Chapter Twenty-Nine

69 8 2
                                        




Mit zitternden Händen hielt Anna den kleinen Zettel umklammert, faltete ihn beinahe im Minutentakt auseinander, um Mikes Anweisungen darauf noch einmal zu lesen. Zuckte bei jedem etwas lauterem Geräusch zusammen und schenkte den Durchsagen in der Straßenbahn so viel Aufmerksamkeit, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Zwei Stationen noch, dann würde sie aussteigen und warten, bis Mike sie abholen kam. Und dann, dann würde sie Linkin Park kennen lernen, vorausgesetzt, alles lief nach Plan.

Erneut las sie sich die Wegbeschreibung durch, geschrieben auf einem kleinen Stück Papier in Mikes Handschrift, die beinahe wie ein kleines Kunstprojekt wirkte. Oder zumindest war sie sich sicher, dass er ein wenig herumgetüftelt hatte, um seine Schrift genau so einzigartig zu machen, wie er selbst es war. Zumindest wies jeder einzelne Buchstabe eine unglaubliche Sorgfalt auf, wie auch die Information, die sie übermitteln sollten, eine Liste der öffentlichen Verkehrsmittel, die sie zu ihm bringen würden. Er hatte aufgeschrieben, viele Stationen zwischen den wichtigen Haltestellen waren und wie diese hießen. Und er hatte Anna versichert, dass er bei der letzten auf sie warten würde.

Aber nun, wo sie mit klopfenden Herzen ins Freie trat, konnte sie die unverkennbaren roten Haare nirgendwo ausmachen, stand alleine an der Haltestelle, die sie nie zuvor gesehen hatte und wusste nicht, was sie tun sollte. Und mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde die Stimme in ihrem Hinterkopf lauter, die ihr vorschlug, doch einfach wegzulaufen. Sie fragte, was sie eigentlich machte, war Anna doch bestens bewusst, welche Folgen ihr kleiner Ausflug von dem niemand etwas wusste im schlimmsten Falle haben konnte.


„Komm schon, Mike." Der Zettel in ihren Händen war mittlerweile zerknittert, zusammengeknüllt zu einem kleinen Ball, da sie etwas brauchte, an dem sie sich festkrallen konnte. Irgendetwas, das ihr Sicherheit verlieh, wie die Halskette, die ihr versicherte, dass nichts Schlimmes geschehen würde. Auch wenn die Stimme in ihrem Kopf ihr das einzureden versuchte, und so schon viel zu oft erreicht hatte, dass sie weggelaufen war.

Nicht aber heute. Heute würde sie nicht laufen und sich verstecken, sondern sich der Welt stellen. Zeit mit ihren Freunden, wenn sie es denn wagte, Mike und Joe als solche zu bezeichnen, verbringen und durch sie neue Menschen kennenlernen. Zum ersten Mal in ihrem Leben auf ein Konzert gehen, auch wenn es eigentlich nur eine Probe war.

Wenn Mike und Joe sie nicht angelogen hatten, wenn sie wirklich nur zu einer Bandprobe eingeladen war und nichts anderem. Vorausgesetzt, sie würde überhaupt einmal dort hingelangen, in dieses fremde Haus voller Menschen, die sie nicht kannte, die ihr wie sie hoffte nichts Böses wollten.

Was aber, wenn sie nun da standen, außer ihrer Sichtweite, und sich darüber amüsierten, dass sie vergeblich wartete? Darüber lachten, dass sie auf einen Scherz hereingefallen war, ihnen vertraut hatte, obwohl sie sich nur über sie lustig hatten machen wollen.

Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde die Stimme, die ihr all das zuflüsterte ein wenig lauter, ließ sie das Stück Papier immer fester umklammern, sofern das überhaupt noch möglich war. Mike würde kommen, würde sie abholen und alles würde gut werden, sie musste nur fest genug daran glauben. Musste einem stummen Wunsch mehr Beachtung schenken, als der Stimme, die immer lauter schrie, der Angst, die in ihr aufkam, sie mit ihren dunklen Klauen zu umfassen drohte.

Sie musste Mike eine Chance geben, war ihr doch klar, dass er auch einfach nur zu spät sein konnte, sich vielleicht gerade Vorwürfe machte, es nicht pünktlich zu ihr zu schaffen. Aber nun, wo sich die nächste Straßenbahn näherte, ihr die Chance auf eine schnelle Flucht bot, wusste sie, dass die Stimme wieder einmal gewonnen hatte. Dass sie der Versuchung nicht wiederstehen konnte, einfach zu verschwinden, wieder unsichtbar zu werden und alles, was in den letzten Tagen passiert war einfach zu vergessen. Zu einer Geschichte in einem Notizblock zu machen, die sie nie wieder aufschlagen und lesen würde, da sie einfach zu surreal war.


„Anna!" Verdutzt zuckte sie zurück, wagte es nicht, die Tür der Straßenbahn zu berühren, suchte stattdessen die Umgebung nach dem Ursprung der Stimme ab, hoffte dabei inständig, dass es keine Einbildung war und Mike tatsächlich in der Nähe war und sein Versprechen gehalten hatte, sie abholen zu kommen.

„Mike!" Erleichtert atmete sie auf, als sie sah, dass er geradewegs auf sie zugelaufen kam, etwas außer Atmen vor ihr zu Stehen kam.

„Tut mir wirklich leid", murmelte er mit gesenktem Kopf, bevor sie die Gelegenheit hatte, ihn zu fragen, wo er geblieben war. Wenn sie das denn überhaupt getan hätte. „Wir hatten technische Schwierigkeiten."

„Technische Schwierigkeiten?" Fragend blickte sie Mike an, der verlegen zu seinen Füßen blickte, eines der Steinchen, die am Gehsteig lagen, durch die Gegend kickte.


„Chesters Auto hat mal wieder gestreikt." Was nicht selten vorkam und er nahm es normalerweise mit deutlich mehr Humor als Chester, aber heute hätte er am liebsten das gesamte Universum dafür verflucht, dass es ihm einen Strich durch seinen Plan machen wollte und so gemeinsam mit seinem besten Freund den Metallhaufen mit Reifen angebrüllt, sich doch endlich von der Stelle zu bewegen.

„Passiert das öfters?" Sein blick fiel auf das Stück Papier in Annas Händen, das ordentlich in Mitleidenschaft gezogen worden war, ein Beweis für das, was er ohnehin schon wusste. Es hatte vermutlich ihren ganzen Mut gebraucht, um hierher zu kommen, weshalb er auch versucht hatte, ihr den Weg zu einfach wie möglich zu machen, hatte er doch den starken Verdacht, dass ihr die Dinge einfacher fielen, wenn sie genügend Informationen hatte. Oder zumindest nicht mehr unmöglich für sie waren.

„Öfters? So gut wie immer!" Chester hatte ihm angeboten, ihn zur Haltestelle zu bringen, aber er hatte es für eine bessere Idee gehalten, Anna alleine abzuholen, wollte er sich doch noch einmal vergewissern, dass sie wirklich bereit für dieses Treffen war. Sie, eine Person, die den Kontakt mit anderen Menschen vielleicht noch ein wenig mehr scheute als Rob es tat.

„Klingt nicht gut." Wenn er eine Sekunde später gekommen wäre, hätte er sie wohl verpasst, zusehen müssen, wie ihre Dämonen wieder die Überhand ergriffen, sie mit sich zerrten und dafür sorgten, dass sie sich vor der Welt versteckte. Ihr einredeten, dass es besser war, dass diese Welt ihr nur Böses wollte, weswegen er sie heute vom Gegenteil überzeugen würde. Und wenn er Glück hatte auch morgen, übermorgen und jeden Tag danach, so lange, bis sie es schaffte, immer die Person zu sein, die mit ihnen die neuesten politischen Ereignisse diskutierte, mit Leidenschaft über die Kunst sprach und aus ganzem Herzen über seine schlechten Witze lachte.

„Nein, wirklich nicht. Aber solange das Ding irgendwie fährt, wird Chester es behalten." Warum, das musste sie nicht wissen, die Sorgen und Probleme der anderen waren nicht ihre Sache, noch nicht. Wenn sie wirklich wiederkommen würde, würde sie ohnehin früh genug davon erfahren. „Wollen wir uns auf den Weg machen?"

„Sicherlich!" Ihr Lächeln wirkte echt, auch wenn sie das Papier noch immer fest umklammert hielt und offensichtlich nervös war. Und so legte er ihr behutsam eine Hand auf den Rücken, wie er es vor fast einer Woche getan hatte. Es fühlte sich einfach richtig an, den Kontakt zu ihr zu suchen, ihr so zu zeigen, dass er sie beschützen würde, vor allem, da Anna unter der Berührung nicht zusammenzuckte, sondern einfach weiter neben ihm herlief, mit jedem Schritt lockerer wurde, während er ihr versicherte, dass die anderen sich darauf freuten, sie kennenzulernen.

„Na dann, auf zum Hauptquartier!" Und ihr noch einmal den entscheidenden Tipp gab, sich nicht von ihnen einschüchtern zu lassen, da alle etwas speziell sein konnten. Worte, die er eine Sekunde später bereute, fürchtete er doch, ihren Dämonen so noch mehr Angriffsfläche zu bieten. Doch zu seiner Überraschung blickte sie nur zu ihm, mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Sind wir das nicht alle irgendwie?"

Break the Cycle |Linkin Park|Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt