74 - Versuchung

56 3 9
                                        

"Das war doch ganz einfach",sagte Jace in dem sinnlosen Versuch, einen Scherz zu machen. Sie waren endlich allein, nach endlosen Diskussionen über das ja oder nein, und dann endlosen Versuchen, eine vernünftige Schlachtaufstellung zu entwickeln. Als gäbe es da eine sinnvolle Möglichkeit. Das einzige, was ihn interessiert hatte, war die Frage gewesen, wer zum engsten Kreis gehörte. Alle hatten das gewollt, jeder wollte die Ehre, nicht jeder war geeignet. Aber sie hatten sich irgendwann einigen können.

Alec lachte. Er war der stillste gewesen, wie immer. Hatte alle beobachtet und war dann eingeschritten, als es um die wichtigsten Dinge ging. Nicht laut, nein. Aber er hatte Jace zugenickt in den richtigen Momenten und beiden richtigen Personen. "Mein Outing war einfach", erklärte er grinsend. "Aus Sebastians Dimension zu entkommen war einfach. Das hier war... eine Raubtierfütterung." Er lachte immer noch.

Isabelle schnaubte, aber es galt nicht Alec, wie Jace nach einem Moment erkannte. "Bist du jetzt zufrieden?!", keifte sie in Simons Richtung, ohne den Irdischen anzusehen. "Du willst dich abschlachten lassen wie ein Schwein!" Ihre Arme zuckten und sie verschränkte sie so fest vor der Brust, dass Jace sich fragte, ob sie sich wohl selbst die Knochen brechen würde.

Simon kam langsam die Treppen hinab, die zu den großen Fenstern führten. Er hatte die ganze Zeit dort gestanden, geschwiegen, außer am Anfang, als er erklärte, dass er bereit war, das Risiko einzugehen, und danach hatte er nur beobachtet. Besonders Isabelle. Das war Jace die ganze Zeit klar gewesen. "Es tut mir leid, dass ich dir Sorgen mache", erklärte Simon sanft, als er bei Isabelle stand.

"Ich mache mir keine Sorgen!" Sie knirschte mit den Zähnen. Jace war sicher, dass sie den Irdischen nur ansah, um keine Schwäche zu zeigen. "Ich sehe nur nicht ein, warum wir dich als Köder benutzen müssen! Das ewige Warten, ob und falls sie kommt und wenn sie da ist, muss auch noch jemand damit beschäftigt sein, dein Leben zu beschützen, während du uns im Weg stehst!"

Jace beobachtete Simon genau, während Isabelle endlos all die Dinge wiederholte, die sie vor Stunden schon gesagt hatte. Damals, als sie noch jung gewesen waren, hätte sie Simon damit verletzen können. Dass er schwach war. Dass er keine Hilfe wäre. Es faszinierte ihn, jetzt dieses Gesicht zu sehen, das dem jungen Simon so sehr ähnelte, und die Ruhe darin. Keinen Schmerz. Hoffnung darauf, dass Isabelles wütendes Lamentieren bedeutete, dass er sie irgendwann zurückerobern würde.

"Wir sollten jetzt schlafen gehen", unterbrach Jace, als Isabelle für einen Moment schwieg. Vermutlich musste sie überlegen, welche wüsten Beschimpfungen sie noch nicht hervorgekramt hatte, um Simon zu überzeugen, dass sie sich absolut keine Sorgen machte und nur nicht wollte, dass ein schwacher, hilfloser Irdischer, der ihr nicht im Geringsten am Herzen lag, sich als Märtyrer opferte. Ihn überzeugte sie nicht, aber vermutlich wollte sie es selbst gern glauben.

Er sah sich nach Alec und Magnus um, doch die zwei hatten irgendwann in den letzten Minuten den Raum verlassen. Aber es gab ja auch nichts mehr zu sagen. Oder? Magnus hatte seinen Plan. Er hatte seinen eigenen Worten zufolge sehr viele Hexenmeister mobilisiert, so schwer das auch war, um die Stadt abzusichern. Wie viele sehr viele tatsächlich waren, hatte Jace nicht aus ihm herausbekommen. Bei viel zu vielen Sachen wollte Magnus nicht ins Detail gehen, als würde einer von ihnen alles an den Feind verraten. Diese Vorsicht mochte unbegründet sein - Jace konnte sich nicht vorstellen, dass es tatsächlich Schattenjäger gab, die sie verrieten. Aber das hatte er damals ja auch nicht geglaubt. Und im Endeffekt mussten sie Magnus eben einfach vertrauen. Wenn man mehrere hundert Jahre alt war, hatte man gelernt, Geheimnisse für sich zu behalten.

Er warf Isabelle und Simon noch einen Blick zu, bevor er selbst ging. Clary würde schon lange schlafen und die beiden schienen ihn nicht einmal zu bemerken. Vermutlich hätten sie eine Atombombe genauso wenig bemerkt. Sie starrten sich an, beide wütend. Anscheinend hatte Isabelle doch etwas gefunden, das Simon treffen konnte. Er hatte nicht aufgepasst und vermutlich war das auch besser so.

Right by your SideGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt