„Mach's gut, Mom!" Grinsend drückte Mike der zierlichen Frau, die er mittlerweile um einen ganzen Kopf überragte, einen Kuss auf die Haare, die langsam aber sicher von grauen Strähnen durchzogen wurden. Und doch kam er sich wieder vor wie ein kleines Kind, als sie ihre Hände auf seine Wangen legte, ihn eindringlich musterte und wie immer noch etwas mit auf den Weg gab.
„Iss brav, Michael, sonst hab ich bald ein Skelett als Sohn!" Sie schenkte ihm ihr wärmstes Lächeln, das Lächeln, das er eindeutig von ihr vererbt bekommen hatte. Und doch war die Sorge nicht zu überhören, wie immer, wenn er sich von ihr verabschiedete.
„Keine Sorge, Mom." Mit demselben Lächeln tätschelte er ihren Kopf, ehe er sich zum Gehen wandte und sich die Kapuze seiner Jacke über die Haare zog, hatte der strömende Regen doch auch in den Abendstunden immer noch kein bisschen nachgelassen. Eine Tatsache, die ihn wenig begeisterte, bedeutete das doch, dass er komplett durchnässt bei der Probe ankommen würde. Aber Chester als Taxi-Dienst zu bestellen kam nicht in Frage, waren die vier Mal, die er unter der Woche mit ihm mitfahren musste, doch mehr als genug. Und so trat er so fest er konnte in die Pedale seines Fahrrades, kämpfte sich durch die Topfen, die erbarmungslos auf ihn niederprasselten, immer im Gedanke daran, dass er in wenigen Minuten wieder hinter seinem Keyboard stehen konnte.
Sonst hab ich bald ein Skelett als Sohn. Die Erinnerung an die Worte seiner Mutter trafen ihn wie ein Schlag ins Gesicht, verband er doch nun augenblicklich ein Bild damit. Das Gefühl ihrer Finger unter seinen, wie sie ihm auf die Schulter getippt hatte, ihr ganzes Auftreten. Im Prinzip war sie ein Skelett in weiter Kleidung, wie ihm erst jetzt in den Kopf kam. Und so wie andere ihr Übergewicht versteckten, versteckte sie die Tatsache, dass sie nur noch aus Haut und Knochen bestand.
„Alles okay?" Nach all den Malen, die er den Weg gefahren war, hatte er die Abläufe schon so automatisiert , dass ihn erst Robs verwunderte Stimme wirklich realisieren ließ, dass er gerade dabei war, sein Fahrrad an den Laternenmast vor Brads und Daves Appartement zu ketten.
„War nur in Gedanken", wich er der Frage aus, war es doch jetzt noch nicht an der Zeit, düstere Gedanken auszutauschen, galt es doch, an einigen Songs zu tüfteln und dabei wollten sie alle mit vollster Konzentration dabei sein. Und so lenkte Mike das Gespräch fürs erste auf ein anderes Thema, wusste er doch genau, dass das Nesthäkchen der Band noch darauf zurückkommen würde. „Wie war die Turnstunde heute? Machen deine Muskeln noch zwei Stunden Schlagzeugspielen mit?"
„Klar doch." Der Jüngere streckte beide Daumen in die Höhe, verzog den Mund zu einem Lächeln, das Mike beinahe das Herz brach. Nach all den Malen, die sie zusammen gelacht hatten war es für ihn mittlerweile ein Kinderspiel, zwischen einem echten und einem falschen Lächeln zu unterscheiden. Vor allem, da er etwas in seinen dunklen Augen hatte zerbrechen sehen, wie immer, wenn er ihn auf die Schule ansprach. Und wie immer blockte er ab, versuchte, über etwas anderes zu sprechen.
„Ich frage mich, ob Chaz den Schrei bei Carousel noch einmal so gut hinbekommt wie gestern", grübelte er laut vor sich hin, entlockte Mike damit nur ein hilfloses Seufzen, ehe sie sich auf den Weg ins Haus machten.
„Ich denke schon." Er ließ einen Blick durch den Raum schweifen, bis ins letzte Eck mit Instrumenten gefüllt. „Auf jeden Fall kann ich dir sagen, wer sich heute verspielen wird."
„Stimmt." Ein kurzes Lächeln huschte über Robs Gesicht, ehe er seinen Blick zu Boden wandern ließ und sich hinter sein Schlagzeug verkroch, die Wangen leicht gerötet, wie immer, wenn eine der (potentiellen) Freundinnen seiner Bandkollegen anwesend war. Und so vermied er auch jetzt jeden Blick in Richtung Dave, der zusammen mit Linsey am Sofa saß und einen Arm um sie gelegt hatte, das Verhalten des Jüngsten wie immer nur mit einem Augenrollen quittierte, während Chester sehr zur Erleichterung der Anwesenden bester Laune war.
„So was von, ich geb' dir keine drei Sekunden, Alter. Und ohne Bass können wir die Sache vergessen, aaaalso", er zog das Wort ungeheuerlich in die Länge, ließ dabei seine Fingerknöcheln knacksen, „was haltet ihr davon, wenn wir Dave an einem Sessel festbinden, Linsey die Bassgitarre in die Hand geben und warten, wie lange es dauert bis er durchdreht? Man kann's auch noch abändern, aber nachdem Minderjährige anwesend sind." Er ließ seinen Blick zu Rob wandern, der sich stellvertretend für alle Personen im Raum schämte und damit beschäftigt war, hinter der Bassdrum zu verschwinden.
„Wollten wir nicht proben?" Kopfschüttelnd überprüfte Mike die Verkabelung seines Instruments, richtete sich das Mikrofon so ein, dass er es ohne Probleme erreichen konnte, während seine Bandkollegen seiner Aufforderung nachkamen, keine fünf Minuten später der ganze Raum mit Musik erfüllt war.
„Neun." Kaum waren die letzten Töne verklungen, verständigte sich Joe auch schon in kryptischen Nachrichten mit ihnen, strich er sich doch gedankenverloren über seinen nicht vorhandenen Bart.
„Zwetschken? Autos? Frauen?"
„Fehler, Chaz, Fehler." Er vergrub sein Gesicht kurz in einer Hand, brauchte nicht mehr zu sagen, wanderten doch sofort alle Blicke zu Dave, der nur seufzend den Kopf schüttelte, war doch jeder Protest zwecklos.
„Hab ich ja gesagt!" Grinsend klopfte ihm Mike auf den Rücken, bereute es doch schon einen Augenblick später, hatten sich der Lockenkopf, dem sie nicht umsonst den Spitznamen Big Bad Brad verpasst hatten und der nie um eine Antwort verlegen war, doch auf die Seite des Bassisten geschlagen.
„Wenigstens hat er jemanden, der ihn ablenkt und ist nicht wie du mit seinem Instrument zusammen. Oder hattest du schon jemals länger als eine Woche eine Freundin?" Das dämonische Grinsen huschte über sein Gesicht, während er vergebens auf eine Antwort wartete.
„Der geht an Brad", beschloss Dave als Schiedsrichter stellvertretend für die anderen, die sich zusammenreißen mussten, nicht in Gelächter auszubrechen, waren Mike und die Frauen doch ein ganz eigenes Thema, das meistens vor dem dritten Glas Alkohol nicht existierte. Und wenn sie ihn dann doch einmal bei einer Party dazu gebracht hatten, mit einer zu reden, dann war die Sache nach spätestens einer Woche wieder vorbei. Nämlich genau in dem Moment, in dem es darum ging, ob sie ihn zur Probe begleiten konnte.
Authors Note
Heute einmal wieder eine kleine Anmerkung am Schluss. Und zwar werde ich die Geschichte in drei Teile unterteilen, nur falls ihr euch fragt, wo auf einmal das "nullte" Kapitel hergekommen ist. Grund dafür ist die Tatsache, dass es ein paar kleinere Zeitsprünge geben wird und ich denke, dass das Ganze so ein wenig übersichtlicher wird (oder hoffe es zumindest)
Bis nächste Woche, eure Kariliah
DU LIEST GERADE
Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...
