Sicht von Cassy...
Warum sagt man eigentlich immer, dass die Zeit alle Wunden heilen könnte, obwohl das eine bittere Lüge ist? Weder habe ich das, was mit meiner Mutter passiert ist, in den vergangenen Jahren verstanden oder verarbeitet und noch weniger komme ich mit dem klar, was Velory mir letzte Woche angetan hat. Wobei dazu auch all das zählt, was sie die Wochen vorher getan hat: Mich eiskalt ausgenutzt zu ihrem Gunsten.
In den vergangenen Tagen sah meine Routine immer gleich aus. Ich bin zur Schule gegangen, habe mich mit Bolin in der Mediathek aufgehalten, weil ich ihr auf keinen Fall über den Weg laufen wollte. Am Nachmittag saß ich vor meinen Aufgaben, war beim Verein oder der Musikschule. Und wenn ich doch zu Hause sein musste, war ich allein in meinem Zimmer, habe eine Serie geschaut, ein Buch gelesen oder habe geschlafen, wobei mir Stitch immer wieder Gesellschaft geleistet hat. Chris war in dieser Woche sehr viel zu Hause, obwohl er neulich noch meinte, dass gerade viele Pläne, Termine und Besprechungen bei ihnen anstehen. Habe ich in der Talkshow mitbekommen und bei Instagram. Vielleicht war er auch wegen dir zu Hause, weil du dich so seltsam benommen hast. Und dabei wusste ich, dass ich ihn nicht die Wahrheit sagen kann, selbst wenn ich Beistand gebraucht hätte. Und das hätte ich definitiv!
Ich lasse mich auf meinem Bett fallen, schließe meine Augen und schlage meine Arme über meinen Kopf zusammen. Warum leide ich überhaupt an Liebeskummer, obwohl ich weiß, dass sie ein absolutes Arschloch gewesen ist? Nichts habe ich an ihr verloren, nur das Gefühl, dass da jemand sein würde, dem ich wichtig bin. Ja, toll gedacht Cassy! Und dann stand er dort vor mir und hatte mich gefragt, ob er was tun kann und ich konnte nur lügen. Niemals habe ich gesagt, dass ich irgendwie verliebt war, geschweige denn, dass ich auch wirklich in einer Beziehung gewesen bin. Und das, was mich am meisten wohl belastet: Chris weiß nicht mal, dass ich auch Frauen stehe. Wann hätte ich ihm das auch sagen sollen? Heute kann ich auch nicht auf ihn zugehen. Wie sollte das aussehen? »Hey, ich weiß, dass das eigentlich nicht so wichtig ist und generell reden wir zwar kaum, aber ich wollte dir sagen, dass ich lesbisch bin.« Niemals im Leben würde das passieren! Und deswegen liege ich hier allein in meinem Zimmer, starre an die Decke und versinke in meinen eigenen Leid, weil ich nichts dagegen unternehmen kann und ihm kann ich das sowieso nicht weitergeben.
Auf meinem Nachttisch liegt mein Handy und das zeigt eine Nachricht an. Zuerst will ich das ignorieren, aber ich bekomme mit, dass es unsere Gruppe ist und dass es Maddie ist, die was geschrieben hat.
Maddie: Geht ihr heute zum Teich?
Nate: Haben heute Abend noch was vor. Würde nicht passen.
Maddie: Es ist mir scheiß egal, ob euch das passt, ich habe was mit dir zu klären, Nate.
Nate: Lass es doch einfach sein! Es ist vorbei.
Maddie: Nur, weil du das sagst, ist es für mich nicht auch so.
Maddie: Du kannst mir nicht verbieten, einfach zum Teich zu kommen.
Velory: 20 Uhr treffen wir uns, haben danach noch was vor. Dafür seid ihr nicht die richtigen.
Maddie: Ach halt die Fresse, Velory.
Ich weiß, dass sie mich damit auch angesprochen hat. Warum hätte sie sonst von »ihr« reden sollen? Und diesen verdammten Teich kenne ich auch gut genug. Um die Ecke ist das Freibad, was zu dieser Zeit nicht mehr genutzt wird. Ich meine, wir haben Dezember. Und auch, wenn in mir etwas sagt, dass ich es nicht tun sollte, ich werde heute Abend zu denen gehen, weil ich jetzt endlich mit Velory und Nate reden kann. Dieses Mal stehe ich nicht einfach nur stumm herum und sehe zu, wie sie mich verpönen.Zur Mittagszeit verabschiedet sich Chris von zu Hause, da er heute einige Termine hat, die er einfach nicht verschieben kann. Ich bekomme das auch nur mit, weil ich dann gerade unten in der Küche etwas für Stitch zum Essen in die Schale gebe.
Chris: Ich bin erst gegen neu vermutlich wieder zurück."
Cassy: Ist okay. Heute Abend bin ich bei Freunden."
Wenn Blicke sprechen könnten. Er muss gemerkt oder geahnt haben, dass das, was letzte Woche passiert ist, irgendwas mit meinen Freunden zu tun haben muss, auch wenn er das nicht aussprechen würde. Dabei versuche ich so unauffällig wie möglich zu sein, von mir abzulenken, damit er mir glauben würde.
Cassy: Die haben endlich Mal wieder Zeit. In den letzten Wochen hatte sie viel zu tun und da war die Zeit dann immer knapp. Ich will mit denen etwas klären."
Ich bekomme einzig ein stummes Nicken von ihm, bevor er nach seinen Schlüssen greift, damit er gleich wieder los könnte.
Chris: Melde dich zwischendurch, bitte."
Und im Unterton schwingt ein »pass bitte auf dich auf« mit, was ich aber nachvollziehen kann. Ich nicke und schaffe es dadurch, dass er seine Sachen nimmt und das Haus verlässt.Ich hingegen gehe erst gegen fast 20 Uhr los. Länger als nötig will ich bei den Idioten gar nicht bleiben. Ein kurzes Gespräch, die innere Wut einmal loswerden und dann gehe ich wieder zu meinen kleinen Stitch, Chris würde es niemals auffallen und alles ist wieder gut. Deswegen nehme ich auch einzig mein Handy mit, damit ich ihm schreiben könnte, wenn ich es muss. Der Rest ist nicht von Bedeutung. Diese sichere Art an mir, schwindet aber mit jedem Meter, den ich diesen Weg runterlaufe und dabei auch die drei wahrnehme.
Maddie schreit Nate an, verpasst ihm in Anschluss eine Ohrfeige und geht im Anschluss von denen weg. Sie nuschelt ein »verdammter Wichser« als sie an mir vorbeikommt, was ich aber erst dann wahrnehme, als ich vor denen stehe.
Nate: Und unsere kleine Cassy will dann auch noch ihren Senf dazugeben."
Cassy: Hör auf mich kleine zu nennen. Du bist hier der Winzling in der Gruppe."
Sein Blick zieht sich zusammen und selbst Velory schaut zu ihm hin. Sonderlich kreativ war das nicht, aber scheinbar hat es getroffen. Velory hängt an dem Arm von Nate, lässt ihn nicht los und schaut mich dabei dürftig an.
Velory: Was willst du bitte hier?"
Cassy: Verdammt nochmal reden. Ihr habt mich letzte Woche so überrumpelt-"
Nate: Wohl eher du uns."
Cassy: Hätte ich einfach gehen sollen!? Ihr beide musstet dort in ihrem Zimmer rummachen und du warst so dumm und hast es Maddie gesagt! Denkst du, wir reden nie!?"
Nate: Ich dachte, dass zwei Trottel niemals dahinter kommen würden."
Cassy: Halt einfach deine Fresse, Nate. Deine Meinung interessiert keinen."
Velory: Du interessierst keinen, Cassy. Tust immer so auf mysteriös, bist eigentlich nur die Langweilerin von nebenan, die nichts zu bieten hat, wie solle man dich lieben?"23. Januar 2011
Meinen 14. Geburtstag habe ich allein zu Hause verbracht. Mama war arbeiten und mein Dad war unterwegs. Gerade wohl irgendwie bei einigen Veranstaltern, aber genaueres hatte mir Mama nicht gesagt. Es müsste mich nicht interessieren. Am Abend aß ich einfach das, was wir vom Vortag übrig hatten und saß vor dem Fernsehen, wo rein gar nichts lief. Happy Birthday to me.
Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen, fiel wieder ins Schloss und zwei Taschen wurden abgestellt, bevor ich die Schritte hörte, die zu mir ins Wohnzimmer kamen. Meine Mutter stand dort, erschöpft und erledigt vom Tag, aber sie war da.
Cassy: Mama."
Ich ging zu ihr hin und wurde von ihr in Arm genommen. Sie sagt in den Moment nichts, obwohl wir uns dort das erste Mal gesehen haben. Nach und nach fing in an zu weinen. Eigentlich interessiere ich niemanden. Niemand weiß, was heute ist.
Sarah: Was ist los, Spatz?"
Cassy: Niemanden hat es interessiert, dass heute mein Geburtstag ist. Selbst Papa ist unterwegs und du warst arbeiten."
Sarah: Weil ich für uns beide das Geld verdienen muss, was Chris nicht schafft."Sie drückte mich von sich weg, legte ihre Hände an meine Schultern und schaute mich an. Viele Emotionen konnte man nie bei ihr sehen, weil sie immer erschöpft gewesen ist. Daran gewöhnt man sich irgendwann.
Sarah: Ich bin hier, mein Spatz. Ich wünsche dir alles Gute und wir beide machen uns jetzt einen schönen Abend."
Cassy: Und was ist mit Papa? Warum hat er sich nicht gemeldet?"
Sarah: Ihm war sein eigenes Leben immer schon wichtiger. Er hatte nie ein Interesse an dieser Familie, anders als ich."
Kurz und schmerzlos, mein Vater hatte mich nie geliebt, interessierte sich nicht und sah mich immer als Last, als eine Langweilerin an.Heute
Sie kennen dich nicht, müssen es nicht verstehen. Du bist genug, wirst geliebt und wirst gesehen. Du kannst nichts dafür. Meine Zähne beiße ich aufeinander und versuche meine Tränen in der Wut zu ersticken. Die Sätze verstummen nach und nach, weil sie an Bedeutung verlieren. Ich war noch nie jemanden etwas wert. Wenn ich es ihnen aber beweisen könnte? Wenn ich den Kreis endlich durchbrechen könnte? Die Aufmerksamkeit habe ich von Chris nie bekommen, was ich auch tat.
Cassy: Ich bin überhaupt nicht langweilig oder uninteressant! Ihr habt immer nur die falschen Sachen vorgeschlagen! Ihr sitzt doch hier, besauft euch und macht nichts anderes mehr als das!"Die beiden wechseln Blicke, danach sehe ich deren neckisches Lächeln, weil sie zu wissen scheinen, wie sie mich ausspielen können. Nicht dieses Mal! Ich bin es wert!
Nate: Dann wirst du uns heute Abend wohl Gesellschaft leisten wollen. Wir haben vor heute ins Freibad einzubrechen. Ist nur ein Zaun, aber in den leeren Bädern kann man gut skaten. Oder hast du davor zu viel Angst?"
Cassy: Niemals! Ich mache das, ihr werdet schon sehen...
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Nameless to You
Fanfiction»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...