„Was meinst du damit, Chester?", wusste Anna offenbar nicht recht, auf was er hinauswollte, begriff nicht ganz, was sie eben mit einer harmlosen Frage losgetreten hatte. Was vielleicht auch besser so war, wusste Mike doch bereits, dass die Situation kein gutes Ende nehmen würde und er nicht wollte, dass sie sich im Nachhinein die Schuld dafür gab. Immerhin war er derjenige, der dafür verantwortlich war.
„Wann hast du vor, es ihr zu sagen, Mike?", warf ihm Chester die Frage entgegen, deren Antwort er seit Wochen versuchte zu finden, immer weiter hinausgezögert hatte. So lange, bis es schließlich zu spät gewesen war. Und hier standen sie nun. „Wann?", wiederholte er seine Frage mit noch mehr Nachdruck, während Mike sich mehr wie ein Zuseher als Teil des Spektakels vorkam. „Wenn ihr verheiratet seid und drei Kinder habt?"
„Hör auf!" Nicht in der Lage war, ihm die Stirn zu bieten, irgendetwas zu sagen, das dazu beitrug, die Lage zu deeskalieren. Nur dastehen und seinen Freund anstarren konnte, während der Alkohol, die Vorwürfe, Chesters Wut und Annas Verwirrung an alten Wunden zerrten und drohten, sie wieder aufzureißen. Und die Mauer, die er so sorgsam um sich herum gebaut hatte wieder einzustürzen drohte.
„Wovon redet ihr!", schrie nun auch Anna die beiden an, um sich endlich Gehör zu verschaffen. Damit dafür sorgte, dass Chester von Mike abließ und stattdessen einen Arm um ihre Schulter legte, sich praktisch auf sie hing, während die Wut auf seinen Freund und sich selbst immer weiter in Mike aufstieg.
„Hat dir Mike nie erzählt, was er angestellt hat?" Aber er hatte es Chester erzählt und ihm im selben Atemzug das Versprechen abgenommen, nie auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. Und genau dieses Versprechen brach er nun mit einem selbstgefälligen Grinsen. „Na, dann hör' mir j-"
„Halt deine verdammte Klappe, Chester!", war es nun an Mike, ihn zu packen und von Anna wegzuzerren, ihn einen Moment finster anzustarren. Der Vorfall damals war nicht seine Schuld gewesen, nicht seine Absicht, auch wenn er jede einzelne Sekunde seines Daseins dagegen ankämpfen musste, genau das zu glauben. Es nur dank seiner Freunde schaffte, die Stimmen in seinem Kopf zu ignorieren und am Ende des Tages in den Spiegel zu sehen. Und jetzt wandte sich ausgerechnet sein bester Freund gegen ihn. Gab den Stimmen Recht.
„Bitte sehr, ich bin ja schon weg!", fauchte Chester und stieß ihn weg, ehe er sich zur Tür wandte. „Tut mir Leid, dass ich eure Idylle gestört habe, aber jetzt habt ihr ja wieder eure Ruhe vor mir!"
„Chester!" Streit hin oder her, wenn er jetzt das Haus verließ gab es noch eine Sache, für die sich Mike die Schuld geben musste. „Wo willst du hin?", fragte er ihn deshalb, obwohl er die Antwort nur zu gut kannte.
„Weg von dir Scheißkerl!"
„Mach das nicht", gab sich Mike Mühe, seine Stimme wieder zu senken, in der Hoffnung, die Lage damit zumindest etwas zu entspannen. Ohne Erfolg allerdings.
„Du kannst mich Mal, Mike!" Zur Bestätigung streckte er ihm noch den Mittelfinger entgegen, ehe er nach draußen verschwand, praktisch die Flucht vor ihm ergriff.
„Chester!", realisierte Anna etwas schneller, was eben geschehen war und rannte ihm trotz ungeeignetem Schuhwerk hinterher, ehe auch Mike ihr folgte.
„Bleib bit-"
„Mike! Komm schnell!" Einer der Partygäste, dessen Namen er nicht kannte, kam ins Freie gestürmt und schnitt ihm das Wort ab, was allerdings nicht bedeutete, dass er und Anna ihre Verfolgungsjagd aufgaben, sondern rannten ihm weiter die Straße hinunter nach.
„Ich habe jetzt echt andere Probleme!", rief er deshalb zurück und wollte dem Ganzen keine weitere Beachtung schenken, bevor er schließlich die Worte hörte, die ihn wieder auf den Boden der Realität zurückbrachten. Ihm mit einem Schlag bewusst war, wie kalt und dunkel die Nacht war, in die Chester trotz aller Bemühungen verschwunden war.
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...