Chapter Thirty-One

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„Freut mich, euch alle kennenzulernen." Anna schenkte der Runde ein Lächeln und fragte sich dabei, wieso sie noch vor wenigen Minuten überlegt hatte, ob sie denn wirklich hierher kommen wollte, ob sie denn überhaupt willkommen war. Denn kein einziger von ihnen wirkte, als würde er ihr etwas Böses wollen, sondern sich aufrichtig darüber zu freuen, dass sie ihnen zuhören wollte, dass sie einfach hier war. „Danke, dass ich herkommen durfte."

„Aber gerne doch!" Chester hatte sich mittlerweile ein Mikrophon als Unterstützung geholt, wickelte das Kabel um den Zeigefinger seiner rechten Hand als würde er ungeduldig darauf warten, dass er endlich seine Gesangskünste zur Schau stellen durfte.

„Fangen wir an, würde ich sagen." Mike wollte niemanden noch länger warten lassen, weshalb er einen Moment von seinem Keyboard aufblickte um sich noch einmal zu vergewissern, dass sein Mikrophon richtig und in der passenden Höhe befestigt war.

„Womit?" Rob trommelte auf seinen Oberschenkeln herum, war wie immer, wenn sie vor Fremden spielten ein wenig aufgeregt, auch wenn er genau wusste, dass er sich nach ein paar Takten komplett im Rhythmus des Liedes verlieren und die Welt um ihm herum ausblenden würde. Zumindest hoffte er, dass es ihm auch jetzt gelingen würde, wo Anna ihnen zuhörte, die zwar genau genommen keine Fremde war, aber deren Anwesenheit ihn dennoch in Alarmbereitschaft versetzt hatte.

„Esaul, And One und Under Attack als Kostprobe?", schlug Brad ihnen vor, der schon immer federführend gewesen war wenn es darum ging, in welcher Reihenfolge sie ihre wenigen Songs spielen würden, wenn sie denn einmal wieder in einem Club in der Umgebung auftreten durften. Und auch jetzt waren die anderen mit seiner Wahl einverstanden, zumal diese Setlist schon erprobt war.

„Na dann, los geht's!" Mike schenkte Anna ein verschmitztes Lächeln, ehe er dem Gitarristen mit einem Kopfnicken bedeutete, die ersten Töne des Songs zu spielen, der sich ein wenig wie eine Raubkatze anschlich, ehe die Kombination aus Trommeln und Scratches darauf hinwies, dass der Rest der Band nur auf den geeigneten Augenblick für einen Angriff wartete.


Beinahe schon hätte er seinen Einsatz, nur einen Augenblick nach Chester, verpasst, hatte Mike doch seine Freude daran gefunden, Annas Reaktionen aufs Genaueste zu beobachten. Wie sie ihren Kopf leicht schiefgelegt hatte, ihre Wangen ein wenig gerötet und die Augenbrauen zusammengezogen waren, als wäre sie nicht sicher, was nun auf sie zukommen würde. Wie sie ihre Augen schließlich erstaunt ein Stück aufriss, als Mike zu rappen begann, mit einem Lächeln auf den Lippen sein Bestes gab, alle Worte in der dafür vorgesehen Zeit unterzubringen. Er wusste genau, dass er noch daran arbeiten musste, sich deutlicher zu artikulieren, seinen Text verständlicher zu machen, da ihm bewusst war, wie schwer es noch war, dem Verlauf der ersten Strophe zu folgen.

Und dann übergab er an Chester, sah zu, wie Anna langsam begann, sich mit der Musik anzufreunden, sie nicht mehr nur mit ihren Ohren hörte, sondern auch mit ihrem Herzen.

I want to live in another place
Where no one can say that I live for them

Niemals hätte sie gedacht, dass Chester eine solche Wut in seine Stimme, die bis eben noch so hoch und lebhaft geklungen hatte, legen konnte, dass die Texte sie treffen würden, als hätte er ihr ins Gesicht geschlagen. Es kam ihr ein wenig vor, als würde er nicht singen, sondern den Gedanken in ihrem Kopf Ausdruck verleihen, all die Dinge, die sie fühlte aber nicht benennen konnte in wenige Worte verpacken. Es war, als würden die sechs ihr durch die Musik eine Welt zeigen wollen, die sie bisher nicht kannte, eine Welt, in der sie sein durfte, wer sie wollte, in der sie ihren Schmerz nicht verstecken musste, sondern in der sie ihn hinausschreien konnte, so lange, bis er verschwunden war.


Anna fühlte sich beinah als hätte sie jemand aus einer Trance geweckt, als die Band kurz stoppte, ehe die ersten Töne des nächsten Liedes angespielt wurden. Ihre kurze Atempause zu Ende war und sie wieder abtauchte, in diese wundervolle Welt, zwischen den Wörtern dahinschwamm und sich fragte, ob es nicht in Wahrheit in dieser für sie noch so befremdlichen Welt war, dass sie wirklich frei Atmen konnte. Sich mit jedem Atemzug, gefüllt mit Worten, die aus ihrem Innersten zu kommen schienen, ein wenig lebendiger, freier fühlte.

Chester, Mike und der Rest der Band hatten es mit ihren Worten und Klängen geschafft, einen Sturm an Gefühlen in ihr heraufzubeschwören, den sie schon viel zu lang unterdrückt hatte, vielleicht sogar verlernt hatte, wie sie mit den Gefühlen umgehen sollte und sie deshalb wegsperrte, sie ignorierte, vor allem, wenn andere Menschen anwesend waren.

Aber nicht hier, in einer Welt, in der ihr zu verstehen gegeben wurde, dass man sie annahm, so wie sie war, mit all ihren Fehlern, hier in der Welt der Zerbrochenen, der, die gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens kämpften und immer weitere Wunden von diesem Krieg erlitten, die Narben dennoch mit Stolz trugen. Die Zeichen dafür, dass sie noch am Leben waren, bereit waren, um jede einzelne Sekunde zu kämpfen, wie viel Schmerz auch damit verbunden war.


Erneut wurde der Fluss der Melodien für einen Moment unterbrochen, ehe Chester den Beginn des dritten Liedes einläutete, in sein Mikrophon schrie, als würde er seinem schlimmsten Feind gegenüberstehen.

Ahhhhhhhhhh!
I hate you so much right now!

Wobei er das vielleicht auch tat, wie Anna einen Moment in den Sinn kam, als er sie mit seinen dunklen Augen fixierte, einen Augenblick, bevor er zu singen begann. Es war, als konnte er tief in ihre Seele blicken, all den Schmerz in ihrem Inneren sehen, als er die Worte sang, die sich anfühlten, als wären nur für sie geschrieben worden.

Crawling in my skin
these wounds they will not heal

Chester hatte sie durschaut, das wurde ihr nun klar, während sie ihr Herz gegen die Rippen hämmern spürte. Sie konnte ihm, niemanden in diesem Raum etwas vorspielen. Konnte noch so fröhlich sein, die Musik genießen, sie alle wussten, dass sie eine Last mit sich herumschleppte, wie jeder einzelne von ihnen.

Fear is powerful
confusing what is real

Diese verdammte Angst, dieses Gefühl, das sie immer und immer wieder davon abhielt zu leben, sie daran hinderte, wahrhaftig frei zu sein. Sie selbst zu sein. Das Gefühl, das sie beinahe davon abgehalten hätte, heute hierher zu kommen und ihr so um ein Haar diese Welt verwehrt hätte, die etwas in ihr zum Leben erweckte, von dem sie dachte es vor Jahren getötet zu haben.

There's something inside me that pulls beneath the surface
consuming, confusing

Sie war nicht die Einzige, die mit einem Dämon zu kämpfen hatte, einer dunklen Gestalt, die sich immer wieder anschlich, um ihr den Atem zu rauben, sie mitten aus dem Leben riss, hinunter in eine dunkle Höhle. Versuchte, sie langsam aber sicher zu zerstören und jedes Mal wenn er auftauchte eine weitere Narbe zurückließ, auf ihrem Körper, ihrer Seele, sie daran erinnerte, dass er immer da sein würde und nur darauf wartete, den finalen Schlag machen zu können.

This lack of self-control I've found so overwhelming
I can't seem to find the strength within
my walls are closing in

Was auch immer sie von diesem Treffen heute erwartet hatte, das übertraf selbst ihre wildesten Vorstellungen. Nie zuvor hatte sie jemanden gehabt, der sie wirklich verstanden hatte, bereit war, den Dämon mit ihr zu bekämpfen. Bis sie Mike getroffen hatte, der sie aus der Dunkelheit ins Licht geholt hatte, und ihr mit jeder Sekunde ein wenig mehr von dieser wundervollen Welt zeigte, in der sie sich so geborgen fühlte.

Without a sense of confidence and I'm convinced
that there's just too much pressure to take
I've felt this way before
so insecure

Und in diesem Moment, in dem Chester die Worte des Refrains wiederholte, die Worte, die sich beim ersten Mal in ihr Gedächtnis gebrannt hatten, konnte sie dem Wirbelsturm in ihrem Inneren nicht länger Einhalt gebieten und vergrub ihr Gesicht schluchzend in ihren Händen.

Crawling in my skin
these wounds, they will not heal
Fear is powerful
confusing what is real...

Break the Cycle |Linkin Park|Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt