Kapitel 44

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Auch wenn es Winter ist, mir ist so unfassbar warm in diesen Klamotten. Ich bin es einfach nicht gewohnt, dass ich mit solchen Sachen schlafen soll. Eine andere Wahl hattest du aber nicht, weil Christina mit hier war. Du hast es jetzt wieder überlebt und es ging doch. So schlimm war es am Ende auch wieder nicht.

Leise setze ich mich auf, wische mit meinen Händen über meine Augen und gehe mir einmal durchs Haar. Alles in der Annahme, dass meine Tochter hinter mir noch schlafend liegen würde. Als ich aber einen Blick dorthin werfe, bekomme ich mit, dass sie heute vor mir wach gewesen sein muss. Scheinbar braucht ihr Körper nicht mehr derartig viel Schlaf und das heißt hoffentlich, dass es ihr wieder halbwegs gut gehen wird. An den Morgen kann ich mich in Ruhe in meinem Zimmer umziehen, bevor ich das verlasse. Mein erster Blick geht ins Wohnzimmer, wo ich aber sehen, dass sie dort nicht ist. Nicht mal ihr kleiner Kater sitzt oder liegt dort irgendwo. Im Hintergrund läuft Musik – eine Playlist, die ich sehr gut kenne, da es die der neuen Show ist – und ich höre, dass sie gerade irgendwas in der Küche macht. Mein Weg führt dahin, wo ich Christina dabei störe, als sie gerade Zucker abwiegt.
Chris: Morgen."

Immerhin erschrecke ich sie nicht. Die Packung stellt sie neben sich ab und schaut lächelnd zu mir hin. Der erste Tag, wo sie sich wieder richtig angezogen hat. Wo sie ihre Haare zusammengebunden hat und wo sie scheinbar auch duschen war.
Christina: Guten Morgen."
Chris: Scheinbar geht es dir wieder besser."
Christina: Mir geht es tatsächlich sehr gut. Noch immer eine laufende Nase, aber es geht sonst."
Du klingst auch nicht mehr derartig nasal, wie es gestern noch der Fall war. Ja, dir geht es zum Glück wieder besser.

An diesen Tag bin ich derjenige, der sich neben Christina stellt, zu ihr schaut und sie dabei beobachtet, was sie da gerade in der Schüssel zusammenmischt.
Chris: Was machst du da bitte?"
Und heute ist sie in der Position, dass sie über meine Aussage leicht lachen kann, bevor sie zu mir hin schaut. Nebenbei legt Christina den Löffel zur Seite und kramt aus einem Regal irgendwas, was sie gerade scheinbar braucht.
Christina: Ich backe etwas. Wenn wir hier nur zu zweiten sind, können wir uns doch einen schönen Tag machen. Zwar ein etwas anderes Weihnachten..."
Chris: Ich freue mich."
Ich habe gemerkt, dass sie es bedrückt hat. Ich hoffe nicht, dass sie sich für irgendwas die Schuld geben wollte. Nur weil sie krank war, heißt es nicht, dass sie für diese Ausgangssituation verantwortlich ist.
Chris: Kann ich irgendwas tun?"
Wo sie zuerst noch zu mir hinschaut, lenkt sie ihren Blick in unser Wohnzimmer, was zu dieser Zeit im Jahr genauso aussieht, wie sonst auch.
Christina: Vielleicht kannst du etwas für weihnachtliche Stimmung sorgen."

Für etwas über eine Stunde laufen wir beide uns weniger über den Weg. Mein Weg führte mich zuerst auf den Dachboden, wobei wir in das Haus wenig Dekosachen mitgenommen haben. Kann daran liegen, dass ich dafür weniger der Typ gewesen bin, aber ein paar Sachen finden sich dann doch wieder an. Größter Fehler war es vielleicht, dass ich unseren künstlichen Tannenbaum aufstellen wollte, weil Stitch mittlerweile zwei...drei Mal darein gesprungen ist. Immerhin sind das nur Plastikkugeln.

Mal wieder greife ich nach dem Kater und hole ihn aus den obersten Zweig raus, was ihn scheinbar gar nicht gefällt.
Chris: Drei Meter weiter steht dein Kratzbaum, lass aber bitte endlich die Deko in Ruhe."
Sonderlich beeindruckt dadurch ist er natürlich nicht, aber für einen Moment lässt er es dann doch sein. Das Ding steht endlich halbwegs gerade, es ist kein Kater darin zu finden und ich hoffe einfach, dass es dabei eine Zeit bleiben wird. Irgendwie seltsam. Das letzte Mal richtig Weihnachten gefeiert hatten wir 2010, bevor das mit Sarah passiert ist. Einen Monat nach ihren Unfall wollte wir beide das nicht und danach...
Christina: Den hatten wir lange nicht mehr im Wohnzimmer stehen."
Christina reißt mich aus meinen Gedankengefängnis und bringt mich dazu, dass ich mich zu ihr drehe und sie anschaue. In ihrer Hand hält sie einen Teller, wo sie ihr Gebackenes drauf platziert hat.
Chris: Ja, dein Kater ist scheinbar auch ein kleiner Fan davon."
Christina: Tut mir leid, dass er da immer wieder reinspringt. Hoffentlich hält der ein paar Tage durch."
Chris: Wir werden es sehen."

Christina geht an mir vorbei und stellt den Teller auf den Tisch ab. Auch wenn sie noch einen Moment dahin schaut, ich bekomme mit, dass sie seufzt und danach ihren Blick erst wieder zu mir richtet, wo sie versucht alles mit einem Lächeln zu überspielen.
Chris: Was hast du gebacken?"
Christina: Nur ein paar Brownies. Das hatten wir zu Hause. Wollen wir zusammen vielleicht einen Film schauen?"
Chris: Sehr gerne, aber wozu das alles?"
Dann fällt ihr gespieltes Lächeln und ihren Blick lässt sie auf den Boden gleiten. Du hättest mir nichts vorspielen müssen. Nach wenigen Schritten stehe ich vor ihr, wo Christina auch wieder aufschaut.
Christina: Es ist das erste Weihnachten, was wir wieder zusammen verbringen können und ich...wollte dir irgendwas wiedergeben, aber wusste einfach nicht, was dir gefallen könnte. Dabei bist du mein Vater und ich wollte einfach Danke sagen und mich zugleich entschuldigen für das, was in den Jahren schief gelaufen ist."
Chris: Du musst dich für gar nichts entschuldigen, Christina."

Auch wenn sie nickt, die Schuld sieht sie noch immer in Teilen bei sich. Ich habe immer geschwiegen, bis du das als Antwort angesehen hast. Ich trage auch Schuld.
Chris: Ich freue mich, dass wir zusammen etwas machen. Die letzten Jahre haben mir immer wieder gezeigt, dass Zeit das wichtigste ist, was man einen Menschen schenken kann."
Das Lächeln von ihr kommt wieder, bis sie zu mir aufschaut und auch zulässt, dass ich meine Tochter dieses Mal in Arm nehme. Allein deine Nähe bedeutet mir so viel.

Als wir einander wieder anschauen, lächle ich sie etwas an und stelle stumm die Frage, was jetzt kommen soll.
Chris: Also, an was für einen Film hast du denn gedacht?"
Christina: Das wollte ich dich fragen. Ich wollte es dir überlassen, was für ein Film du schauen willst. Ich lasse mich überraschen."
In einer zu großen Geste lässt sie sich aufs Sofa fallen und deutet mir an, dass ich schon einfach machen soll. Mein schmunzeln bekommt sie mit, während ich vor zum Regal gehe, damit ich daraus eine DVD nehmen kann, die ich dann einlege.
Chris: Ich weiß nicht, ob dir der Film gefällt, aber ich liebe ihn sehr."
Christina: Dann werde ich es herausfinden."
Der Vorspann läuft, ich nehme die Fernbedienung noch mit und gehe danach zu ihr hin, damit ich neben Christina Platz nehmen kann.

Nachdem ich die Sprache eingestellt habe, fangen die ersten Minuten des Films an. Das erste Zitat – schauen Sie auch genau zu – folgt und dadurch schaut Christina gleich zu mir hin, was mich dazu bringt, ebenfalls meine Aufmerksamkeit zu ihr zu richten, wobei ich es deutlich verwunderter mache.
Christina: Dein Lieblingsfilm ist The Prestige?"
Chris: Woher kennst du bitte diesen Film? Der ist schon einige Jahre alt und ich dachte, dass er dir gar nicht gefallen würde."
Christina: Wenn du mit Andreas unterwegs bist, dann schaue ich ab und an die Filme durch, die du hier so stehen hast und da war vor einiger Zeit auch der dabei. Ich habe ihn bereits nach den ersten schauen geliebt."
Christina muss leicht lachen, der Film ist kurzzeitig vergessen, aber eigentlich ist das auch egal. Der Moment hier ist gerade viel mehr wert.
Christina: In meinem Zimmer hängt ein Filmplakat davon. Ist dir das nie aufgefallen?"
Chris: Ich habe selten darauf geachtet, weil ich fast nie in deinen Zimmern bin."
Christina: Ich zeige es dir in den kommenden Tagen Mal. Bestimmt sind dir in den Film schon mehr Dinge aufgefallen als mir."
Chris: Ich habe ihn schon so oft gesehen, aber trotzdem fällt mir immer wieder noch etwas auf. Vielleicht weißt du schon etwas, was ich noch nie bemerkt habe."

Etwas über zwei Stunden haben wir uns darüber ausgetauscht, was welche Stelle für den späteren Verlauf bedeutet. Es war so, dass meine Tochter etwas bemerkt hatte, was mir vorher nie aufgefallen ist und wir beide zusammen konnten eine der Szenen nochmal neu in die gesamte Story einsortieren. Für viele mag das vielleicht kein besonderer Tag gewesen sein, aber ich habe ihn sehr genossen und geliebt.

Am Abend lasse ich alle Rollos runter, Christina bringt den mittlerweile leeren Teller in die Küche und stellt dazu unsere Gläser. Als sie wieder zu mir kommt, lasse ich gerade das letzte Rollo runter.
Christina: Warum machst du heute alles zu?"
Chris: Mein Handy hatte mir angezeigt, dass wir für die Nacht eine Gewitterwarnung bekommen haben. Einfach zur Sicherheit."
Chris: Ach so...okay..."
Ich sehe, dass sie ihre Hände ineinander verschränkt, damit sie nicht verkrampfen würden. Ich weiß, dass du Angst vor Gewitter hast, Christina. Dass dir diese Nachricht nicht gefällt. Bevor ich aber irgendwas machen oder sagen könnte, womit ich ihr helfen oder die Angst nehmen könnte, verabschiedet sie sich und geht hoch in ihre Etage...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt