Kapitel 85

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Sicht von Chris...

Seit einer sehr langen Zeit wusste ich bereits, dass es irgendwann dazu kommen würde. Sina und Christina waren nicht sonderlich unauffällig, jeder hatte es irgendwie mitbekommen und eigentlich nur darauf gewartet, wann es endlich so weit sein würde. Und außerdem sehe ich, wie glücklich es meine Kleine macht.

Ein letzter Blick in den Spiegel, in der Zeit verabschieden die beiden sich und Christina läuft die Gänge runter, damit sie zu dem Platzt kommen kann, an dem sie sitzen soll. Das hatte ich ihr heute Vormittag noch gezeigt. Sie und die endlosen Gänge. Als ich mich dann auch endlich auf den Weg zur Bühne machen will, ist Sina noch da, weil sie ebenfalls dahin gehen will. Aber vermutlich auch aus anderen Gründen. Sie ist nicht zu Beginn dran, nicht mal in der ersten Hälfte, aber da ich keine weitere Zeit habe, muss ich alles mitnehmen und mich auf den Weg zur Bühne machen. Wie gedacht, sie läuft mir nach. Sie ähnelt Christina in manchen Dingen sehr. Ihr Blick wandert von A nach B und mit den Händen geht sie immer wieder an die Kette, die sie gerade noch trägt. Für die Illusion später muss sie die noch abnehmen, aber nicht jetzt.

Bei der Bühne angekommen, muss ich mir noch das Mikro richtig anlegen. Levi hatte andere Dinge heute zu tun, sodass ich meinte, ich könne das auch allein. Mein Bruder würde mich sonst berichtigen, wenn etwas nicht richtig ist.
Sina: Ich werde ihr nichts antun."
Und dann rückt sie mit Sprache endlich heraus. Nebenbei den Sender an den Hosenbund klemmen und dazu zu Sina schauen. Kleinlaut steht sie neben mir, hat sich an einen der Cases gelehnt und weiß nicht so recht, ob sie mich anschauen sollte oder nicht.
Chris: Das weiß ich. Ich weiß es, wenn ich Christina ansehe."
Das Lächeln, was ich sehe, gilt nicht meiner Aussage, sondern den Gedanken an Christina. Sie hat einfach eine Art, wie sie ausdrückt, wenn sie sich wohl und geborgen fühlt. Ich kenne sie ihr ganzes Leben, ich sollte es am besten wissen.
Chris: Ich hatte das damals nur gesagt, weil..."
Sie hat ihre Mutter mit 14 verloren. Ihre Freundin hat sie für jemand anderen sitzen lassen. Karina hatte sie ausgenutzt, damit sie an mich rankommen würde. Und ich habe unsere Beziehung zerstört, weil ich über Jahre geschwiegen habe.
Chris: Christina musste in der letzten Zeit viel mitmachen, aber..."
Das erste Mal schaut Sina auf und zu mir hin. Da wir ab sofort wohl mehr Zeit miteinander verbringen werden. Ich lächle etwas.
Chris: Wenn sie mir das sagt, muss sie das schon sehr ernst meinen. Ich habe meine Tochter lange nicht mehr so gesehen. Danke."

Vielleicht ist es in ihren Augen nicht viel, was sie macht, aber ich bemerke es. Ich habe immer jede kleine Frage mitbekommen und Sina war dabei nicht sonderlich subtil. Als sie sich immer merken konnte, wie Christina ihren Kaffee trinkt und meinen immer vergessen hatte, obwohl es exakt gleich ist. Die Fragen, ob sie mit auf Tour kommt. Der eine Tag in Bremen, den Christina gebraucht hatte und alles, was sie in den vergangen Tagen hier gemacht hat. Trotz der Tatsache, dass ich ihr angedroht hatte, sie könnte ihren Job hier wieder verlieren, hat sie es gemacht. Was will ich für meine Kleine mehr?

Von der Seite werde ich von meinen Bruder gerufen, dass ich jetzt dringend kommen muss, da es gleich los gehen wird. Stumm entschuldigt Sina sich, dass sie mich aufgehalten hat und geht danach ein paar Schritte weg, zu anderen aus der Crew, die die Illusionen vorbereiten und zur richtigen Zeit platzieren. Und ich gehe zu Andreas.
Andreas: Worüber habt ihr bitte gesprochen?"
Während ich mit einigen Übungen versuche die Anspannung aus meinen Körper zu bekommen, muss ich etwas anfangen zu lachen. Andreas hilft das nicht sehr viel weiter, immerhin hätte Sina hier noch gar nicht hingehört und dass wir so lange über was reden, was definitiv nicht zur Show gehört, passt gar nicht zu mir.
Chris: Meine Tochter geht scheinbar mit meiner Tänzerin aus."
Ich würde den Blick meines Bruders gerne beschreiben können, aber das, was ich da sehe, ist sehr viel auf einmal. Dass er sich freut, dann Dinge hinterfragt, danach nachdenkt, bis er doch verwirrt zu mir sieht.
Andreas: Christina steht auf Frauen?"
Chris: Ja, das weiß zwar fast die ganze Crew, aber gut, dass du es jetzt auch weißt."
Andreas: Bei mir als Onkel gehen einige Fakten vorbei."
Wir beide lachen. Es lenkt etwas von dem ab, was dort vor uns liegt.
Andreas: Das klingt gut. War das mit Karina damals dann wegen..."
Chris: Wann anders, jetzt müssen wir erstmal einen Weltrekord brechen."

Showbeginn. Unsere Nerven liegen blank, mein Herz höre ich in den Ohren dröhnen und trotzdem schaffen wir es, dass der Einstieg schon so gelingt, wie es geplant war. Das Publikum ist gut drauf und macht es uns leichter, sodass wir mit jeder weiteren Nummer die Angst hinter uns lassen können. Die erste Hälfte läuft durch, die zweite Beginnt. Ersten Rekord geschafft. Weite Illusionen folgen und zwischendrin, während die nächste Illusion hinter der Abtrennung aufgebaut wird, bleibt Zeit für ein paar Worte.

Das mit Papa wird niemals leichter werden, so fühlt es sich gerade zumindest an. Die Treppe sollte ich nicht weiter runterfallen, gehe noch zwei Schritte, bis auch Andreas da bleibt, wo er zum Stehen gekommen ist.
Andreas: Natürlich einen riesigen Dank an unsere Mama, die uns immer unterstützt hat mit unseren Papa zusammen. Du bist die beste Mama, die man sich wünschen kann!"
Wir beiden wissen, wo alle aus unsere Familie sitzen. Etwas geschützt vor den anderen Zuschauern, aber trotzdem mit einer guten Sicht auf das, was hier unten passiert.
Andreas: Ich danke meiner Frau und meinen Kindern, die mich in den letzten Monaten immer wieder entbehren und Tage auf ihren Papa verzichten mussten."
Während seiner zwei Sätze ging der Blick meines Bruder bereits zu mir rüber. Der Mensch der vielen Worte bin ich zwar nie gewesen, aber ich muss ihm fast nur nachreden.
Chris: Ich muss meiner Tochter danken, deren erste große Show das heute auch ist. In den letzten Wochen hatte sie mir immer wieder geholfen, dass ich das alles hier so schaffe. Ich bin sehr froh, sie an meiner Seite zu haben."
Und dabei dachte ich vor einem Jahr, dass es niemals wieder eine normale Vater-Tochter Beziehung geben könnte.

Über Stunden lief die Show, aber das schönste ist, Christina danach wieder im Arm halten zu können, die versucht das, was war, in Worte zu fassen, es aber einfach nicht schafft. Sie glücklich zu sehen, ist mein Gewinn an diesen Abend und im Leben...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt