Hoppla! Dieses Bild entspricht nicht unseren inhaltlichen Richtlinien. Um mit dem Veröffentlichen fortfahren zu können, entferne es bitte oder lade ein anderes Bild hoch.
Peter hörte tausende Stimmen, tausende Worte und tausende Schreie durcheinander. Er hörte und sah zu, wie Menschen verängstigt von den Strassen in die Häuser zu fliehen versuchten oder einfach bloss in Seitengassen abbogen, hoffend, dadurch Schutz zu finden vor der massiven Bedrohung, welche niemand, noch nicht einmal er selbst, verstand. Er hatte sich mit einer einfachen venezianischen Maske auf dem Gesicht bereits durch die halbe Stadt geschwungen, versuchend, das Geschöpf aufzuhalten und dabei absolut keine Wirkung erzielt. Seine Spinnennetze verschwanden im Nichts, sobald sie auf das Wasser trafen und das Geschöpf suchte sich seinen Weg weiter und weiter durch die dichtbevölkerte Stadt.
Es war das erste Mal, dass Peter sich absolut nutzlos fühlte. Egal, was er auch versuchte, es hatte keine Auswirkungen. Er war nicht mehr als ein Insekt, eine kleine Fliege, die um das Geschöpf herumschwirrte, doch es nicht aufhalten konnte, ihm keinen Schaden zufügen konnte.
Auf dem Campo Santa Maria Formosa stehend und zusehend, wie Häuser zerfielen, Strassen zerbrachen und Menschen sich gegenseitig aus dem Weg schubsten, zu Boden stolperten und nach Hilfe riefen, fühlte Peter Parker sich so machtlos, dass er nicht glaubte, sich jemals noch schlechter fühlen zu können. Er irrte sich. Es benötigte nicht mehr, als ein bekanntes Geräusch in seinen Ohren, so leise, dass es ihm zu Beginn unter den Schreien gar nicht aufgefallen war, und Peters Herz setzte einen Schlag aus. Mit purer Panik in den Augen blickte er sich um, suchend, nach dem Mädchen, deren Schluchzer er wahrgenommen hatte. Er kannte sie zu gut, um sie jemals verwechseln zu können.
"Rosie...", entkam es ihm leise, bevor er sie erblickte. Er erkannte nicht viel mehr als einen Umriss in der Ferne, doch einen Umriss, der zweifelsohne Rosie Blue gehörte. Er kannte die blonden, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden Haare, kannte den kurzen Jeansrock und den enganliegenden, rosafarbenen Pullover. Er kannte ihre Stimme, kannte ihre Schluchzer, kannte ihren Körper und kannte sie selbst genügend gut, um zu wissen, dass bloss Rosie Blue in einer Situation wie dieser auf die Spitze eines verdammten Glockenturms stieg, um Abstand zum Wasser zu gewinnen, welches sie aus vollstem Herzen fürchtete. "Rosie!", rief er panisch, doch sein Schrei ging im Chaos unter. "Nein...", entkam es Peter, als sein Körper sich auch bereits in Bewegung setzte. Zusehend, wie der Turm langsam brach, wie ihre Füsse vom Gestein abrutschten und bloss noch ihre Hände und Arme sie daran hinderten, in die Tiefe zu fallen, wiederholte sich ein Satz in seinem Kopf immer und immer wieder. Nicht auch noch sie, nicht auch noch Rosie. Es war ein Gebet und ein Schwur zu gleich. Ein Gebet an alle übersinnlichen Mächte, dass sie dafür sorgen sollten, dass sie nicht losliess und ein Schwur an sich selbst, dass er nicht zulassen würde, dass sie fiel. Nach Tonys Tod war er bloss noch einen kleinen Verlust davon entfernt, seinen Verstand zu verlieren. Rosie wäre nicht bloss ein kleiner Verlust.
"Rosie!"
Doch er kam zu spät. Rosie hatte gerade erst erneut Halt mit ihren Füssen gefunden, als das Geschöpf seine Faust hob. Peter schrie auf, als er gezwungen war mitanzusehen, wie Rosie sich umdrehte, starr vor Angst im selben Moment wie er realisierte, dass sie das Ziel des Schlages war und sich in einem letzten Versuch sich zu retten, von der Turmspitze abstiess und fallen liess. Eine Sekunde später traf die Faust auf den Turm, zerteilte ihn in tausend kleine Gesteinsbrocken, welche mit einem lauten Knall ihren Weg zu Boden und in den Wasserkanal suchten.
Peter erstarrte, er schrie, da war er sich sicher, doch kein Ton verliess seine Lippen, nicht mehr. Die Geräusche um ihn herum verschwammen zu einem dumpfen, anhaltenden Ton, der vom Rauschen seines eigenen Blutes in seinen Ohren übertönt wurde, seine Sicht verlor an Schärfe und ein Schwindelgefühl überkam ihn, als er langsam in die Richtung des Kanals stolperte.
"Rosie!", schrie er ein weiteres Mal, doch er hörte seine eigene Stimme nicht mehr. Er sah sie nicht und hörte sie nicht. Sie war in die Faust des Ungeheuers gesprungen, wissend, dass ihre einzige Chance zu überleben eine Landung im Kanal sein würde. Peters Verstand sagte ihm, dass es keine Möglichkeit gab, dass sie die Wucht des Schlages hatte überleben können und selbst wenn, so war sie nicht auf den Füssen gelandet sondern auf dem harten Gestein aufgeschlagen.
Peters Beine gaben nach, als er Halt an einem Laternenpfahl suchte. Das Monster und der Kampf existierte für ihn nicht mehr, alles, was er tat, war auf das Wasser vor sich zu starren und zu hoffen, dass die Physik sich einmal irrte, dass sie es irgendwie in den Kanal geschafft hatte und sie in wenigen Sekunden einige Meter vom Ungeheuer entfernt auftauchen würde. Dann würde er helfen können. Er würde ihr eine Hand entgegen strecken, sie an sich ziehen, wie er es vor einigen Jahren getan hatte, als sie schluchzend aus Angst vor dem Wasser in seine Halsbeuge geweint hatte. Er würde sich bei ihr entschuldigen. Dafür, dass er ihren Fall nicht hatte verhindern können, dafür, dass er nicht bei ihr gewesen war, als das Beben den Turm zum Brechen gebracht hatte, dafür, dass er es abgelehnt hatte, mit ihr zu gehen, weil er doch einen verdammten Plan gehabt hatte, weil er eine verdammte Blumenkette für MJ hatte kaufen wollen. All das würde er tun, würde Rosie bloss auftauchen.
Doch niemand erschien an der Wasseroberfläche.
Hoppla! Dieses Bild entspricht nicht unseren inhaltlichen Richtlinien. Um mit dem Veröffentlichen fortfahren zu können, entferne es bitte oder lade ein anderes Bild hoch.
Sie hatte mit einem starken Schmerz gerechnet. So stark, dass er bloss eine Sekunde benötigen würde, um sie zu töten. Doch es dauerte viel länger und die Schmerzen kamen in kurzen Abständen. Zuerst traf der Schmerz ihre rechte Schulter. Das Fallen stoppte, doch bloss für einen kurzen Moment, bevor ein Knarzen und ein Knacken erklang und sie ruckartig erneut fiel. Dann traf er ihre Rückenmitte, dann ihren Fuss und schliesslich ihren Kopf. Und als sie letztendlich auf das kalte Wasser traf und einen Blick nach oben warf, hätte sie schwören können, nicht das Ungeheuer aus Wasser vor sich zu erkennen, dessen Schlag sie zuvor noch hatte ausweichen wollen, sondern eine Schar aus fliegenden Drohnen.
Doch was sie gesehen hatte und was nicht, spielte keine Rolle mehr, als das Wasser sie umhüllte und ihr mit einem Schlag die ganze Luft aus den Adern presste. Es fühlte sich nicht so an, wie vor einigen Jahren. Das Ertrinken. Alles war... leichter. Zuerst erkannte sie noch das Licht der Wasseroberfläche, dann wurde alles auf einen Schlag dunkel.