Am Abend sitze ich auf dem Sofa, habe neben mir Stitch liegen, der sich gerade von mir streicheln lässt und konnte das essen, was mein Vater mir zubereitet hatte. Gerade ist er noch in der Küche, während ich hier sitze. Es ist fremd, hier zu sein und nicht gleich wieder nach oben in mein Zimmer abzuhauen, aber irgendwo genieße ich das auch.
Mein leerer Teller steht vor mir und als Stitch einen Moment vom Sofa springt, entscheide auch ich mich dazu, dass ich aufstehe und den Teller in die Küche bringen kann. Bevor ich aber durch die Tür gehen würde, bekomme ich mit, dass mein Vater telefoniert und bleibe daher hinter der Wand stehen und höre ihm zu.
Chris: Ja Bruder, sie ist heute wieder hergekommen. Keine Sorge, ihr geht es gut. Das hatte sie mir gesagt und das konnte ich auch sehen."
Hatte er das seinen Bruder gleich am ersten Tag gesagt? Was für Probleme muss ich ihm gemacht haben, dass ich einfach so gegangen bin.
Chris: Weiß ich nicht so genau, wir wollen reden. Wird die Zeit aber wohl erst zeigen. In den nächsten Tag...wirklich? Klar, ich mache das einfach von zu Hause aus. Für den ersten Block ist auch alles schon fertig."
Nach Weihnachten gehen sie wieder auf Tour. In den letzten Monaten habe ich das fast wieder vergessen, weil er so oft hier gewesen ist. Klar, auch mal in der Halle, aber das ist nicht vergleichbar mit der Zeit, wo sie auf Tour sind.
Chris: Ich kann dann wirklich bei ihr bleiben? Danke Andreas, wirklich. Ja, ich melde mich in den Tagen mal, aber verzeih mir, sollte ich das mal vergessen. Du kennst mich doch."Kurz darauf verabschiedet er sich von seinem Bruder und das ist auch der Moment, wo ich mit in die Küche komme. Wirklich überrascht ist er dabei gar nicht. Was haben sie aber auch besprochen? Nichts, was ich nicht auch hätte hören können.
Cassy: Du hattest es Andreas gesagt?"
Chris: Gleich am ersten Morgen. Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte oder wo du hin sein könntest. Ich war...mal wieder überfordert."
Ich nicke schweigend und gehe danach zum Geschirrspüler. Es wird dauern, bis wir beide wieder komplett unbefangen miteinander reden können. Dafür ist in den letzten Jahren auch einfach zu viel passiert.
Cassy: Du sprichst immer so negativ davon. Dass du mal wieder überfordert gewesen wärst. Das hattest du auch Mittwoch gesagt."
Chris: Weil es doch so ist. Ich wusste nie, was ich tat und was ich tun sollte. Immer wieder fand ich mich in der Situation, dass ich gefühlt alles falsch gemacht habe. Ich habe mich nie als Vater gesehen und-"
Cassy: Du warst 15."
Dieses Mal wird er still. Das erste Mal hatte er es mir am Mittwoch gesagt. Er war nicht mal ganz 15 Jahre alt, als es mich im Arm gehalten hatte. Was hätte er tun sollen?Ich hatte alte Bilder gesehen. Wie mein Vater mit 15 Jahre ausgesehen hatte. Was er getan hatte, was seine Hobbys waren und dass er eigentlich ein ganz normaler Teenager gewesen ist. Und dann musste er ein Vater für eine kleine Tochter sein. Ich habe das immer ignoriert, dabei sollte ich das nicht. Er hat es geschafft neben der Schule für mich da zu sein und mich irgendwie zu erziehen. Mama hat es immerhin nicht richtig getan scheinbar.
Leicht betroffen schaue ich auf den Boden und bekomme mit, dass mein Vater sich gegen die Küchenzeile lehnt, die ganze Zeit aber weiter zu mir hin schaut.
Cassy: Irgendwie...ich habe das einfach immer ignoriert. Was hättest du tun sollen? Du warst in der 9. Klasse, hattest Hobbys und Freunde und dann war da noch ich. Ich habe immer nur gesehen, dass du ein Vater hättest sein sollen und habe ignoriert, dass auch du noch ein Kind gewesen bist..."
Ganz leicht muss ich lachen und schaue im nächsten Moment wieder auf und zu Chris hin. Noch immer steht der an Ort und Stelle, beobachtet mich und lenkt seinen Blick nicht von mir ab.
Cassy: 15 Jahre...wäre es zum Teil nicht wahrscheinlicher, dass ich deine Freundin hätte sein können?"
Chris: Wobei auch da 15 Jahre wieder ein großer Unterschied sein würde."
Daraufhin müssen wir beide lachen. Ja, definitiv weiß er nicht alles, aber ich verschulde es der Tatsache, dass er auch noch aufwachsen musste und zugleich mich erziehen. Und um ehrlich zu sein, so viel kann er da gar nicht falsch gemacht haben.Aus dem Korb neben dem Kühlschrank nimmt er sich eine Flasche Wasser. Die hat er oft neben seinem Bett stehen für die Nacht. Es ist auch spät geworden, morgen muss ich zur Schule und er...
Cassy: Musst du morgen zur Arbeit?"
Chris: Mein Bruder hat mir die Woche erstmal frei gegeben. Die paar Sachen für die Show kann ich auch zu Hause am Mac erledigen."
Das erste Mal freue ich mich, dass er da ist. Innerlich hast du dich immer irgendwie gefreut, du wolltest es einfach nur nicht zugeben, Christina.
Cassy: Es ist schon spät geworden, ich würde mal hoch gehen. Noch schnell duschen und dann schlafen. War ein langer Tag."
Chris: Ich hätte gegen etwas Schlaf auch nichts einzuwenden."
Cassy: Du lagst die letzten Nächte wach, richtig?"
Man sieht es an seinen dunklen Augenringen und an seinen leicht roten Augen. Hättest du gut schlafen können, wenn du gewusst hättest, dass dein Kind irgendwo sich umher treibt, ohne, irgendwas gesagt zu haben?
Chris: Ich habe wenig geschlafen, weil ich immer dachte, ich hätte etwas gehört. Das wird aber schon. Auf Tour komme ich auch mit wenig aus."Wir sagen einander gute Nacht, danach gehe ich hoch in meine Etage und mein Vater verschwindet in seinem Schlafzimmer. Die Dusche tut verdammt gut, meine Haare endlich wieder waschen und alles hier haben, was immer zu mir gehört hatte. Stitch hat die ganze Zeit schon auf mich vor der Tür gewartet und miaut, als er mich wiedersieht.
Cassy: Ja, wir beide legen uns jetzt auch schlafen. Komm kleiner."
Er tapst mir nach in mein Zimmer. Es hat sich hier nichts geändert. Wobei ich sehen kann, dass irgendjemand auf meinem Bett gesessen haben muss. Vermutlich mein Vater. Darum war er eventuell vorhin auch hier oben, als ich nach Hause gekommen bin. Ich lege mich einfach hin, decke mich zu und stelle mir den Wecker für den nächsten Tag, wobei ich weiß, dass ich dort wieder auf Bolin und Velory treffen werde nach dem Vorfall. Stitch springt mit dazu und legt sich an seinen Platz, wo er immer schläft.
Cassy: Schlaf gut Stitch. Ab jetzt wird alles besser...daran glaube ich ganz fest...

DU LIEST GERADE
Nameless to You
Fanfiction»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...