Kapitel 76

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Dass ich in einem Stadion vor tausenden von Menschen in zwei Wochen eine Show spielen soll, werde ich vermutlich erst an dem Tag begreifen, wo ich das erste Mal auf der Bühne stehe, die Stuhlreihen vor mir sehe und weiß, dass es kein Zurück mehr geben wird. Heute war die letzte Besprechung mit der Crew, die letzten Sachen werden jetzt noch bearbeitet und strukturiert und dann ist es vorbei.

Mit bei mir sitzt der Kater meiner Tochter, weil sie gerade noch unterwegs ist. Ein Grund, warum ich dafür war, dass sie in Herford das Praktikum macht, ist, dass wir gerade nur ein Auto haben und ich bin darauf angewiesen in dieser Zeit. Ich muss zur Halle und kann das nicht von zu Hause aus regeln. Für sie neben den Verein und der Musikschule auch machbar, wobei das gerade sehr viel Zeitmanagement von ihr abverlangt. Aber sie will es so und daher hat sie es auch irgendwie geschafft.
Chris: Was willst du denn von mir?"
Eben noch unten auf dem Teppich und halb am Schlafen, jetzt springt der Kleine zu mir rauf und lenkt mich vollkommen von allem ab und bringt mich auch dazu, dass ich den Mac zuklappe, da sowieso schon alles richtig sein wird.
Chris: Sie wird gleich wieder hier sein, da bin ich mir sicher."
Als ich ihn gerade streicheln will, lässt er das nicht zu. Stattdessen schaut er mich stur an und springt danach wieder zum Boden. Okay? Kurz darauf höre ich aber, dass die Haustür aufgeschlossen wird, dass Christina also wieder da ist. Habe es verstanden, Stitch.

Ich muss mir gar nicht die Mühe machen, dass ich zu ihr in den Flur komme. Nur so nebenbei begrüßt sie ihren Kater, hängt ihre Jacke am Haken auf und stelle ihre Schuhe ab, da sie danach gleich zu mir ins Wohnzimmer kommt.
Chris: Du bist echt schnell wieder hier. Hattest du nicht erst um 17 Uhr Schluss?"
Christina nickt einzig und wirft mir auf den Tisch ein Blatt, was in einer Folie gepackt wurde. Zuerst schaue ich noch zu ihr hin, bevor ich zumindest versuche ein Teil des Schreibens lesen zu können. Christina Reinelt, geboren am 23. Januar 1997, war als Praktikant im Bereich der Veranstaltungstechnik bei uns im Theater Herford tätig. Frau Reinelt hat sich innerhalb kürzester Zeit gut ins Team integriert. Sie war eine geschätzte, allseits beliebte Praktikantin und mit ihrer wertvollen, innovativen Idee einer Bereicherung für die anstehenden Großprojekte.
Christina: Ich will das, Papa."
Ich schaue auf, lasse das Schreiben vor mir liegen und sehe zu meiner Tochter.
Christina: Ich will eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik in eurer Firma machen. Ich bin mir da sicher."

Lachend lasse ich mich nach hinten gegen die Lehne fallen, schaue einen Moment an die Decke und schaue danach gleich wieder zu ihr, mit noch den gleichen Ausdruck.
Christina: Ich habe meinen Teil der Abmachung eingehalten, du bist dran."
Vom Sofa stütze ich mich ab und stehe auf, wobei ich Christina mit einer kurzen Handbewegung zeige, dass sie mitkommen soll. Ich gehe mit ihr in die Küche, krame aus dem Haufen an Papieren diese braune Mappe hervor und lege sie ihr auf den Tisch, wonach ich mich gegen die Küchenzeile lehne und zu ihr hinschaue. Zuerst zeigt sie mir einen skeptischen Blick, bis sie doch nach dieser greift.
Chris: Seit den ersten Tagen, wo du dort hingegangen bist, habe ich das schon hier. Andreas und ich habe bereits alles ausgefüllt und...ich habe nur darauf gewartet, ob du es mir heute sagen wirst. Du hast es getan...also..."
Christina: Du klingst immer so, als würdest du es nicht wollen, dass ich bei euch anfange. Als sollte ich mir etwas anderes aussuchen."
Chris: Das ist es nicht, Christina..."
Ich schaue zur Seite weg, meide ihre Blicke und verschränke die Arme vor meiner Brust. Sie steht vor dem Vertrag am Tisch und ich schaue mir das braune Parkett in der Küche an.
Chris: Ich dachte, dass du immer raus willst und weg von mir. Und ich habe Angst, dass ich wieder etwas falsch mache."
Christina: Du hast nie etwas falsch gemacht und ich wiederhole mich gerne: Du warst 15! Du hast dein Bestes getan und ich war einfach zu dumm es zu sehen. Es ist okay, dass du es nicht weißt, ich doch auch nicht. Wir gehen den Weg gemeinsam, denn ich will nicht weg. Ich will dich nicht verlassen, habe das nicht vor, du bist mir zu wichtig. Ich liebe dich."

Ich hebe sofort nach dem letzten Abschnitt des Satzes meinen Kopf und schaue sie an. Sie hängt komplett in ihrer Erklärung, dass ich ihr bitte glauben soll – was ich auch will – aber ich habe etwas ganz anderes im Kopf, was Christina nach und nach an meinen Blicken bemerkt und auch daran, dass ich einfach starr zu ihr sehe.

Unsicher nimmt sie ihre Hände immer weiter zu sich, verschränkt ihre Arme vor sich und ist immer wieder dabei, ihren Blick von mir abzuwenden.
Chris: Was hast du gesagt?"
Christina: Du hast nie etwas falsch gemacht und-"
Chris: Nicht das."
Mit offenen Mund schaut sie zu mir, denkt einen Moment über ihre Sachen nach, die sie angesprochen hatte und scheint dann endlich zu merken, was ich von ihr hören will. Kurz lässt Christina ihren Kopf hängen, lässt die Mappe hinter sich und kommt danach auf mich zu, bis sie vor mir stehenbleibt.
Christina: Ich liebe dich. Du bist mir unfassbar wichtig und ich will dich nicht verlassen. Ich habe meinen Vater gerade erst wieder und will ihn nicht zurücklassen."

Augenblicklich schließe ich sie in Arm, lege meinen Kopf auf ihrer Schulter ab und drücke sie vorsichtig an mich. Es dauert kurz, bis sie ihre Arme um mich legt und mit ihren Händen vorsichtig über meinen Rücken geht.
Chris: Der 19. Februar 2011...das war das letzte Mal, dass du das zu mir gesagt hast."
Christina zeigt mir, dass ich sie loslassen soll, dabei greife ich aber gleich nach ihren Schultern, damit sie vor mir stehenbleibt.
Chris: Bei meinem 29 Geburtstag hast du es das letzte Mal gesagt..."
Christina: Dann habe ich einiges nachzuholen."
Chris: Und dafür hast du auch die Zeit."

Von der Seite, dort liegen Briefe und Unterlagen für die Firma, nehme ich einen Kugelschreibe, gehe zum Tisch, wobei mir Christina auch gleich folgt. Dort halte ich ihr den Stift vor, den nimmt sie sofort an und klappt die erste Seite wieder auf. Eine Zeit liest sie, sieht darunter die Unterschriften von Andreas und mir und setzt ihre dann auch dazu, bevor sie wieder aufschaut und beginnt zu lächeln.
Chris: Willkommen in der Ehrlich Crew...

Nameless to YouWo Geschichten leben. Entdecke jetzt