Chapter Eighty-Five

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„Mike?" Vorsichtig stieß Anna die Tür, die nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war, mit einem Fuß auf und betrat das Zimmer mit zwei Tassen in der Hand. Wie erwartet hockte Mike am Boden hinter seinem Kleiderschrank ihr den Rücken zugewandt über eine Leinwand gebeugt, die er mit gekonnten Handbewegungen Pinselstrich für Pinselstrich mit Farbe füllte. Es erstaunte Anna immer wieder wie friedlich er wirkte, wenn er in der Kunst versunken war, ob es nun seine Musik oder ein Gemälde war. Nun kaum merklich mit dem Kopf im Takt der Rapmusik, die deutlich zu laut aus den Lautsprechern seines Radios dröhnte, nickte und offenbar nicht mitbekommen hatte, dass er Gesellschaft bekommen hatte.
Die perfekte Entschuldigung also für Anna, es sich auf Mikes Bett bequem zu machen und an ihrem Tee zu nippen, bis er sie bemerken würde. Immerhin wollte sie nicht riskieren, dass er aus Versehen einen falschen Strich machte, weil sie ihn erschreckte. 


„Gefällt dir, was du siehst?" Letzten Endes war es allerdings sie, die sich erschrocken zusammenzuckte und einen Teil ihres Getränks über sich verschüttete, als Mike plötzlich mit einem verschmutzten Lächeln über seine Schulter zu ihr blickte. Bewusst seine Position so veränderte, dass es ihr unmöglich war einen Blick auf die Leinwand zu erhaschen und er das einzige war, das sie sehen konnte.

„Ich wollte dich nicht erschrecken", erklärte sie ihm verlegen, wohlwissend, wie ironisch ihre Worte Angesichts der Tatsache waren, dass sie gerade mit einem Ärmel ihr Gesicht trocknete und sich vermutlich mehr Tee auf ihrer Hose als in ihrer Tasse befand. „Und ich habe dir was zum Trinken gebracht."
„Danke." Mike drehte die Musik ein wenig leiser, ehe er die Tasse, welche vor dem Bett auf den Boden gestellt worden war, nahm und sich neben Anna setzte. Schließlich verlegen auf ihre Hose deutete, die sie erfolglos mit einem Taschentuch zu trocknen versuchte. „Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe."
„Ich habe wenigstens an keinem Gemälde für die Uni gearbeitet." Jetzt, wo Mike ihr nicht mehr die Sicht versperrte, konnte sie endlich das sehen, woran er in den vergangenen Stunden gearbeitet hatte. Immerhin wusste sie, dass die Bandprobe einmal mehr abgesagt worden war und er damit den Nachmittag frei gehabt hatte. Und als sie vor beinahe einer Stunde nachhause gekommen war, war sie bereits von Beats und Geschichten über soziale Ungerechtigkeit und dem Kampf mit der Realität konfrontiert worden, die etwas zu laut aus seinem Zimmer dröhnten. „Also halb so schlimm."
„Und selbst wenn, bei dem Projekt kann ich einen schiefen Strich sowieso als absichtlich verkaufen", lachte er in seine Tasse, offensichtlich nicht sonderlich begeistert darüber, wie abstrakt das Gemälde werden musste. Zumal er einen Moment später die Stirn runzelte und skeptisch zu seinem Werk sah. „Kritisiert werde ich so oder so."
„Aber du bist gut!", widersprach sie ihm auf der Stelle, nicht zuletzt, weil er verletzter geklungen hatte, als er es vermutlich beabsichtigt hatte.

„Das ist denen egal", seufzte Mike und tippte mit den Daumen auf den Rand seiner Tasse, das leise Klingen das Porzellans bei der Musik, die immer noch im Hintergrund spielte, kaum zu hören. „Weißt du, wir besprechen diese Stücke immer mit dem ganzen Jahrgang und im Prinzip stehst du dann einfach da, während einer nach dem anderen deine stundenlange Arbeit in kleine Fetzten zerreißt. Nicht wortwörtlich natürlich."
„Das wusste ich nicht." Vorsichtig sah sie in seine Richtung, doch sein Gesicht war so versteinert wie es immer war, wenn sie auf etwas zu sprechen kamen, dem er lieber aus dem Weg gehen wollte. Ein starker Kontrast dazu, wie ausdrucksvoll er doch sonst war.

„Natürlich müssen wir lernen mit Kritik umzugehen und meistens kann ich das auch", warf er ein, offensichtlich bemüht das unangenehme Schweigen zu beenden, „aber gerade, wenn du sowieso schon einen harten Tag hast, dann ist es einfach..."
„Das Letzte, das du brauchen kannst?", schlug sie ihm mit neuem Respekt für das, was er tat, vor. Konnte die Erleichterung auf seinem Gesicht darüber sehen, dass sie ihn nicht verurteilte, weil er ihr gegenüber eine Schwäche hatte eingestehen müssen.

Break the Cycle |Linkin Park|Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt