Kapitel 71

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Die letzten drei Tage bei meinem Vater auf Tour brechen an, dabei kann man den heutigen gar nicht mehr mit dazu zählen. Nach der Show hier ist der vorbei und dann freue ich mich, wenn ich mich wieder im Bus schlafen legen kann. Wie mein Papa es schafft, danach noch unten zu arbeiten, verstehe ich dabei zu keinem Stück, aber seine Erklärungen waren auch mehr oder weniger hilfreich.

Wie immer ist er zu dieser Zeit, es dürfte kurz vorm Einlass sein, in seiner Kabine. Dabei Sonja, oder sein Bruder oder einer der anderen Arbeiter, die ich nicht ständig um mich rum haben muss. Nicht, weil ich mit denen nicht auskomme, aber weil ich mit dem Kopf immer wo anders bin. Mathe sollte ich zum großen Teil verstanden haben, die letzte Symphonie von Beethoven habe ich auch noch fertig bekommen und sollte daher auch dort ganz gut vorbereitet sein. Englisch mache ich mündlich und reden kann ich. Über Physik reden wir nicht, da drücke ich mich etwas vor, obwohl ich dort auch immer gut gewesen bin. In den letzten Tagen habe ich allerdings so viele Formeln gesehen, dass ich erstmal genug davon habe. An den Arbeitern vorbei gehe ich zur Bühne und dachte, dass ich Levi hier finden könnte. Scheinbar ist sie aber schon weiter gelaufen. Dabei sehe ich an der Seite, dass sie wieder ihr Funkgerät hat liegenlassen. Fast jeder hier hat eines und mit einem Klebestreifen hat jeder auch seinen Namen drauf geschrieben. Sie meinte, sie vergesse es immer wieder, da sie vor den Shows immer so viele Sachen noch nach vorne zum FOH trägt, sodass es dann einfach liegen bleibt.

Da ich sowieso oft hier Laufbursche spiele, nehme ich ihres von der Seite mit und gehe meinen weg weiter, damit ich zu ihr gelangen würde. In den letzten Tagen, wenn ich bei Levi war, hatte sie mir so ein Ding auch oft in die Hand gedrückt. Weil sie etwas auf der Bühne nachsehen musste und ich musste von ihrem Platz aus sehen, ob es so wird, wie sie es mir zuvor beschrieben hatte. Gerade müsste es ausgestellt sein.
Sina: Christina!"
Ich weiß, dass sie nicht derartig nach meiner Schulter packen wollte, wie sie es gerade getan hat. Aber meine Reaktion ist, dass ich mich gleich von ihr losreiße und sie nicht sonderlich entspannt anschaue. Wieder eine sehr angemessene Reaktion, Christina. Perfekt gemacht! Ich will mich entschuldigen, etwas zu mir sagen, aber Sina zeigt mit einer Handbewegung gleich, dass ich das nicht machen soll.
Sina: Ich hätte dich anders ansprechen sollen, aber du warst so in Gedanken, dass du mich vorher gar nicht wahrgenommen hattest."
Nein ich war tatsächlich komplett wo anders. Ich hatte an Levi gedacht, an die Arbeit, an die Prüfungen. Einfach mal an alles, was gerade so abgeht.
Sina: Ich wollte nur wissen, ob das mir morgen noch steht? Oder ob es überhaupt steht, ich möchte mich nicht aufdrängen."

Nein. Ich will dieses kleine Wort aussprechen, aber bekomme es nicht über die Lippen. Mein gesamte Alltag besteht gerade nur aus Stress, aus immer kreisenden Gedanken und aus einer Welt, aus der ich nicht entkommen kann. Einen Tag einfach mal raus kommen, wäre keine schlechte Sache. Außerdem heißt es nicht gleich, dass sie irgendwas will. Von Beginn an war sie nett zu jedem hier in der Crew. Sowohl zu mir, als zu meinem Vater, Andreas, Levi, Manu und jeden anderen, den ich nicht bei Namen kenne. Gib ihr doch diese eine Chance, die du auch so oft von anderen bekommen wolltest.

An einem Lächeln versuche ich mich gar nicht erst, da ich weiß, dass es komplett aufgesetzt wäre und selbst sie könnte sehen, dass ich es nur spiele, um ihr ein etwas besseres Gefühl zu geben.
Christina: Das klingt ganz gut. Morgens gehe ich immer mit meinen Vater noch frühstücken, danach habe ich Zeit. Okay?"
Ihr Nicken kommt nicht zögernd, sondern sehr schnell, ihr Lächeln versucht mich etwas aufzumuntern und schafft es auch ein wenig.
Sina: Ich bin morgens meistens auch in der Kantine. Wir werden uns dort schon treffen und dann sehen wir weiter."
Ich nicke, wage mich dieses Mal an ein Lächeln und bekomme von ihr auch wieder eines zurück, bevor sie sich entschuldigt, die Show würde bald beginnen. Beim letzten Mal hatte ich Karina immer gebeten, sie sollte mitkommen. Jetzt hätte ich auf Gesellschaft verzichten können und dann kommt sie auf einmal. Das ist also der neue Cast für die nächste Staffel in der Serie meines Lebens. Ich weiß nicht, wie ich ihn finde.

Leicht genervt seufze ich, bevor ich mich endlich zu Levi bewegen kann. Wie ich es erwartet hatte, ist sie bereits bei ihrer Anlage, die sie den Abend über bedienen muss. Als sie mich dann auch langsam wahrnimmt, da ich den Gang der Arena runterlaufe zwischen den Stuhlreihen, bemerkt sie auch, was ich dabeihabe.
Levi: Ich habe es wieder vergessen, richtig?"
Ich muss lachen und schaffe es gerade so noch leicht zu nicken, bevor ich bei ihr ankomme. Neben ihr am Tisch sitzt noch Phil, der sich um die Lichttechnik kümmert. Heute dabei ein junger Mann, den ich vorher nie wahrgenommen hatte. Der ist auch gut beschäftigt und wird von Phil nochmal angehalten, dass er hinter der Bühne was suchen muss, bevor in 10 Minuten der Einlass beginnt.
Christina: Wer ist der Mann denn? Ich habe ihn noch nie hier gesehen."
Phil: Er ist auch das erste Mal heute mit hier. Er ist im zweiten Lehrjahr, war bisher hauptsächlich beim Aufbau und in den letzten Monaten bei Levi. Jetzt habe ich ihn bei mir und zeige ihm mein Gewerk."
Ich nicke, überlege kurz, aber denke einfach, dass ich ihn immer wieder ignoriert habe unter der Masse an Menschen, sodass es nicht so wichtig sein wird.

Neben sich zieht Levi einen Stuhl hervor, da ich die letzten Tage oft mit hier war. Wo der Azubi für Phil Laufbursche war, durfte ich das für Levi spielen. Allerdings hatte ich es mir so ausgesucht und ich fand es gar nicht so schrecklich, da sie mir viel gezeigt hatte in den Tagen und dabei durfte ich auch viel ausprobieren...und ein bisschen an der Anlage spielen. Wann bekommt man dafür denn sonst mal die Chance?

Während sie dort letzten neuen Einstellungen programmiert, schaue ich über das Mischpult, hin zur Bühne und dann an die Decke, bevor ich mit den Händen über meine Beine gehe.
Levi: Du bist nervös oder dich regt etwas auf."
Meinen sehr fragenden und skeptischen Blick bekommt sie zwar mit, aber keinen Sekunde schweift sie mit ihren Augen vom Bildschirm oder vom Mischpult ab.
Levi: Du bist die Reinkarnation deines Vaters und den kenne ich bereits einige Jahre. Der macht genau das gleiche immer wieder und entweder ist er dann nervös oder genervt von etwas, was er nicht aussprechen kann. Also: Was gibt es?"
Christina: Sina hat mich dazu überredet, dass wir morgen zusammen in die Stadt gehen und ich kann sagen, dass Karina es nicht so gut mit mir gemeint hatte. Ihre dummen Gefühlsspiele habe ich dabei aber leider erst zu spät gemerkt und ich will nicht, dass mir sowas noch einmal passiert."
Levi: Das wird dir immer wieder passieren. Meine drei Ex Freunde haben das alle mit mir abgezogen. Die ganze Welt ist nicht fair, aber trotzdem ist das Leben irgendwann zu ernst für alles. Du bist 19 Jahre alt, genieße es ein wenig und denk nicht immer an das, was passieren könnte. Wenn es passieren soll, passiert es sowieso früher oder später. Du verschiebst einfach nur, wann die Katastrophe einschlägt."

Sollte mich das Aufmuntern oder weiter runterziehen? Es ist Levis Art, die immer sehr direkt war. Das wird dir immer wieder passieren. Auch wenn ich mir wünschen würde, es wäre nicht so, aber vielleicht sollte ich mich daran gewöhnen. Solche Sachen werden immer irgendwie wieder passieren, vielleicht nicht so, wie bei Karina, aber irgendwas wird immer nicht so laufen, wie ich es geplant hatte...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt