Kapitel 13

43 5 0
                                        

Sicht von Chris...

Mein Bruder kramt seine Sachen zusammen, während ich auf mein Handy schaue. Immer wieder leuchtet das noch auf, da wir immerhin vor wenigen Minuten ein neues Foto hochgeladen hatten. Damit mich das nicht ablenkt, wobei es mich gerade am ehesten stört, stelle ich das für eine Zeit auf stumm und stecke es weg.

Ich lehne gegen meinem Tisch, da ich nicht sonderlich viele Sachen mit hergenommen hatte. Heute Morgen, nachdem Cassy gegangen ist, war ich nicht mehr sonderlich lange im Haus, da ich das nicht ausgehalten habe. Immer und überall kommen Gedanken auf. Dabei seid ihr umgezogen, damit genau das nicht mehr passieren würde, Christian. Damit ihr beide nochmal neu anfangen könnt. In diesem einem Jahr fehlte mir aber zu oft die Motivation, als dass ich alles richtig eingeräumt hätte. Auf dem Dachboden liegen Kisten, wo Sachen drin sind, an die ich mich kaum mehr erinnere. Vielleicht, weil ich versuche sie zu verdrängen. Auch in meinem Schlafzimmer ist noch nichts so, wie ich es gerne hätte oder wie ich mich wohl fühlen würde. Das einzige, was mir wichtig gewesen ist, war, dass Cassy sich halbwegs wohl fühlen würde. Dabei denke ich, sie muss mich gehasst haben, als ich ihr gesagt hatte, dass wir die Wohnung verlassen werden, in denen wir als Familie gelebt hatten. In der wir als "Familie" gelebt haben...dass ich nicht lache.

Wie jedes Mal, fängt Andreas an mich zu mustern, weil ich stumm in den Raum gestarrt habe. Mittlerweile eine Tätigkeit, die ich perfektioniert habe. In zu vielen Jahren wurde ich einfach nie für wahr genommen oder gar beachtet. Ich lebte vor mich hin und zerstörte mich mit jedem Tag immer weiter. Aber niemals im Leben hättest du sie verlieren können. Dafür liebst du sie zu sehr, dafür liebst du deine kleine zu sehr.

Ich seufze leicht, bevor ich mich vom Tisch abstoße und in die Richtung meines Bruders gehe. Mein aufgesetztes Lächeln muss ich hier nicht probieren, da er es sofort erkennen würde. Daher zeige ich ihm nur mit einer kurzen Kopfbewegung, dass er mitkommen soll.
Andreas: Wie geht es Cassy?"
Während des Gehens in die Halle, zucke ich mit den Schultern. Ich weiß es nie. Ich wusste es in den letzten Jahren kaum zu einem Zeitpunkt. Das einzige, was ich immer wieder zu spüren bekomme, ist, dass sie mich scheinbar abgrundtief hasst.
Chris: Mehr oder weniger, würde ich sagen. Zumindest sah Stitch danach aus, als wäre sie gestern sehr wieder in den schlechten Erinnerungen gefangen gewesen."
Kurze stille. Nur die Schritte von uns kann ich wahrnehmen, während ich die Tür zur Halle öffne und als erstes von uns beiden reingehe, wobei mir mein Bruder auf Schritt und Tritt folgt und mich keinen Moment aus den Augen lässt.
Andreas: Und dir?"
Normal würde ich gleich mit den Kopf schütteln, dass er das nicht fragen soll. Wäre dieser verdammte Morgen heute nicht gewesen. Der bringt mich jetzt dazu, dass ich auf meiner Lippe kaue, damit ich ein gerade Wort rausbekomme und mich davon abhalte, dass ich hier wieder anfange zu weinen.
Chris: Mir geht es...ich kann es nicht mal beschreiben..."

Alles kommt immer wieder und verwehrt mir ein normales Leben. Zumal denke ich immer wieder an Sarah, an ihrem Unfall und an meine Schuld an dem Ganzen. Und meine Tochter erinnert mich immer wieder auch daran, dass ich vor langem alles bereits verloren habe. Aber ich hätte das "Angebot" meiner Frau nie annehmen können. Viel mehr war es eine Drohung, die mich gehalten hat und die mich jetzt in diese Situation gebracht hat.

Meinen Kopf lasse ich hängen, einige wenige Tränen fallen zum Boden, da ich danach gleich mit meinen Ärmel über meine Augen wische, damit ich aufhören würde. Danach atme ich einmal tief durch und schaue wieder nach vorne. Arbeit. Proben. Tour. Sendung. Stadionshow. Planungen.
Chris: Die Pläne für die Show habe ich beinahe fertig. Ich denke, dass nur noch wenige Einzelheiten fehlen. So Kleinkram erledige ich in den kommenden Wochen im neuen Jahr. Aber im Grunde..."
Ich drehe mich zu Andreas um und bekomme mit, dass ihm die Arbeit gerade kalt lässt. Kann auch daran liegen, dass ich überhaupt nicht so aussehe, als wäre ich für diese bereits. Wer würde nach knapp vier Stunden Schlaf, einen beschissenen Morgen und allgemein diesen Umständen aber auch gut drauf sein?
Anissa: Christian..."
Den Kopf lasse ich in den Nacken fallen, bevor ich genervt ausatme. Eine Sache, die Cassy und ich beide hassen: Wenn man uns bei unserem kompletten Namen nennt. Ich kann das Gespräch mit meinen Bruder so gar nicht gebrauchen, aber weglaufen geht wohl auch nicht. Dabei hilft es nicht, sondern treibt mich nur an den Rand. Als er dann noch näher zu mir kommt und eine Hand auf meine Schulter legt, damit er anfangen könnte, bricht mein innerer Damm komplett.
Chris: Ich hasse dieses verdammte Leben und was daraus geworden ist...ich hasse es so sehr, Andreas..."

Die bitteren Tränen laufen wieder mein Gesicht runter, während ich langsam in mir zusammensacke, bis ich auf dem Boden hocke und meinen Blick durch die Halle gleiten lasse, in der Hoffnung, ich würde hier eine Lösung finden.
Chris: Ich würde mir einen normalen Tag wünschen. Wo ich nicht immer wieder mit den Gedanken aufwache, dass ich einem Menschen das Leben gekostet habe. Wo Cassy am Morgen nicht von oben runterläuft und mich am liebsten ignorieren oder gar aus dem Haus schmeißen würde. Wo ich ganz in Ruhe mit ihr reden kann. Wo alles einfach halbwegs normal wäre...aber dieses "normal" habe ich seitdem ich 14 bin nicht mehr..."
Danach lege ich meinen Kopf in meine Hände, atme einige Male tief durch, bis ich wieder meine Atmung und meine Gefühle unter Kontrolle habe. Zumindest für den Moment.
Chris: Ich habe so viel zerstört...ich war ein grauenhafter Freund, ein grauenhafter Ehemann und bin wohl bis zum Ende meiner Tage ein grauenhafter Vater..."
Ich bekomme mit, dass Andreas so vieles sagen will, dass er aber weiß, dass er kaum was gegen meine inneren Dämonen anrichten kann. Dafür haben die sich in all den Jahren zu sehr ausgebreitet und mich in ihre Macht genommen,
Chris: Ich hasse dieses Leben so sehr...und ich habe alles zerstört..."

Und dann sitze ich dort. Ich sitze auf dem Boden der Halle, wo wir an den Shows arbeiten und versuche mich zu sortieren und alles, was in mir ist, zu unterdrücken, damit ich weiterhin funktionieren kann. Andreas sitzt am Rand einer Illusion und wagt es sich nicht, mich anzuschauen. Es ist, als wäre ich wieder 14 Jahre alt und als wäre es wieder der Tag, der damals mein gesamtes Leben verändert und später zerstört hat...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt