„Das war ja sowas von geil! Leute, ihr seid die Besten, wir sind die Besten!" Kaum hatte sich die Tür des Warteraumes hinter dem Assistenten geschlossen, hatte sich Chester auch schon zu seinen Freunden gedreht, war er doch zuvor mit stolz erhobenem Haupt vor ihnen hergegangen, und reckte seine Arme triumphierend in die Lüfte.
„Freu' dich lieber nicht zu früh, noch haben wir den Vertrag nicht", versuchte Joe allerdings augenblicklich, wenn auch mit einem breiten Grinsen im Gesicht, ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, waren sie doch nach nur drei Songs und einigen Worten unerwartet und ohne jede Erklärung wieder hierhergeführt worden, damit die Jury darüber abstimmen konnte, was nun mit ihnen geschehen würde.
„Alter, wenn die uns nicht nehmen sind sie absolut geisteskrank!" Chesters Freude war wie erwartet kein Abbruch getan, während er nun durch den Raum rannte und all seinen Freunden kurz umarmte, bis er schließlich vor Rob stand, der sich auf dem Sessel in der Ecke zusammengekauert hatte, die verletzte Hand wieder fest an seinen Körper gepresst. „Alles in Ordnung bei dir, Bourdie?"
„Ja", rutschte es ihm augenblicklich heraus, wie immer, wenn ihm jemand diese Frage stellte. Er war schließlich nicht derjenige, der über seine Gefühle sprach, nicht derjenige, der seine Gedanken in Worte oder auch Songtexte steckte, nein, er nickte nur, wenn ihm die Lüge einmal nicht über die Lippen kommen wollte, versteckte die Wahrheit hinter seiner Maske, die er immerfort auf seinem Gesicht trug. Nur, dass es nun ausnahmsweise offensichtlich war, dass es ihm nicht gut ging. Nicht zuletzt, weil immer noch Tränen in seinen Augenwinkeln glitzerten.„Das kauf' ich dir nicht ab", erwiderte Chester schließlich in dem Moment, in dem er sich endlich dazu durchgerungen hatte, seine Frage doch noch zu verneinen. Zumal auch der Rest seiner Freunde ihn mittlerweile mit besorgten Blicken musterte und sich um den Sessel versammelt hatte, die Aufregung darüber, was wenige Räume weiter besprochen wurde, völlig vergessen. Fast so, als wäre es belanglos, was mit der Band geschah solange es ihm nur gut ginge.
„Habe ich einen Fehler gemacht?", fragte er schließlich schon beinahe schüchtern, ein schiefes, wenn auch ehrlichen Lächeln auf den Lippen, während seine Worte einen Augenblick in der Luft hangen, ehe es schließlich Mike war, der in schallendes Gelächter ausbrach und er sie wie immer alle damit ansteckte. Und so lachten Rob mit ihnen, einen Moment oder eine kleine Ewigkeit, so genau konnte er das nicht sagen, lachte, wie er es nur mit seinen besten Freunden tun konnte, bis Mike sich schließlich mit dem Ärmel seines Hemdes über die Augen wischte und ihm mit einem breiten Grinsen auf die Schulter klopfte.
„Als ob du einen Fehler machen würdest, Kumpel." Dann hatte es sich also ausgezahlt zu spielen bis er das Gefühl gehabt hatte, die Knochen in seinem Handgelenk würden jeden Moment in dutzende kleine Einzelteile zersplittern. „Du warst absolut genial. Das ward ihr alle."
„Danke, danke, sehr freundlich!" Chester verbeugte sich theatralisch, ehe er sich wieder Rob zuwandte. „Aber nachdem wir derzeit nichts mehr machen können, um unsere Karriere voranzutreiben wollen wir uns einmal um dich kümmern."
„Das wir schon wieder", gab Rob augenblicklich eine weitere seiner Standardantworten, die seine Freunde, ihren Blicken nach zu urteilen, aber nicht durchgehen lassen würden. Und wenn er ein wenig genauer überlegte war das vermutlich auch zu seinem Besten, da er sich nicht sicher sein konnte, ob er sich bei dem Sturz nicht doch einen Knochen gebrochen oder zumindest ernsthaft verletzt hatte.
„Sobald wir hier wieder raus dürfen bringt Chester dich zum Arzt und wir räumen derweil alles in den Van", erklärte ihm Mike in einem Tonfall, der keinen Widerspruch dulden ließ. Als hätte ihn jemand gehört, ging genau in diesem Moment die Tür wieder auf und sie wurden zum letzten Mal an diesem Tag durch die ehrwürdigen Hallen geführt, durch die schon so viele Musiklegenden vor ihnen geschritten waren, in der Hoffnung, dass sie eines Tages selbst dazu gehören würden und ihr Weg dahin in wenigen Augenblicken geebnet wurde.
„Meine Herren." Der gleiche Mann, der ihnen auch schon vorhin Fragen gestellt hatte, ergriff das Wort, sobald sie sich alle in dem Raum versammelt hatte und ließ sich zur ihrer Überraschung sogar dazu durchringen, ihren Auftritt zu kommentieren, ehe er ihnen das weitere Vorgehen des Labels erklärte und Rob das Gefühl hatte, bei all den Schmerzen und der Nervosität jeden Moment umzukippen. „Zunächst möchte ich Ihnen zu Ihrem Auftritt gratulieren, wirklich sehr gelungen und Sie scheinen sich durchaus einige Gedanken zu dem zu machen, was Sie uns hier präsentiert haben." Am liebsten hätte Rob mit den Augen gerollt, war ihm doch klar, dass er lediglich Floskeln herunterratterte, die vermutlich jeder zu hören bekam, der zitternd vor diesen Tischen stand und darauf wartete, bis das Urteil über seine Zukunft gesprochen wurde.
„Wir haben uns in den letzten Minuten eindringlich unterhalten", wie auf Befehl hin nickte der Rest der Jury, während Rob mit jedem Wort genervter wurde, war es doch zweifelsohne keine sonderlich tiefgreifende Diskussion gewesen, wenn man bedachte, dass sie nicht einmal fünf Minuten hatten warten müssen. Wenn er ihnen eine Absage erteilen wollte, dann sollte er es doch einfach tun, anstatt so mit ihren Hoffnungen und Träumen zu spielen. „Letzten Endes sind wir dann zu dem Entschluss gekommen, dass heute keine Entscheidung fallen wird. Wir werden Sie also im Laufe der nächsten Tage noch einmal zu uns einladen, um Ihnen dann unsere endgültige Entscheidung mitzuteilen. Haben Sie noch irgendwelche dringlichen Fragen?"
Rob bekam das verneinende Murmeln seiner Freunde nur noch am Rande mit, auf das hin die Jury mit Ausnahme von Jeff, der noch einige Worte mit Brad wechselte, binnen weniger Augenblicke verschwunden war und Chester ihn praktisch aus dem Raum zerrte, ehe er die Gelegenheit hatte, sich trotz Mikes eindringlicher Worte am Abbau seines geliebten Drumkits zu beteiligen.
„Hier." Kaum hatten sie Chesters Auto erreicht, hatte sich der Sänger auch schon daran gemacht das Handschuhfach zu durchwühlen und streckte Rob nun eine zerdrückte Papierschachtel entgegen, ehe er wieder ins Innere des Fahrzeuges griff um eine Flasche Mineralwasser ins Freie zu holen. „Du nimmst jetzt erst einmal ein Schmerzmittel und dann fahren wir kurz ins Krankenhaus und lassen dein Handgelenk untersuchen, okay?
„Okay, danke." Eigentlich hatte er vorgehabt, Protest dagegen einzulegen und Chester zu überreden, ihn einfach zur nächsten Apotheke zu bringen um Schmerzmittel zu kaufen, aber die Stimmlage seines Freundes machten es ihm unmöglich Widerstand zu leisten. Zwar wusste er, wie sehr sich Chester um seine Mitmenschen sorgen konnte, dennoch hatte seine Stimme einen Moment lang so einfühlsam geklungen, wie er es noch nie erlebt hatte.
Er hatte einen Moment lang richtig väterlich geklungen.„Meinst du, die werden uns nehmen?", fragte er ihn schließlich unvermittelt, während Chester das Auto wie immer laut fluchend zu starten versuchte und Rob sein Grinsen verbergen musste, konnte sich sein Freund doch einfach nicht von seinem Gefährt trennen und das, obwohl er vermutlich kaum etwas hinlegen musste, wenn er sich ein neues Gefährt auf dem Niveau seiner Schrottlaube kaufen würde.
„Wenn nicht haben sie keinen Geschmack!" Er schlug gegen das Lenkrad, ehe sich der rollende Schrottplatz in Bewegung setzte und er sein Temperament einen Moment zügelte, um Rob eine etwas tiefgreifendere Antwort zu geben. „Also ein paar von denen sind offensichtlich von Anfang an nicht bereit gewesen uns eine Chance zu geben, was ich absolut lächerlich finde. Warum beteiligt man Leute, die sowieso nein sagen werden überhaupt an so etwas?" Chester schüttelte den Kopf und seufzte, bevor er sich schließlich den Dingen zuwandte, die für die Band sprachen. „Andererseits war das wirklich einer der besten Shows, wenn man das so nennen kann, die wir je gespielt haben und ich kann dir versichern, der eine oder andere hat ganz unauffällig mit dem Fuß mitgewippt. Und du darfst nicht vergessen, dass wir einen mächtigen Verbündeten haben."
„Ich hoffe einfach, dass es gereicht hat", murmelte Rob nichtssagend, was sein Freund lediglich mit einem Murren kommentierte und sie eine Weile schweigend nebeneinander saßen, in Gedanken noch einmal ihren Auftritt durchgingen, ehe sich Chester unvermittelt wieder an ihn wandte.
„Was würdest du sonst tun?" Eine Frage, die ihm nicht zum ersten Mal gestellt wurde und die sonst meistens von Mike kam, der immer schon dahinter gewesen war, dass das Nesthäkchen der Band seine Ausbildung nicht wegen der Musik schleifen ließ.
„Ich weiß nicht", antwortete er schließlich wahrheitsgemäß, ging er doch normalerweise jeglichen Gedanken an seine Zukunft aus dem Weg. „Wahrscheinlich werde ich es so machen wie du." Er zuckte gleichgültig mit den Schultern, auch wenn ihm nicht entging, wie Chester einen Moment lang seine Stirn runzelte. „Den nächstbesten Job annehmen und irgendwie mein Leben meistern", fügte er daher noch hastig hinzu.
„Weißt du Rob, es würde mich echt freuen, wenn du aus meinen Fehlern lernen würdest." Chester seufzte, als er das Auto am Parkplatz des Krankenhauses zu stehen brachte, machte aber keine Anstalten auszusteigen, sondern wandte sich stattdessen Rob zu. Fixierte ihn mit seinen dunklen Augen, die wie ein Spiegel seiner Seele waren und manchmal wie die Sterne am Nachthimmel funkelten. Und manchmal, so wie sie es auch jetzt taten, einer unendlichen Leere glichen.
„Dann hätte ich sie nämlich wenigstens nicht umsonst gemacht."
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Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...