Kapitel 53

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Von der Seite werden die letzten Anweisungen gerufen, die Crew läuft hinter dem Vorhang noch von der einen zur anderen Seite, die Illusion zum Beginn wird vorbereitet, die Sachen für meinen Vater und Andreas werden zurechtgelegt und ich stehe mal wieder inmitten des ganzen Chaos. Der Nachmittag in der Stadt war entspannt und jetzt ist wieder viel zu viel auf einmal hier los.

Ich versuche nicht im Weg zu stehen, aber ich bekomme immer wieder das Gefühl, dass es egal ist, wo ich stehe, ich bin immer im Weg. Immer wieder werde ich darauf hingewiesen, dass ich zur Seite gehen soll, dass jemand genau da entlang muss und dass ich bitte versuchen soll nirgends gegenzukommen. Ich freue mich, wenn ich wieder zu Hause bin und in Ruhe mit meinem Kater in meinem Zimmer sitzen kann.
Andreas: Haben wir alles?"
Zuerst nehme ich die Stimme meines Onkels wahr. Andreas war immer schon derjenige, den man von beiden als erstes mitbekommen hat. Damit ich zu ihm hinschauen kann, drehe ich mich auf der Stelle um, damit ich nichts der vorherigen Dinge machen würde, von denen mir abgeraten wurde und bin danach erstmal still, als ich ihn sehe. Das ist deine Familie Christina, nichts Besonderes. Allerdings stand ich auch nie bei ihm, als er SO ausgesehen hat. Mit dieser seltsamen Frisur, mit dem Mikrophon an sich und in den Klamotten, die so untypisch für ihn privat sind.
Levi: Alles bereit und fast in der Zeit, nur die übliche Verspätung."
Andreas: Sehr gut."
Da Manu noch was von ihm will, geht er lächelnd an mir vorbei und zu ihm hin. Kurz schaue ich ihm nach, bis die Tür vom Gang noch einmal geöffnet wird.

Du bist gerade eine komplett andere Person. In den letzten Tagen habe ich dich erst richtig kennenlernen können und das hier, ist ein Teil von dir, also auch das, was du gerade bist. Natürlich habe ich immer wieder auch Bilder von meinem Vater gesehen, wie er auf der Bühne aussieht, wie er in die Öffentlichkeit geht. Aber ihn jetzt auch so dort stehen zu sehen, wie er sich noch das Mikro anlegt, wie jemand nochmal schaut, dass seine Haare richtig liegen und wie er sich zuletzt noch diese braun-schwarze Lederjacke überzieht, zeigt ihn mal wieder von einer anderen Seite. Das ist alles dein Papa, du hast es einfach nur immer nicht gesehen, Christina.

Als er mich am Rand wahrnimmt, muss er lächeln und lässt die Personen, die gerade noch irgendwas an ihm machen wollten, hinter sich, damit er zu mir kommen kann.
Chris: Alles gut bei dir?"
Christina: Ich denke, etwas viele Eindrücke auf einmal. Sowohl alles, was heute morgen war, dann die ganze Arbeit jetzt hier und dann das."
Beim letzten deute ich auf ihn, was nur dazu führt, dass er leicht lachen muss. Für ihn ist das vielleicht normaler geworden, gehört eben zu seiner Arbeit dazu, aber ich muss mich daran scheinbar noch gewöhnen.
Chris: Es tut mir leid, dass du die Show nur vom Rand aus sehen kann. Ich versuche es in den nächsten Tagen anders hinzubekommen."
Christina: Das ist voll okay, das alles war ja sehr spontan von uns. Ich freue mich einfach, dass ich hier sein darf."
Es freut ihn, dass ich das sage. Dass ich gerne hier bin, dass ich gerne bei ihm bin und dass es mich eben doch interessiert, was er in so vielen Jahren angezweifelt hat. Von der Seite bekommt er das Signal, dass es gleich los geht, daher geht ein letzter Blick zu mir.
Chris: Nach der Show gehe ich duschen und komme dann in den Bus. Wartest du unten, dann können wir noch etwas Zeit haben?"
Ich nicke einzig und danach muss er mich dort bei Levi zurücklassen, die sich jetzt am Abend um mich kümmern wird, solange die beiden auf der Bühne stehen.

Etwas über zwei Stunden mit Pause geht deren Show. Immer wieder bringen sie mich mit ihren Illusionen entweder zum Lachen, zum Staunen oder dazu, dass ich den Atem anhalten muss. Ich wünschte, ich wäre früher hier gewesen. Ich hätte das alles schon früher gesehen. Als beide nach der letzten Nummer von der Bühne kommen, gehe ich recht schnell zu meinem Vater und nehme ihn in Arm. Sichtlich ist er damit überfordert, aber nach meinem kurzen Ich bin stolz auf dich legt auch er seine Arme um mich und hält mich eine Zeit bei sich. Danke, dass ich dich als Papa habe.

Zwischen, die Show ist der Wahnsinn und ich will gar nicht, dass das endet und den Moment, dass mein Vater, wie ich ihn kenne, wieder vor mir sitzt, vergeht etwas Zeit, wo ich allein im Bus sitze und warte, dass er vom Duschen kommt. Einen Moment schaue ich aus dem Fenster und versuche alles zu verarbeiten, was heute gewesen ist. Chris redet echt eine Menge über dich. In jeder Sendung, die ich gesehen habe, hat er nie ein Wort über mich verloren, aber habe ich das einfach immer verpasst oder ignoriert? Kurzerhand führt mich mein erster Weg am Handy auf den Wikipedia Eintrag, den ich durchlese. »Andreas Ehrlich ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein Bruder Christian ist alleinerziehender Vater einer Tochter. Beide wohnen im Kreis Herford.« Scheinbar war ich dann doch kein Geheimnis. In die Suchleiste von Google gebe ich danach Chris Ehrlich Tochter ein und werde sehr schnell fündig. Bei vielen Artikeln, Interviews und Sendungen hat er von mir gesprochen. Auch wenn er nie gesagt hat, wie alt ich bin, das muss Deutschland nun wirklich nicht wissen, er hat  immer von mir gesprochen. Und auch bei der letzten Sendung, die ich gesehen habe. Ich habe es aber verpasst...»Irgendwie geht es immer. Meine Tochter ist jetzt auch nicht mehr so klein und kann gut ohne mich auskommen. Es ist für mich schwer, wenn ich so lange von ihr weg bin, weil ich sie dann immer sehr vermisse.«

Als ich mein Handy runternehme, sehe ich Papa, der im Gang steht und mich eine Zeit zu beobachten scheint. Könnte daran liegen, dass du mal wieder mit den Tränen kämpfst.
Chris: Christina..."
Christina: Es tut mir so leid...ich dachte immer, dass ich dir nichts bedeutet und dabei...du hast immer wieder von mir gesprochen, dich immer informiert, was ich mache und nie so getan, als gäbe es mich nicht."
Chris: Warum hätte ich das auch tun sollen? Du bist meine Tochter und ich liebe dich."
Schweigend nimmt er genau neben mir Platz und zuerst schaue ich nur auf den Tisch vor mir, bis ich meinen Blick zu ihn richte.
Christina: Weiß ich nicht...wegen der Kommentare, den Gerüchten, den dummen Sprüchen? Du bist 34 Jahre alt und hast eine 18-jährige Tochter..."
Chris: Auch wenn ich das nie gesagt habe, hätten sie es gewusst, ich hätte genauso über dich gesprochen. Ich bin gerne dein Vater, bin unfassbar stolz auf dich und bin froh, dass ich dich habe."
Da ich mich anders nicht regen würde, nimmt mich mein Vater nochmal an den Abend in Arm und gibt mir den Halt, den ich gerade mal wieder brauche.

Ich habe in den ganzen Jahren mein eigenes Leben immer wieder beeinträchtigt und habe nicht gemerkt, dass ich schon immer das hätte haben können, was ich immer wollte. Ich habe das Leben, was ich immer wollte, ich habe den Vater, den ich immer brauchte, ich war niemals egal. Ich bin genug, werde geliebt und werde gesehen...

Nameless to YouWo Geschichten leben. Entdecke jetzt