Sicht von Chris...
Wie fast jeden Abend bin ich auch am Samstag zu spät dran für die Show. Ich war schon bei der Bühne und war fertig, hätte ich die Hälfte nicht in meiner Kabine liegenlassen. Daher laufe ich jetzt doch wieder nochmal zu meinem Raum und verschiebe daher die Show erneut um ein paar Minuten. Jeden Abend immer wieder das gleiche.
Auf dem Flur kommt mir meine Tochter wieder entgegen, die den Tag über unterwegs gewesen ist. Vermutlich hat ihr das auch gut getan, da sie immer wieder vor ihrem Stoff für die Schule gehangen hat. Ich weiß, dass mir das damals nicht so gut getan hat, aber ich hatte einen Bruder, der mir geholfen hat und eine kleine Tochter, die mich immer wieder abgelenkt und aufgeheitert hatte.
Chris: Hey, du bist wieder da."
Auch wenn ich wenig Zeit habe, ich versuche ihr gegenüber freundlich zu wirken, da sie nichts für meine vergessliche und gestresste Art kann.
Christina: Ja, wir sind schon etwas länger hier, dann war ich im Bus und habe mir nochmal ein paar Sachen angesehen. Ich wollte dir eben etwas sagen."
Wird nur eine Minute dauern, dann kannst du weitergehen und es geht hier um dein Kind. Auch wenn sie 19 Jahre als ist, sie wird immer deine Kleine bleiben. Nebenbei sammle ich die Sachen zusammen und schaue zu Christina zurück.
Chris: Was willst du mir denn sagen?"
Die Kleinteile stecke ich in meine Jackentasche und schaue mich nochmal um, bevor ich sichergehen kann, dass ich nichts vergesse. Jetzt wirklich nicht.
Christina: Ich weiß, was ich nach der Schule machen will. Ich will eine Ausbildung hier machen zur Veranstaltungstechnikerin."
Ich habe mich zu hektisch umgedreht und sie mit einen Blick angestarrt, der ihr kein gutes Gefühl gibt. Das sehe ich an ihrer Haltung, die immer kleiner und unsicherer wird. Ihr vorheriges Lächeln, was ich zwar nicht gesehen hatte, was aber definitiv da war, schwindet nun zu dem bedrückten und enttäuschten Blick, den sie mir zeigt.
Keiner von uns beiden rührt sich, mein Starren hört auch nicht auf und sie ändert ihren Blick nicht mehr ins Positive, da sie mich mit ihrem tieftraurigen Blick löchert.
Christina: Du willst das nicht...du bist enttäuscht deswegen..."
Chris: Nein, nein! Warum sollte ich bitte enttäuscht deswegen sein? Es ist...weißt du Christina...ich möchte einfach nur..."
Worte. Die könnte ich gerade gebrauchen, aber sie haben mich verlassen. Stattdessen starre ich noch immer und hasple in irgendwelchen Erklärungen, die aber nichts bedeuten und die sie gerade nicht verdient hätte.
Christina: Du kannst mir schon die Wahrheit sagen..."
Deine gebrochene Stimme sagt das aber nicht. Dein Gesichtsausdruck sagt das auch nicht aus. Nichts sagt es aus, dass du deine Wahrheit hören willst, die du dir ausdenkst. Ich will ihr antworten, aber im Hintergrund klingelt das dritte Mal das Signal, dass es jetzt wirklich losgehen muss und das kann ich nicht in wenigen Sätzen klären.
Chris: Christina, ich muss leider los. Es tut mir leid, dass ich dich hier stehenlassen muss. Nach der Show wartest du unten im Bus, wir reden, versprochen und dann sage ich dir das, was ich sagen will. Ich verspreche es dir."
Ihr Nicken sagt nichts aus, aber sie versteht, dass das jetzt ungünstig ist, dass ich dringend gehen und sie allein zurücklassen muss. Nur für einen Moment drücke ich sie und laufe danach den Flur runter, wobei ich jetzt wieder das Gefühl habe, ich hätte alles vergessen. Eine Ausbildung zur Veranstaltungstechnikerin in dieser Crew. Das Mikro von der Seite nehme ich mit, lege es mir um und komme bei meinem Bruder an.
Dieser schaut mich ebenfalls mit einem Blick an, der nichts Gutes heißt. Meine gesamten Nerven habe ich eben gerade auch einfach in der Kabine liegenlassen. Warum musste sie es auch jetzt ansprechen, wo ich sie einfach sitzenlassen musste?!
Andreas: Was ist denn bei dir passiert?"
Chris: Christina hatte mir eben gesagt, dass sie ihre Entscheidung getroffen hat, was sie nach ihrem Abitur machen will."
Andreas: Das ist doch super, oder nicht?"
Chris: Sie will hier ihre Ausbildung machen."
Der exakt gleiche Blick. Man kann euch ansehen, dass ihr eine Familie, dass ihr Geschwister, seid. Mit irgendwelchen Gesten versuche ich zu unterstreichen, dass ich genau das gleiche eben gedacht habe, dass ich da aber noch vor ihr gestanden habe.
Chris: Sehr schön, dass wir beide nie in dieser Situation zuvor waren und ich habe mal wieder keinen blassen Schimmer, was ich tun soll."
Wir müssen uns für die erste Illusion vorbereiten, es geht gleich los, ich atme durch und sortiere meine Gedanken, damit ich die Show spielen kann.
Andreas: Wovor hast du Angst?"
Chris: Dass sie eine falsche Entscheidung trifft, weil sie aus einer spontanen Situation heraus entscheidet. Weil sie die letzten Tage hier war und vielleicht irgendwie eine temporäre Lösung gefunden hat."
Andreas: Wir haben auch so viele falsche Entscheidungen getroffen und sind trotzdem hier. Vielleicht muss sie genau diese Entscheidung jetzt treffen und du solltest ihr beistehen."
Ich will aufhören mich als schrecklichen Vater anzusehen und will damit leben, dass niemand alles weiß, dass ich das aber mit ihr schon schaffen werde.
Andreas: Du warst damals für ein Studium eingeschrieben, zu dem du nie gegangen bist."
Ich muss schmunzeln, obwohl ich mich konzentrieren sollte. Vor der Welt, vor falschen oder schlechten Entscheidungen kann ich sie nicht abhalten. Besser ist es, sie macht es, wenn ich da bin, dann kann ich ihr noch aufhelfen und vielleicht ist es das auch nicht.
Chris: Aber sollte sie das hier machen?"
Andreas: Es ist deine Entscheidung, du bist ihr Vater und passe mich an."
Wie sollte man sich nach den letzten fünf Minuten auf zwei Stunden Showtime konzentrieren, ohne immer wieder bei allen Themen zu hängen, die unpassend sind. Dass ich keinen Unfall baue, sollte einem Wunder gleichen, aber die Show läuft durch. Eine einzige morgen noch, bevor es nach Hause geht und bevor es dann auch bald für Christina in die Prüfungen geht. Sie bleibt in Herford und für mich geht es wieder durch Deutschland. Heißt auch, dass die Entscheidung bald getroffen sein muss, was sie danach macht und gerade stehe ich ihr mal wieder im Weg.
Die Tür des Busses schließt sich hinter mir und wenig später setzen wir uns in Bewegung. Meine Sachen lege ich auf einen der Plätze in der Nähe der Treppe, denn zum Schlafen geht es jetzt noch nicht. Zeig jetzt einmal, dass du das willst und dass du es versuchst. Ich muss den Gang nur etwas weiter runterlaufen und sehe Christina dann bereits auf einen der Plätze. Der Platz gegenüber wird von mir genutzt und als sie zu mir schaut, setze ich zum ersten Satz an, bevor sie auch nur ein Wort rausbringen kann.
Chris: Ich wollte dir vorhin nicht den Eindruck geben, dass ich enttäuscht wäre, denn das bin ich nicht und werde ich niemals sein. Das zuerst. Ich hatte es einfach nicht erwartet und dann war es so ungünstig vor der Show und..."
Christina: Ich hätte es später sagen sollen, tut mir leid. Ich wollte einfach, dass du es weißt. Dass ich nicht länger so im Nichts hänge."
Chris: Warum willst du das machen? Du hattest vorher nie etwas andeuten lassen und jetzt sagt du plötzlich, dass du die Ausbildung machen willst."
Christina: Du hast mir immer wieder etwas gezeigt, dazu Phil, Manu und Levi. Es ist einfach was, was mich fasziniert und die Crew hier...ich will hier am liebsten gar nicht mehr weg und freue mich, wenn ich all die hier wiedersehen kann."
Wir haben die Leute zusammengesucht und uns eine Crew aufgebaut, auf die wir immer vertrauen können. Ja das, was sie aussagt, beschreibt sehr gut das Gefühl, was wir auf Tour immer haben. Und zugleich bestätigt es meine verdammte Unsicherheit, dass es eine temporäre Entscheidung ist, die sie bereuen könnte.
Christina spielt mit ihren Händen, die auf den Tisch liegen und wendet dadurch ihren Blick von mir ab. Sie sucht ihre Worte zusammen, während ich aus den Fenster starre.
Christina: Du bist enttäuscht..."
Chris: Warum sollte ich das sein?"
Vielleicht wirke ich strenger ihr gegenüber, aber weil sie sowas über mich denkt. Ich war noch nie in so einer Situation und werde es vermutlich auch nicht wieder sein, da sie mein einziges Kind bleiben wird. Was sollte ich denn bitte sagen und tun? Kann mir auch wieder keiner bei helfen.
Christina: Weil ich mein Abi dann doch quasi wegschmeiße."
Chris: Ich habe meines weggeschmissen. Ich habe weder ein Studium begonnen, geschweige denn eine Ausbildung. Nicht Mal Pyrotechnik ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Und wegschmeißen ist dabei ein hässliches Wort. Das soll die Wege eröffnen, aber schleißt doch keine. Nur, weil du 13 Jahre zur Schule gegangen bist, heißt es nicht, dass du keine Ausbildung machen darfst. Du sollst das machen, was dich glücklich macht...ich habe nur Angst, dass du eine falsche Entscheidung triffst."
Christina: Wie soll ich dir das denn beweisen?"
Ich muss seufzen, lasse mich in den Sitz fallen und schaue raus auf die Straßen, während ich mir einen Weg überlege, wie sie es mir, aber vor allem auch sich selbst, beweisen kann. Sie soll mir einfach sicher sagen können, dass sie genau das will und nichts anderes.
Chris: Du hast vier Prüfungen... du suchst in der Umgebung von Herford nach einem Praktikum. Du arbeitest irgendwo zwei Wochen als Technikerin und wenn du danach zu mir kommst und mir sagst, dass du es noch immer willst, gebe ich dir den Vertrag, okay?"
Ihr Lächeln sagt eigentlich bereits jetzt schon alles.
Christina: Abgemacht...
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Nameless to You
Fanfiction»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...
