Kapitel 86

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Seit der Beerdigung meines Vater habe ich keinen Anzug mehr getragen. Für Abende, an denen ich mal unterwegs gewesen bin, eventuell ein Jackett, aber das, was ich heute wieder anziehen musste, ist nichts, was normal zu mir oder an mir gehört.

Heute ist der Abiball von Christina. Gestern hatte sie ihr Zeugnis überreicht bekommen, danach waren wir bei meinem Bruder zu Gast, weil er uns eingeladen hatte. Mit der Schule ist sie dort erstmal durch, bis sie in einem Monat ihre Ausbildung anfängt. Einen Tag später ist jetzt noch die letzte Veranstaltung. Christina fährt uns, da ich an den Abend vermutlich etwas trinken werde und sie eben nicht. Ich hatte auch meinen Bruder als Fahrer vorgeschlagen, aber das wollte sie nicht. Und man stellt sich bitte niemals gegen die sture Christina. Da kommt man zu keinem Ergebnis. Eigentlich wollte ich mir noch eine Krawatte binden, aber ehrlich, viel zu streng. Graues Jackett, graue Hose und weißes Hemd müssen einfach reichen. Die schwarzen Sneaker runden das ab und was anderes habe ich einfach nicht zu Hause gehabt. Da wollte ich Andreas dann wieder nicht fragen. Ich will den Tag ja auch überleben und halbwegs gehen und stehen können.

Den obersten Knopf meines Hemdes öffne ich wieder, als ich mein Schlafzimmer verlasse. Zu meinen Füßen läuft Stitch, der gerade auch auf meine Tochter wartet. Ich muss ein wenig lachen, da sie ihn vermutlich weggeschickt hatte. Ansonsten will er nur wieder spielen, gestreichelt werden oder hat Unsinn im Kopf.
Chris: Christina! Wir sollten langsam los!"
Um 16.30 Uhr soll das ganze beginnen. Noch sind wir gut in der Zeit. Ausnahmsweise habe ich das mit der Zeit mal hinbekommen, was aber auch daran liegen kann, dass meine Tochter seit 13 Uhr mich immer wieder daran erinnert, dass wir rechtzeitig los müssen und dass ich heute nicht trödeln oder die Zeit vergessen darf.
Christina: Stehen meine Schuhe unten?!"
Zuerst sehe ich noch zur Treppe hin, bis ich neben mich blicke und sehe, dass Stitch die ganze Zeit dort saß, weil dort die Schuhe von Christina stehen.
Chris: Ja! Dein Kater hat darauf aufgepasst!"
Auch wenn sie nur leise lacht, ich kann es auch hier unten im Flur mitbekommen. Sie wird es vermutlich als typisch für ihren Kater bezeichnen. Und ich auch. Alles, was mit Christina zu tun hat, dort ist dann auch Stitch.

Die letzte Tür fällt oben zu und als ich ihre Schritte auf der Treppe höre, schaue ich auch dahin. Zwischen ihrem Praktikum und dem Stadion, sind wir einen Tag nach Bielefeld gefahren, damit sie sich aussuchen kann, was sie tragen will an diesen Abend. Nachdem sie einige Kleider anprobiert und sich überhaupt nicht wohl gefühlt hatte, kam sie durch den Verkäufer zu dem, was sie jetzt trägt. Ebenfalls einen Anzug, aber in einen schönen hellen Blau, wie sie ihre Haare immer gefärbt hatte. Allerdings trägt sie kein Hemd, sondern eine crem weiße Weste, die so geschnitten ist, dass sie darunter nicht weiteres tragen muss. Ihre Schuhe in der gleichen Farbe wie die Weste, stehen bei Stitch, sodass sie sich diese eben anzieht. Ihr Haar, wo sie nur die vorderen Strähnen nach hinten gebunden hat, fällt ihr zwar immer wieder ins Gesicht, aber sie kann darüber lachen. Ein letzter Blick in den Spiegel und dann geht es für uns beide los.

Der Einlass in den Saal wurde noch nicht geöffnet, daher stehen wir draußen vor dem Gebäude und warten, bis die Abiturienten ihre Bilder gemacht haben. Das erste Mal fühle ich mich komplett fehl am Platz. Einige der Lehrer kenne ich noch aus meiner eigenen Schulzeit, das ist schon fremd, aber die Blicke der Eltern machen es schwer. Zumal wurde ich gefragt, ob ich der Freund von Christina wäre. Nein, ganz falsch. Dann aber auch, ob wir Geschwister wären und ich weiß nicht, ob ich das schlimmer finde als die Partnersache. Einige aus dem Jahrgang haben aber eben ihre Geschwister mit, die teils sogar um ein paar Jahre älter sind als ich. Jeden, der gefragt hatte, musste ich erklären, dass ich mit meiner Tochter hier bin und dann bekam ich seltsame Blicke. Danke.

Ein Tippen auf meiner Schulter bringt mich dazu, von den anderen Eltern wegzusehen. Als ich die Frau sehe, die hinter mir steht, muss ich etwas nachdenken, bis ich weiß, wer das ist. Meine ehemalige Mathelehrerin.
Chris: Frau Sinn?"
Frau Sinn: Lange nicht mehr gesehen, Christian. Damals bei Ihren Abschluss."
Chris: Der ist auch wieder 15 Jahre her."
Frau Sinn: Wie schnell die Zeit vergeht, oder? Damals waren Sie noch hier mit ihrer kleinen Tochter und jetzt hat sie selbst ihren Abschluss schon."
Chris: Ja, die Zeit ist manchmal schon ein seltsamer Spieler."

Ich habe sie zu meinem Abschluss mitgenommen, da es kein Geheimnis im Jahrgang war, dass ich Vater war. Sie wurde recht früh von meinen Eltern abgeholt, damals war Christina erst vier Jahre alt, aber die Lehrer von mir fanden sie so unfassbar niedlich. Auch wenn sie nach mir kommt, das schüchterne Wesen von mir hat sie kaum an sich gehabt als Kind.
Frau Sinn: Seltsam, dass Sie einer der jüngsten hier sind, oder?"
Chris: Die meisten Eltern sind mindestens 10 Jahre älter. Etwas fehl am Platz."
Frau Sinn: So würde ich das nicht sagen."
Sie wendet ihren Blick zu ihren ehemaligen Schülern, was ich auch mache und zu Christina sehe, die mich vermutlich hier hinten gar nicht mitbekommt.
Frau Sinn: Sie haben Ihre Tochter aufgezogen und sie ist eine starke Person. Sie hat viel mitgemacht und sich nie unterkriegen lassen. Sie haben das in ihrem Alter geschafft. Sein Sie mal etwas stolz auf sich."

Bevor ich darauf reagieren kann, wird darum gebeten, dass die Eltern und angehörigen schon reingehen sollen. Die Tische wurden zugeteilt, aber nach Freundesgruppen und daher finde ich mich mit den Eltern und den Freund von Bolin zusammen. Hier kann ich ein wenig zur Ruhe kommen, die ersten Gespräche anfangen und mich auf den Abend freuen. Die Zeit rennt immer, egal, was man auch macht. Damals war ich mit Sarah und der kleinen Christina hier. Jetzt mit meiner erwachsenen Tochter.

Über eine kurze Ansage wird uns gesagt, dass wir auf die mittlere Fläche schauen sollen, da dort die Abiturienten jetzt reingehen werden. Zu zweit kommen sie in den Saal, Christina natürlich mit ihrem besten Freund Bolin, und bleiben danach auf der Fläche stehen, bevor die Ansage folgt, was vor dem Essen noch ist. Der Ehrentanz. Während ich meinen Blick zu den anderen Eltern schweifen lasse, da es das damals bei mir nicht gegeben hatte, steht meine Tochter schon vor mir und reicht mir eine Hand.
Chris: Sicher?"
Christina: Du bist mein Vater und ohne dich wäre ich nicht hier. Das meine ich jetzt nicht aus irgendwelchen biologischen Gründen, sondern weil du das alles gemacht hast, obwohl du selbst noch ein Kind gewesen bist."
Da ich zu lange zögere, greift sie einfach nach meiner Hand und bringt mich dazu, dass ich Stuhl und Tisch hinter mir lasse und ihr nachgehe.
Christina: Du warst für mich da, hast mich groß gezogen, mich immer aufgefangen und das Beste aus mir gemacht. Du standest mir nicht im weg und wegen dir kann ich mich so akzeptieren, wie ich bin. Danke, für alles Papa."

Vielleicht sollte ich die vier Minuten, in denen zu einem Schlager Discofox getanzt wird, nicht als emotional wahrnehmen, aber mir kommt es so vor. Ich hatte mit 15 keinen Plan, ob ich das alles irgendwie schaffen würde und die ganzen Jahre, haben mir eigentlich immer wieder gezeigt, dass ich als Vater gescheitert bin. Aber jetzt steht Christina vor mir, als meine Tochter und wir beide haben noch so viele Jahre, die wir gemeinsam bestreiten und gestalten können. Gemeinsam, als eine Familie, als Vater und Tochter...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt