Kapitel 56

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Christina sollte aufhören mich immer wieder zum Lachen zu bringen. Sonja findet das auch nicht sehr hilfreich, obwohl sie auch mitmacht. Passt nur so gar nicht in meinen Zeitplan, aber was passte da jemals schon rein? In den letzten Tagen war sie immer mit bei mir zu dieser Zeit, aber meist saß sie nur still auf ihrem Platz und hat mal ein Wort mit mir gewechselt. Schüchtern und introvertiert waren wir beiden eben doch immer schon.

Während Sonja ihre Sachen packt und im Anschluss den Raum verlässt, krame ich aus meinen Sachen meine Lederjacke hervor, die ich immer zu Beginn der Show trage. Die lege ich noch wieder richtig hin, bevor ich auf die Uhr schaue. Ja, wieder spät dran, aber wird schon gehen.
Christina: Du siehst so anders aus, so gar nicht mehr nach meinen Vater."
Sollte ich über diese Aussagen lachen oder sie hinterfragen? Mein Zögern bekommt auch Christina mit. Ihren schweigenden und leicht bedrückten Blick bekomme ich mit, als ich mich wieder an sie wende. Von oben bis unten begutachtet sie mich kurz, bevor ich etwas näher an sie trete.
Chris: Ich werde immer dein Vater sein, Christina."
Christina: Gerade bist du aber einfach Chris Ehrlich."
Chris: Und du bist auch seine Tochter. Du bist für immer ein Teil von mir. Egal, ob ich privat als dein Vater zu Hause verzweifle oder mich auf einer Bühne von meinen Bruder fertig machen lasse."
Christina: Ich habe dich als meinen verpeilten Vater aber etwas liebe. Wobei...ich habe auch nichts dagegen, wenn du mich über Stunden zum Lachen und Staunen bringst."
Während wir beide kurz lachen, lege ich meine Arme um sie und umarme sie vorsichtig.
Chris: Und das werde ich heute auch nochmal machen. Du weißt deinen Platz und ich hoffe, dass es dir auch von dort aus Spaß bringen wird.
Christina: Das wird es. Immerhin bist du dabei..."

Durch einen Seitengang musste Christina mich verlassen, bevor ich zur Bühne komme. So stehe ich fünf Minuten vor Beginn der Show bei meinem Bruder und habe das Gefühl, dass ich seit einer sehr langen Zeit nicht mehr so aufgeregt gewesen bin. Das erste Mal, dass deine Kleine die Show von dort aus sieht. Es wird alles gut werden, da bin ich mir sicher. Andreas legt eine Hand auf meine Schulter und versucht mir dadurch zu zeigen, dass alles gut ist. Und das ist es. Sie ist hier und alles wird gut.

Die letzte Show des Jahres ist immer etwas besonders. Erst recht, wenn sie auch noch wirklich an Silvester stattfinden kann. In den ersten Momenten der Show versuche ich Christina in den Reihen zu finden. Bei dem hellen Licht und den sonst dunklen Innenraum aber einfach unmöglich. Meine anfängliche Nervosität ist irgendwann verfolgen, sodass auch dieser Abend einfach wieder läuft und keine großen Probleme uns im Weg stehen. Die Illusion mit Karina ist eine der letzten und ich bin froh, dass ich die Tage zählen kann, bis ich sie niemals wiedersehen muss. Die Schwebende Rose ist die vorletzte Illusion des Abends. Wo ich zu Beginn Angst hatte, Christina könnte sie aus verschiedenen Gründen hassen, weiß ich heute, dass es eine ihrer liebsten ist. Das ist auch die Nummer, wo ich meine Tochter sehe. Ich wähle jeden Abend eine Frau aus – und es ist wirklich einfach Zufall, ich habe das nicht geplant oder gemerkt – aber es ist diejenige, die den Platz neben meiner Tochter hat. Ich tausche nur einen kurzen Blick mit ihr aus, wo ich ihr ehrliches Lächeln wieder zu sehen bekomme. Danke, dass du diesen Moment mit mir nach Jahren wieder teilst. Es bedeutet mir die Welt.

Nach der Show ist vor dem Abend und dem Neujahr. Während alle entweder sich zum Schlafen zurückziehen, da wir morgen wieder in der Arena spielen, oder sich in Gruppen finden und in der Stadt feiern gehen wollen, wenn sie nicht bei uns bleiben, warte ich etwas angespannt hinter der Bühne. Und die Nervosität ist auch wieder da.
Christina: Papa!"
Sie schlängelt sich durch die Arbeiter und die ganzen Menschen, die hier zu der Zeit rumlaufen. Ich muss lächeln, als ich sie sehe und bin glücklich, dass sie mich für einen kurzen Moment umarmt, bevor wir einander wieder anschauen.
Chris: Es war okay?"
Christina: Mehr als okay! Es war wunderschön, wirklich. Schade, dass es jetzt schon wieder vorbei ist."
Andreas: Morgen ist ja noch eine Show, bevor es wieder nach Hause geht."
Andreas gesellt sich zu uns, zeigt meiner Tochter auch einen freudigen Blick, bevor er sich an mich wendet.
Andreas: Setzen wir uns noch zusammen? Neujahr muss man ja nicht allein verbringen."
Ich schaue zu Christina, da sie es mir sagen soll. Ob sie Pläne hat, ob sie lieber allein sein will oder etwas anderes, aber ihre Antwort kommt schnell. Wir setzen uns draußen zusammen noch an einen kleinen Tisch, den wir aus Cases bauen, und feiern so das neue Jahr 2016.

Christina hat sich unter einer Decke gekuschelt, mein Bruder hat sich wärmer angezogen und trinkt eine Tee und auch ich binde mir noch einen Schal um, aber zum Glück ist es auszuhalten. Außerdem dauert es nicht mehr lange, bis das Jahr vorbei ist. Zum Schlafen wäre ich gerade sowieso noch zu wach gewesen, aber ich denke, es zieht an Christinas Kräften jetzt wieder spät schlafen zu gehen.

Vor ihr auf einer Case liegt ihre Schachtel Zigaretten. Da starrt sie eine zu lange Zeit mittlerweile schon drauf, was mich leicht verwirrt, aber ich traue mich nicht zu fragen.
Andreas: Habt ihr fürs Jahr was geplant?"
Was sollten wir geplant haben, wenn wir vor knapp einem Monat nicht mal ein Wort miteinander gewechselt haben, was nicht dringend nötig gewesen wäre?
Christina: Ich hoffe einfach, dass ich das Abi bestehe, dann bin ich glücklich."
Sie schaut wieder auf und zu meinem Bruder hin. Damals war ich auch froh, als ich durch mit den ganzen Prüfungen war und dazu kam ja auch noch, dass ich in der Zeit vermehrt auf die kleine Christina aufpassen musste. Und jetzt schreibt sie die Prüfungen.
Chris: Für euch geht es in den Urlaub?"
Andreas: Im Sommer. Zu Ostern sind wir am Überlegen, ob wie Steffis Familie besuchen fahren. Mal sehen."
Christina: Haben wir etwas geplant?"
Sie schaut zu mir, als würde sie die Antwort kennen. Wir waren kaum weg, man kann es einfach abzählen. Außerdem wäre das in den letzten Jahren nie möglich gewesen. Aber in diesem Jahr kann ich leicht lächeln und mit den Schultern zucken.
Chris: Mal sehen, was sich so ergeben kann."

Die letzten Minuten brechen an, das sagt zumindest meine Uhr auf dem Handy. Christina greift nach ihrer Schachtel Zigaretten und Andreas trinkt etwas von seinem Tee, der mittlerweile etwas kühler geworden ist.
Andreas: Irgendwelche grandiose Neujahresvorsätze?"
Rhetorische Frage. Warum sollte man bis zu einen solchen Tag warten, wenn man es auch einfach jeden Tag immer wieder ändern kann, wenn man es wirklich will? Daher bekommt er von mir ein kurzes Lachen zu hören, bevor ich etwas aus meinem Glas trinken kann, wo ich mir vorhin noch irgendwas eingegossen hatte.
Christina: Ja."
Andreas schaut interessiert zu ihr hin, ich hingegen etwas verwirrt. In ihrer Hand hält sie ihre Zigarette und kramt aus ihrer Jacke das Feuerzeug, was ich fast immer bei ihr sehe.
Christina: Das ist die letzte Zigarette. Sowohl aus meine Schachtel als auch in meinem Leben. Ich höre mit dem Rauchen auf."
Weil du es für dich entschieden hast und nicht wegen mir oder für mich.
Andreas: Warum? Also nicht, dass ich dir das ausreden will, aber so plötzlich?"
Christina: Ich bin nicht mal ganz 19 und merke jetzt schon, dass mein Körper manchmal darunter leidet. Ich will das nicht mehr."

Die letzten Sekunden zum neuen Jahr werden gezählt, die letzte Zigarette wird in die Erde gedrückt und das Jahr ist vorbei. Die letzten Monate, die so viel verändert haben und ich weiß nicht, was die kommenden Monate mit sich bringen sollen. Bis zum Sommer wird sich entscheiden, wie es mit Christina und mir weitergehet. Aber jetzt feiern wir den Neubeginn von vielen Dingen...

Nameless to YouWo Geschichten leben. Entdecke jetzt