Kapitel 15

41 5 0
                                        

Das letzte Shirt, die Jacke für morgen und ich hoffe einfach, dass ich anderweitig nichts vergessen habe. Ansonsten muss ich in Hamburg nochmal loslaufen und bestimmt würde mir Andreas das wieder vorhalten. Wird schon schief laufen. Dazu bin ich auch pünktlich, was aber wohl daran liegen dürfte, dass ich Cassy mitnehme und sie muss zu ihrem Klavierunterricht. Dort sollte sie nicht zu spät kommen. Es wäre nur wieder eine Sache, die sie als typisch für mich ansehen würde und die sie mir vorhalten könnte.

Meine Tasche lege ich in den Flur und schließe hinter mir die Schlafzimmertür. Zu meinen Füßen sitzt in den Moment bereits Stitch, der ansonsten nur darein gelaufen wäre. Ich lächle einzig schwach und bekomme im nächsten Moment mit, dass meine Tochter von oben herunter gelaufen kommt. In ihrer Hand hat sie ihre Tasche, wo ihre Noten drin sein werden und wo sie gerade ihr Portmonee verstaut. Ich weiß, dass du oft den Alkohol für deine Freunde kaufst und weiß auch, dass du noch nie einen Tropfen getrunken hast.
Cassy: Sorry, musste noch was von oben holen."
Chris: Kein Stress, bin sowieso fast immer zu spät dran."
Ungewohnt, aber sie lacht ein wenig für einen kurzen Moment. Das hatte sie früher auch oft getan. Wie mir auch immer von Sarah vorgehalten wurde, Cassy kommt mehr nach mir als nach ihr. Vermutlich aber auch zugleich für beide der Horror.
Chris: Wollen wir?"

Darauf folgt nur ein stilles Nicken, wonach sie sich nochmal von ihrem Kater verabschiedet und danach mit mir durch den Flur geht. Vom kleinen Schrank, wo einige der Schuhe drinnen stehen, nimmt sie ihre Schachtel Zigaretten. Auch das ist etwas, was ich bereits seit einiger Zeit weiß. Vermutlich hatte sie angefangen, bevor sie 18 geworden ist. Abhalten kann ich sie auch nicht mehr.

Mein alter roten Golf steht auf dem Hof. Auf den Rücksitzt lege ich meine Tasche ab und gehe danach auf die Fahrerseite. Cassy hat auf dem Beifahrersitzt Platz genommen und hat ihre Tasche zu ihren Füßen gestellt. Ich stelle zuletzt das Radio an und starte danach das Auto, damit wir nach Bünde fahren können. Neben den aktuellen Charts, wobei ich Namika langsam auch nicht mehr hören kann, ist es still zwischen uns. Was ein Wunder.
Cassy: Wo seid ihr morgen?"
Vermutlich ist es nur ein kurzer Moment, aber zuerst kann ich darauf gar nicht reagieren. Sie will das wissen? Warum? Vorher hatte es dich auch nie interessiert, warum tust du jetzt so? Ich muss links in die Straße einbiegen, wonach in einen Moment zu ihr schaue.
Chris: Talkshow im NDR. Einen richtigen Namen hat sie glaube ich gar nicht."
Cassy: Sonderlich kreativ was der NDR ja noch nie. Die meisten Talkshows sind ja einfach nur nach den Moderatoren benannt oder haben die Stadt, in die diese stattfindet, im Namen."
Wo sie recht hat. Kurz müssen wir beide lachen, wobei sie danach wieder aus dem Seitenfenster schaut und ich konzentriere mich darauf, dass wir sicher ankommen.

Ich halte das Auto auf dem Platz, wo ich fast immer stehe und schalte es danach aus, ziehe zuletzt den Schlüssel. Cassy ist die erste, die aus dem Wagen aussteigt, was ich nachmache. Was sollte ich hier länger sitzen als nötig. Vom Rücksitz nehme ich meine Tasche und bemerke, als ich wieder zu ihr schaue, dass sie einen Moment winkt. Mein Bruder, mit Sicherheit. Die letzte Tür fällt zu und daher schaut Cassy auch wieder zu mir hin, wobei sie sich gleich ihre Tasche auf den Rücke legt.
Chris: Ich sollte am Sonntag gegen frühen Nachmittag wieder zu Hause sein."
Cassy: Ist gut. Samstagabend bin ich unterwegs. Mit den Mädels vom Fußball."
Chris: Nicht mit Bolin und so?"
Vielleicht war es nicht sehr freundlich, dass ich ihre anderen Freunde als "und so" beschrieben hatte, aber selbst sie redet kaum davon. Ich kenne nur Bolin.
Cassy: Nein...nächste Woche erst wieder..."
Du verheimlichst mir etwas, seitdem du diese Leute kennst. Wenn ich nur wüsste, was es ist. Zuletzt schaut Cassy zur Straße hin.
Chris: Du musst wohl los. Bis Sonntag, Cassy."
Cassy: Ja, bis Sonntag, Chris."

Danach verlässt sie mich, geht den Weg runter und setzt sich währenddessen ihre Kopfhörer auf. Noch schaue ich ihr nach, bevor ich nach meiner Tasche greife und eigentlich zu meinem Bruder laufen will, der in der Zeit aber bereits näher an mich rangekommen ist und vermutlich auch uns beide eben gehört hat.
Chris: Lass es am besten einfach sein."
Andreas: Aber stört es dich nicht, dass sie dich bei deinem Vornamen anspricht?"
Chris: Was sollte ich denn anderes machen? Es ihr verbieten? Ich bin schon froh, dass sie mich nicht bei meinem kompletten Namen nennt."
Andreas: Du bist ihr Vater."
Zwangsmäßig. Hätte sie die Wahl, würde sie sofort ein anderes Leben annehmen. Nichts und niemand hält sie mehr hier, außer der Grund, dass sie noch zur Schule gehen muss. Sobald sie es kann, ist sie weg. Und diese Realisation hat oft genug schon geschmerzt, da ich alles geopfert hatte, damit ich sie nie verlieren müsste...und am Ende war es unausweichlich.

Bevor auch nur ein weiteres Wort von Andreas gesprochen werden kann, gehe ich an ihm vorbei uns zu seinem Auto. Er wollte uns nach Hamburg bringen, mein alter Golf ist da manchmal zu risikoreich. Er läuft mir nach und merkt auch nichts mehr an. Vor Problemen weglaufen konnte ich immer schon gut. Sachen wieder im anderen Auto verstauen und dann wieder fahren oder jetzt eher gefahren werden. Etwa zwei Stunden müssen wir fahren, bis wir in Hamburg ankommen würden. Heißt auch, dass ich zwei Stunden von keinem Gespräch weglaufen kann. Super.

Andreas konzentriert sich auf den Verkehr und auf die Fahrer, die scheinbar nicht verstehen, dass man rechts nicht überholen darf und ich schaue aus dem Fenster, weil ich mich auf die Arbeit, die ich am Handy erledigen könnte, nicht konzentrieren würde.
Andreas: Hat sie wieder ein Spiel?"
Zuerst nicke ich, aber dann fällt mir ein, dass er das wohl kaum sehen wird, weil er sich auf die Straße, den Verkehr und die Autos und LKWs konzentriert.
Chris: Am Samstag spielen sie wieder. Ich glaube, dass es das vorletzte Spiel ist, bevor sie bis Januar Pause machen."
Andreas: Unpraktisch, dass du wieder nicht hingehen kannst."
Chris: Ja...wie unpraktisch..."
Sie würde mich vermutlich nicht mal dahaben wollen. Cassy will nicht mit mir in Verbindung gebracht werden. Auch der Grund, warum sie immer nur "Cassy" genannt wird...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt