Sicht von Christina...
»I kissed a girl and I liked it. The taste of her cherry ChapStick. I kissed a girl just to try it. I hope my boyfriend don't mind it. It felt so wrong, it felt so right. Don't mean I'm in love tonight.«
Bolin nimmt die nächste Abfahrt von der Autobahn und ich kümmere mich darum, dass der nächste Song anfangen würde. Offensichtlich ist das meine Playlist. Wir sind gegen 10 Uhr aus Herford losgefahren und sind jetzt um etwa halb zwölf auch fast da. Ich habe mich um Musik und die Snacks gekümmert und Bolin darum, dass wir hier heile ankommen.
Bolin: Weiß Chris das eigentlich?"
Deutlich verwirrt schaue ich von meinem Handy auf, lasse den nächsten Song einfach anfangen und versuche eine Verbindung herzustellen, die eigentlich gar nicht da ist. Auch er bekommt das mit, biegt in die nächste Straße ein und schaut danach einen kurzen Moment zu mir hin.
Bolin: Hast du ihm jemals gesagt, dass du eine Freundin hast oder hattest? Beziehungsweise, dass du auf Frauen stehst?"
Offensichtlich hätte ich es verstehen können, was er wollte, habe es aber ignoriert. Auch jetzt lenke ich meine Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes, aber an der nächsten Ampel bekomme ich gleich seinen löchernden Blick.
Christina: Nein, ich habe es meinem Vater nie gesagt und habe es in nächster Zeit auch nicht vor, denke ich."
Bolin: Gibt es Gründe dafür?"
Christina: Ich denke, dass er das nicht gut finden würde."Ich habe es bei Mama immer wieder mitbekommen. Sie hatte immer davon gesprochen, dass ich eines Tages mit einem anständigen Mann – kein Beispiel an deinen Vater nehmen, Spatz – nach Hause kommen würde. Habe ich irgendwas mal angedeutet, als ich es noch nicht mal selbst wusste, habe ich immer abwertende Blicke von ihr bekommen. Als ich damals durchsickern habe lassen, dass mein bester Freund Bolin schwul ist, wollte sie mir erst verbieten, mich weiterhin mit ihm zu treffen. Meine Mutter würde es nicht gefallen, hätte sie zu Lebzeiten noch rausgefunden, dass ich lesbisch bin.
Die Reaktion hatte Bolin auch noch von meiner Mutter mitbekommen. Vor allem das Verhalten, was sie ihm immer wieder gegenüber gezeigt hat. Diese abweisende Haltung, ja nicht zu nahe an ihn ranzukommen.
Bolin: Aber nur, weil Sarah so war, muss dein Vater doch nicht auch so drauf sein."
Christina: Keine Ahnung, der hat es aber auch immer wieder angedeutet und hat nie etwas anderes gesagt. Er hat sich nie gegen Mama gestellt."
Bolin: Aber mich kann er scheinbar leiden."
Christina: Stimmt auch wieder. Trotzdem habe ich Angst davor, ihm das sagen zu müssen."
In der letzten Zeit lief alles so gut wieder zwischen uns und ich will das jetzt nicht mit meinem Coming-out ruinieren. Und wie lange willst du es dann verschweigen? Zurzeit bin ich sowieso single, habe keine in Betracht, dann kann das auch etwas weiter in die Zukunft verschoben werden.Bolin hält den Wagen in einer Parklücke und ich bekomme auch erstmals mit, dass wir da sind und dass er gehalten hat. Mit einer kurzen Kopfbewegung zeigt er mir, dass wir das Gespräch hier beenden und jetzt mal losgehen sollten, damit wir nicht zu spät wieder zurück fahren müssten. Meine kleiner Turnbeutel steht ihm Fußraum, sodass ich den nur nehmen muss, bevor ich aussteige, genauso wie Bolin, damit wir im Anschluss losgehen können. Viel zu voll, viel zu viele Menschen und gefühlt alle wollen Sachen für Weihnachten einkaufen. Warum habe ich mich dazu überreden lassen.
Zitternd sitzen wir beide in einem Café – okay, nur mir ist eiskalt – und trinken einen Tee. Ich vergrabe mich in meinem Pullover und versuche irgendwie wieder warm zu werden. Dabei lacht mich Bolin immer wieder sehr aktiv aus.
Christina: Ich hoffe, dass du jetzt endlich alles hast und dass ich nicht noch weitere Stunden draußen in der Kälte gehen muss."
Bolin: Ich sollte jetzt alles haben. Es ist auch schon dunkel, wir können bald wieder nach Hause fahren. Ich wollte mich später noch mit Ben treffen."
Ben ist im Übrigen sein Freund, sollte ich das noch nicht erwähnt haben. Während Bolin in der ganzen Zeit für seine Familie und seinen Freund alles besorgt hat, habe ich...seelischen Beistand geleistet.
Christina: Ich habe den ganzen Tag nichts für meinen Vater gefunden. Und ich habe auch das Gefühl, dass ich ihn zu wenig kenne."
Es ist das erste Weihnachten, was wir wieder richtig zusammen feiern können und mir fällt rein gar nichts ein. Ich bin verdammt nochmal seine Tochter und sollte ihn mit am besten kennen. Zwar könnte ich seinen Bruder fragen, aber das passt mir auch wieder nicht.
Bolin: Hat Chris nicht mal was angedeutet? Irgendwas?"
Christina: Nein, mein Vater hat nichts angesprochen."Mittlerweile finde ich es seltsam, wenn ich ihn bei seinem Vornamen anspreche. Ich habe das jahrelang getan und jetzt, nachdem ich doch so viel erfahren habe, will ich ihn wieder als meinen Vater ansehen. Dass er selbst zu sich sagt, dass er ein schrecklicher Vater wäre, empfinde ich so gar nicht. Aber was man über Jahre zerstört und geschaffen hat, kann nicht innerhalb kurzer Zeit wieder heilen. Zauberei gibt es leider nicht im echten Leben.
Die leere Tasse stellt Bolin vor sich auf die Untertasse und denkt einen Moment nach, während er wieder aus dem Fenster und somit auf die Altstadt schaut.
Bolin: Ich denke, dass Chris gar nicht die Person ist, die etwas materielles haben will. Macht euch doch einfach einen guten Abend. Back etwas, schaut einen Film zusammen und habt einfach eine gute Zeit. Das würde jetzt doch sowieso das Beste für euch sein, oder etwa nicht?"
Christina: Doch, eigentlich schon. Wahrscheinlich hast du recht. Ich werde mal schauen, was ich da machen kann. Danke dir."
Bolin: Dafür nicht. Du hast den ganzen Tag mit mir ausgehalten und die Taschen für mich getragen. Ist das mindeste, was ich machen kann."
Christina: Vergiss nicht, dass ich wegen dir auch halb erfroren bin."
Bolin: Ich schreibe es mit auf die Liste. Soll ich dir so eine Heizdecke kaufen, wie meine Oma sie immer hatte?"
Christina: Ne, lass mal sein. Wir können einfach zurück zu deinem Auto gehen und dort werde ich mich in meinem Pullover und unter meiner Jacke verkriechen...
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Nameless to You
Фанфик»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...