„Scheiße!" Mikes Stimme, wenn auch nur ein Flüstern, schnitt scharf wie ein Messer durch Annas Traumwelt und ließ sie hochschrecken. Doch mehr als einen Spalt konnte sie die Augen nicht öffnen, da das Tageslicht wie Feuer auf ihrer Netzhaut brannte, der Schmerz sich bis in ihren Kopf bahnte und im Rhythmus ihres Herzschlags gegen ihre Schläfen hämmerte. Noch ein wenig schlimmer bei jedem kleinen Geräusch, das Mike erzeugte, während er fluchend die Kaffeelacke am Boden aufwischte.
„Aua." Beinahe hätte Anna ihre eigene Stimme nicht erkannt, die so rau klang wie sich ihr Hals anfühlte.
„Du kannst dir ruhig ein Schmerzmittel holen." Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie zu Mike, der mit einem Handtuch am Boden hockte, ihr aber keine weitere Beachtung schenkte. Weitere Flüche murmelnd zunächst in die Küche, dann in sein Zimmer verschwand.
Vorsichtig stand Anna auf und versuchte sich zu erinnern, wo das dringend benötigte Schmerzmittel versteckt war. Mike hatte es ihr verraten, kurz bevor sie eingeschlafen war, aber wenn sie jetzt an die vorherige Nacht zurückdachte, war ein großer Teil nur noch unklar in ihrem Kopf abgespeichert. Erst, als sie sich wirklich darauf konzentrierte, schaffte sie es, zumindest ein paar Erinnerungsschnipsel zu einem größeren Stück des Puzzles zusammenzufügen. Und mit jeder Sekunde, jedem Schluck Wasser, den sie ihre Kehle hinunterzwang, wurde der Haufen an Puzzlestücken, die es zu einem großen Ganzen zusammenzufügen galt, ein wenig größer. Erste Teile passten sich aneinander, setzten schließlich den Film in Bewegung, gefüllt mit Bildern der vergangenen Nacht.
„Also doch!" Erleichtert über ihren Fund und die Tatsache, dass sie ihren Kopfschmerzen nun den Kampf ansagen konnte, tapste Anna weiter ins Badezimmer, in der Hoffnung, dass kaltes Wasser ihrer Erinnerung weiter auf die Sprünge helfen würde. Auf jeden Fall aber dabei, die Reste des Make-ups loszuwerden, dass die Schatten unter ihren Augen noch ein wenig dunkler wirken ließ. Kein Wunder, hatte sie es doch mitten in der Nacht kaum noch erwarten können, endlich im Bett zu liegen und dementsprechend beim Abschminken wenig Sorge walten lassen.
„Du siehst aus, als wärst du aus einem Grab gestiegen!" Schmunzelnd tippte Anna gegen ihr Spiegelbild, ehe sie sich mit einem Stirnrunzeln Mikes Pullover über den Kopf zog und sich vom Spiegel abwandte.
„Joe?" Beinahe wäre Anna über ihn gestolpert, da er neben der Badtür am Boden hockte, den Kopf gegen die Wand gelehnt und die Augen halb geschlossen. „Wo kommst du auf einmal her?"
„Huh?!" Mit einem Kopfschütteln schreckte Joe hoch und blickte mit weit aufgerissenen Augen zu ihr. „Oh, hi Anna."
„Hast du überhaupt geschlafen?" Zumindest sah er nicht danach aus und auch ihr hätte etwas mehr Schlaf sicher nicht geschadet, aber nachdem Mike dazu übergegangen war, wütende Rap-Musik zu horchen, war das bedauernswerterweise keine Option mehr für sie gewesen.
„Gute Frage!" Joe zuckte mit den Schultern, ehe er schwankend aufstand und sich zur Sicherheit mit einer Hand an der Wand abstützte. „Aber wenigstens bin ich nicht schon zu Beginn der Party verschwunden."
„Zu Beginn der Party?" Mit verschränkten Armen lehnte Mike am Türrahmen seines Zimmers und warf den beiden finstere Blicke zu. „Wir hätten um einiges früher gehen sollen und dir hätte das im Übrigen auch ganz gutgetan!"
„Jaja, beruhig dich!" Abwehrend hob Joe die Hände und torkelte an Anna vorbei ins Bad.
„Jedes Mal das Gleiche!" Ehe Anna die Chance hatte mit ihm zu reden, war Mike auch schon wieder in seinem Zimmer verschwunden und hatte die Tür hinter sich zugeknallt, nur um die Musik kurz darauf noch ein wenig lauter zu drehen. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er nicht gestört werden wollte, weshalb Anna seufzend an seinem Zimmer vorbei in die Küche wanderte. Wenn Mike sie schon um den Schlaf brachte, dann konnte sie sich wenigstens etwas von seinem Kaffee abzweigen. Vermutlich wäre es keine schlechte Idee gewesen auch zu frühstücken, aber nachdem sich ihr Magen schon allein beim Gedanken an Essen umdrehte, nahm sie fürs Erste lieber nur mit einer Tasse Kaffee auf ihrem Barhocker Platz. Wartete darauf, bis die bleierne Müdigkeit endlich von ihr abfallen würde, während sie den Abend Revue passieren ließ.
DU LIEST GERADE
Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...
