein Wort miteinander gewechselt. Wenn sie denn überhaupt einmal gesprochen hatte.
„Du sitzt seit drei Semestern in allen Vorlesungen, in denen ich bin, hast irgendwie in jedem Hörsaal deinen Stammplatz und bist immer eine der Ersten, die da sind. Natürlich ist mir das aufgefallen!" Amüsiert schüttelte er seinen Kopf, sodass die Locken mitwippten, während Chester kurzerhand beschloss, dass es Zeit war, mit der Vorstellungsrunde fortzufahren.
„Ihr werdet noch eine Menge Zeit zum Plaudern haben, keine Sorge. Das ist jedenfalls seine Ehefrau Elisa." Er deutete auf die junge Frau, die neben Brad am Sofa saß und sich augenblicklich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlug, ehe sie seufzend das Wort von ihm übernahm.
„Ich bin zwar nicht mit ihm verheiratet, aber freut mich trotzdem, dich kennenzulernen." Auch wenn sie noch immer wie festgewurzelt dastand und ihr Handgelenk wieder umklammert hielt, spürte Anna, wie sie jede Sekunde ein wenig lockerer wurde, tief im Inneren wusste, dass sie die Truppe ins Herz schließen würde, ob sie es wollte oder nicht. Und dann auch Witze verstehen würde, die sie jetzt noch in Verwunderung versetzten, während Chester schallend über seine eigenen Worte und Elisas Reaktion darauf lachte.
„Joe kennst du ja schon, der Typ da heißt Dave", Mike wanderte zu dem Bassisten, dessen rötliche Haare unter einer Haube hervorlugten, die wohl als modisches Statement dienen sollte.
„Oder auch Phoenix, hi!" Er winkte ihr kurz zu, ehe er einen Blick auf die Armbanduhr warf. „Meine Freundin Linsey sollte auch noch irgendwann auftauchen."
„Bin schon da!" Kam die gerufene Antwort aus dem Vorraum, ehe sie ins Zimmer stolziert kam und Anna zum zweiten Mal binnen weniger Minuten umarmt wurde, als wäre sie eine Freundin aus Kindestagen und hätte die Frau, die scheinbar die Fröhlichkeit in Person war, nicht gerade erst kennengelernt. „Tut mir Leid, dass ich zu spät war, aber es war einfach die Hölle los und mein Boss hat die Leute wieder einmal so dämlich eingeteilt. Dabei macht sie das schon eine Ewigkeit und man möchte meinen, dass sie langsam versteht, dass wir am Freitag die meisten Gäste habe, aber nein!" Sie ließ ihren Kopf einen Moment hängen, ehe ihr strahlendes Lächeln wieder zurückkehrte und sie munter weiterplauderte. „Aber ich freu mich so, dass du da bist, wir Mädels sind hier ja so was von in der Unterzahl, komm." Und damit wurde sie in Richtung Sofa befördert, das noch immer zum Großteil von Brad und seiner Gitarre in Beschlag genommen wurde.
„Kusch, Brad, weg mit dir." Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihm Platz zu machen, einem Befehl dem er mit einer unnötigen Verbeugung Folge leistete, sodass Anna Sekunden später zwischen den beiden Frauen saß und ihr Blick zum letzten noch unbekannten Bandmitglied wanderte, das sich hinter seinem Schlagzeug versteckte und beinahe noch ein wenig schüchterner zu ihr als sie zu ihm sah.
„Ich bin Rob", erklärte er schließlich kurz, seine Stimme das genaue Gegenteil von Chesters. Und noch im gleichen Moment kam in Anna das Gefühl auf, dass dies nicht ihr ersten Treffen mit dem Mann mit den langen Haaren und dem Kinnbart war, auch wenn ihr bei bestem Willen nicht einfallen wollte, wo sie ihm begegnet war. Vermutlich aber hatte sie ihn lediglich auf der Straße gesehen, war die Wahrscheinlichkeit, noch einen von Mikes Freunden schon zuvor getroffen zu haben, einfach zu gering.
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...