Sechzehn Anrufe. Alle von der gleichen Nummer. Sechzehnmal hatte man versucht ihn zu erreichen, und kein einziges Mal hatte er abgehoben.
„Scheiße!" Sicher, den letzten Anruf hatte er erst vor zwei Minuten verpasst. Nur dass zwei Minuten eine verdammt lange Zeit waren, wenn man verzweifelt darauf wartete, dass sich jemand am anderen Ende der Leitung meldete. Und alles nur, weil man dem Keine Telefone-Schild am Sekretariat besser Folge leistete, wenn man zum wiederholten Male um die Verlängerung seines Stipendiums ansuchen musste. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!"
„Geh bitte ran", flehte Mike stumm, sein Handy mit einer Hand fest ans Ohr gepresst, während er sich mit der anderen durch die verwaschenen roten Haare fuhr und auf der Stelle auf und ab ging. „Geh ran verdammt noch mal!"
Er wusste, dass zwischen den Freizeichen nur Sekunden verstrichen, aber mit jedem Piepsen, dass er anstelle einer Stimme hörte, wuchs sein Bedürfnis, sein Handy auf den Boden zu schleudern und zu schreien. Dann hätte er wenigstens etwas getan. Auch wenn es unsinnig wäre, hier herumzulaufen und auf eine Antwort zu warten fühlte sich schlimmer an.
„Mike, bist du's?" Endlich.
„Joe, was ist passiert?" Er sollte nicht schreien, aber am Tonfall seines Freundes konnte er erkennen, dass er nicht nur angerufen hatte, damit Mike ihm am Heimweg eine Pizza besorgen konnte. Das war nicht Joes Stimme, wenn er um extra Salami bat. Das war Joes Stimme, wenn die Welt in Flammen stand.
„Uhm, sag ich dir dann, aber", Joe zog das Wort in die Länge, „beeil dich bitte. Wäre ziemlich wichtig."
„Alter, lass den kryptischen Scheiß und sag mir was los ist!" Mit einer hilflosen Geste fuhr Mike sich über sein Gesicht.
„Anna."
„Oh Shit." Ein Name und das Blut in Mikes Adern gefror.
„Sie ist vorhin komplett aufgelöst von der Arbeit heimgekommen und hat sich im Badezimmer eingeschlossen und Mann, ich weiß echt nicht mehr weiter." Während Joe ihm kurz die Situation schilderte, dachte Mike über seine Möglichkeiten nach, zur Wohnung zu kommen. Der Bus wäre die beste Option, jetzt, wo sich seine Beine langsam zu Wackelpudding verwandelten. Zehn Minuten zu warten war allerdings nicht Mikes Plan. Er musste nach Hause, zu Anna, und zwar jetzt.
„Rede mit ihr, Joe. Bitte. Egal was." Verdammt, er würde laufen, wenn es nicht so weit wäre. „Lenk sie einfach ab bis ich da bin."
„Ich versuch's." Wenigstens war sie nicht ganz allein. Es war dieses Wissen, dass Mike tief durchatmen ließ, um einen Plan zu fassen und die Bilder von Annas Narben aus seinem Kopf zu vertreiben.
„Ich beeile mich, versprochen. Bis gleich." Mike ließ das Handy in seiner Hosentasche verschwinden und kramte stattdessen seine Geldtasche hervor, während er sich auf die Suche nach einem Taxi machte.
„Okay, okay, okay." Anna war im Bad. Sie weinte. Joe war bei ihr. Er musste sich beeilen. „Scheiße." Mike wusste nicht, ob sein Herz so schnell schlug, weil er rannte, oder weil das Adrenalin nur so durch seine Adern strömte, die Angst sein mächtigster Verbündeter.
„Entschuldigung!" Das gesamte Kleingeld, das er noch hatte in einer Hand, ließ er sich in eines der Taxis fallen, die zwei Straßen von der Uni entfernt parkten. Hastig nannte er dem Fahrer seine Adresse, auch wenn er bereits wusste, dass sein Geld dafür niemals reichen würde. „Bringen Sie mich bitte so weit, wie wir damit kommen. Und beeilen Sie sich", fügte er noch hinzu. „Bitte."
Er hatte den Verkehr in dieser Stadt schon immer gehasst, die tausenden Autos und Ampeln, die der Menge an Fahrzeugen kaum noch Herr werden konnten. Aber heute, mit jeder roten Ampel, mit jeder Sekunde, die verstrich, mit jeder Zahl, um die sich das Taxameter erhöhte, hasste er ihn ein wenig mehr.
DU LIEST GERADE
Break the Cycle |Linkin Park|
Fanfiction» Ich sag dir was, Mike, mal wieder. Du hast nur Angst davor, noch einmal jemanden zu verlieren, den du liebst. « Würdest du zulassen, dass deine Welt auf den Kopf gestellt wird, oder würdest du um jeden Preis versuchen, deine dunklen Geheimnisse un...
