Kapitel 24

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Ich habe Mist gebaut. Dafür müsste ich jetzt um fast halb zwölf am Abend auch nicht vor Chris im Wohnzimmer stehen. Dieser hat seine Arme vor seiner Brust verschränkt, hat endlich aufgehört im Raum rumzugehen und schaut mich dafür jetzt aber die gesamte Zeit bereits an. Und ich? Ich stehe schweigend, bedrückt und mit dem Gefühl, am liebsten unsichtbar zu sein, vor ihm und traue mich kaum, zu Chris zu schauen.

Die Beamten sind recht schnell wieder gefahren. Sie haben Chris noch gesagt, dass sie mich mit zwei weiteren im Freibad angefunden haben und dass der Bademeister uns erwischt hatte. Da wir nichts getan hatten, will er auch keine Anzeige erstatten. Passiert gefühlt jedes Wochenende, meinte der. Danach sind sie wieder gefahren und haben uns beide zurückgelassen. Eigentlich wollte ich danach gleich in mein Zimmer gehen und, sagen wir die nächsten Wochen, Chris nicht mehr unter die Augen treten. Als er mich dann aber angeschaut hatte, wusste ich gleich, dass ich daran nicht mal denken soll. Er ging vor ins Wohnzimmer und ohne Widerspruch zu leisten, ging ich ihm nach. Kleinlaut und eingeschüchtert stand ich dort, während Chris mich zuerst noch angeschaut hat, danach aber im Zimmer umher gelaufen ist. Ich hatte keine Ahnung, wie er reagieren könnte.

In den ganzen Jahren habe ich sowas noch nie angestellt, wobei ich sagen kann, dass es Situationen gab, wo ich es eventuell hätte verdient. Aber eine Sachen war dabei immer gleich, denn Chris ist niemals laut mir gegenüber geworden. Er hat mich noch nie angeschrien, egal wie aufgebracht er gewesen ist. Ich hätte niemals im Leben die Ruhe bewahren können und wie er das gerade macht, weiß ich auch nicht.

Auch wenn ich mir gewünscht hätte, er wäre noch etwas länger umher gelaufen, irgendwann bleibt er stehen und das genau vor mir. Dort senke ich meinen Blick, weil es mir so unfassbar unangenehm ist, dass das passiert ist. Ich wollte das nicht.
Chris: Cassy, warum hast du das getan?"
Weiß ich selbst nicht. Weil meine Gedanken irgendwann zu laut geworden sind. Weil sie mich übernommen hatten. Weil ich einen Moment mal nicht nur der Bystander sein wollte. Ich wollte ein einziges Mal irgendjemand sein.
Cassy: Ich...habe mich überreden lassen."
Die halbe Wahrheit, die irgendwo auch wieder gelogen ist. Ich will hier weg. Einmal will ich ein niemand sein. Einmal will ich im Boden versinken. Meine Augen kneife ich zusammen. Ich will nicht vor Chris anfangen zu weinen. Ich kann und will das nicht.
Chris: Warum haben die dich dazu gebracht, Cassy?"
Immerhin klingt er nicht vorwurfsvoll. Immerhin redet er ruhig mit mir. Mama wäre so vermutlich nicht gewesen. Sie hatte ein ganz anderes Temperament.
Cassy: Sie...haben sich über mich lustig gemacht, haben mich verspottet und..."
Chris: Das hat dich natürlich verletzt..."
Ich nicke einzig, weil ich danach meinen Kopf komplett hängen lasse und die Tränen laufen lasse. Diese zwei Idioten haben mich gebrochen und ich wollte das nicht.

Fast nicht hörbar muss Chris seufzen. Aber nicht, weil er genervt ist, sondern weil ich wohl in dieser Verfassung vor ihm stehe und ihm diese Geschichte erzähle.
Chris: Sag mir bitte, was die getan haben, Cassy."
Ich muss durchatmen und überlegen, was ich wie sagen kann. Ich kann ihm nicht sagen, dass Velory mich hat sitzen lassen wegen diesen Typen. Toll Christina, wieder verlierst du dich in den Lügen, die dich jetzt auch in diese Situation gebracht haben.
Cassy: Das...waren meine Freunde. Wir haben uns letzte Woche zerstritten, weil...sie mich ersetzt haben. Ich wollte heute nur mit ihnen reden, das musst du mir glauben, aber dann..."
Mit meinen Ärmel wische ich mir einmal über meine Augen, bevor ich mich wage wieder aufzuschauen. Chris hat sein ernste Miene verloren, schaut mich jetzt besorgt und bedrückt an und scheint mir aufmerksam zuzuhören.
Cassy: Sie meinten, ich wäre die Langweilerin von nebenan, die nichts zu bieten hat und für die sich niemand interessiert..."
Für einen kurzen Moment stockt selbst Chris, weil er vermutlich mit vielen gerechnet hat, aber nicht mit einer solchen Aussage.
Cassy: Ich wollte das nicht, du musst mir glaube...es..."
Chris: Es hat dich verletzt und du wurdest von Wut gesteuert."
Danke, dass du mich verstehst.

Während ich mich versuche zu fassen, schaut er etwas hilflos im Raum umher. Mit beiden Händen geht er sich einen Moment übers Gesicht, bevor er durchatmet und danach zu mir hinschaut, wobei ich hoffentlich nicht mehr ganz so zerstört wirke.
Chris: Du weißt, dass ich das nicht einfach so belassen kann. Denn, auch wenn sie dich manipuliert haben, du wurdest von der Polizei nach Hause gebracht."
Ich nicke, denn das ist mir Bewusst. Ich bin ja schon froh, dass er gefasst mit mir redet und mich scheinbar verstehen kann. Und ich weiß auch gleich, dass es irgendwelche Konsequenzen haben muss.
Chris: In etwas über zwei Wochen sind Weihnachtsferien. Bis dahin hast du Hausarrest."
Cassy: Was ist mit Verein und Musikschule?"
Chris: Zu den beiden Dingen kannst du gehen, aber du bist danach gleich wieder hier, verstanden Cassy?"
Cassy: Ja, verstanden."
Ich denke, dass er auch vorbeugen will, dass ich mich irgendwie mit denen nochmal treffen könnte. Aber keine Sorge, die will ich niemals wiedersehen.
Chris: Geh jetzt rauf, es ist spät geworden."
Cassy: Ist gut...schlaf gut, Chris."
Chris: Danke, du auch."

Bin ich glücklich, dass ich diese Strafe bekommen habe? Definitiv nicht, aber habe ich es verdient? Ich hätte eine deutlich härtere Strafe verdient mit einer Standpauke dazu. Aber der Mensch dafür war Chris einfach noch nie. Vielleicht sollte ich mich in dem Sinne auch ein einziges Mal glücklich schätzen. Oben in meinem Zimmer liegt Stitch auf meinem Bett und scheint bis eben geschlafen zu haben.
Cassy: Du wirst mir in den nächsten Tagen etwas Gesellschaft leisten, oder kleiner?"
Ein total verschlafenes Miauen kommt von ihm, bevor er kurz aufsteht und sich streckt. Ich muss daher ein wenig lachen und streichle ihn kurz, bevor ich mich fürs Bett fertig mache.
Cassy: Es ist spät, komm, wir gehen schlafen. Stitch."
Zuerst kann ich mich unter meine Decke legen, bevor auch Stitch mit aufs Bett springt und es sich am Fußende gemütlich macht...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt