Den Spiegel habe ich selbst gemieden. Auch wenn ich innerlich für den Schritt irgendwie bereits gewesen bin, vollkommen habe ich mich daran nicht gewöhnt oder darauf eingestellt, dass es jetzt heute vorbei ist und dass ich wieder annehme, wie er auszusehen.
Mit den Händen bin ich nur durch mein Haar gegangen, während ich die gesamte Zeit meine Augen geschlossen hielt. Es ist so lächerlich. ICH bin so lächerlich! Als keinerlei Knoten mehr darin waren, bin ich zur Tür und habe sie geöffnet. Im Laufe des Abends würden die schon trocknen und außerdem will ich wieder zu meinen Vater zurück. Auf der Terrasse sehe ich ihn sitzen und dieser letzte kleine Weg fühlt sich für mich so schwer an, dass ich erst mal im Wohnzimmer vor der Badezimmer stehe und raus schaue. Mit dem Rücken sitzt er zu mir, ist vielleicht gerade an seinem Handy und wartet auf mich. Dein Vater hat jede Phase deines Leben mit dir durchgestanden, dann wirst du das jetzt auch durchstehen, Christina. Ein letztes Mal atme ich durch und setze mich endlich in Bewegung.
Die Tür zur Terrasse öffne ich und lasse sie danach einfach wieder los, als ich mit draußen bin, damit sie zufallen kann. Bis eben war er am Handy, legt es gerade zur Seite und schaut mit einem Lächeln zu mir, was dann aber nach und nach verschwindet. Nicht die Reaktion, die ich gerade gebraucht habe. Offenbar hat er das auch gemerkt, immerhin schaue ich ihn gar nicht mehr an, sondern die nicht mehr ganz so gut gestrichenen Balken der Terrasse, was ihn zum Aufstehen bringt. Ich spüre seine Hand, bevor er diese an meinen Kopf gelegt hat und schaue sogleich zu ihm auf, da es das ist, was er von mir will. Dass ich ihn wieder ansehe. Wie ich eben im Badezimmer geht auch mein Papa mit seiner Hand durch mein Haar, schaut mir danach aber gleich wieder in die Augen.
Christina: Kannst du bitte etwas sagen? Irgendwas?"
Keine Antwort ist in diesem Fall eine sehr große Antwort. Ich kaue auf meiner Lippe, versuche seinem Blick Stand zu halten und dabei nicht innerlich komplett durchzudrehen. Als ich anfangen will zu reden, damit diese Stille endlich enden würde, muss mein Vater ganz leicht lachen, bevor er seinen Kopf etwas zur Seite lehnt und mich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen ansieht.
Chris: Es ist erschreckend, wie verdammt ähnlich du mir mittlerweile siehst."Dieses Mal wende ich meinen Blick von ihm ab, da ich etwas zu lachen beginne. Mit 12 hatte ich das letzte Mal braune Haare, mit 15 hatte er mich das letzte Mal ohne meine Kontaktlinsen gesehen. In den letzten Jahren habe ich mich aber vermutlich so entwickelt, dass man mir auch deutlich ansieht, dass das mein Vater ist und ich dazugehörige Tochter. Damals hätte ich gesagt, dass es das schlimmste ist, was mir hätte passieren können, aber heute bin ich froh, dass es so ist. Dass ich nach meinem Vater komme.
Ich schaue erst wieder auf, als ich merke, dass Papa sich wieder auf seinen Platz setzt und im nächsten Moment mit einer kurzen, aber dennoch aussagekräftigen, Handbewegung auf das Spielbrett zeigt.
Chris: Können wir dann endlich weiterspielen?"
Christina: Du hast doch sowieso schon wieder gewonnen."
Mein Platz ist gegenüber von seinem und dort setze ich mich nun auch wieder.
Christina: Du hast mir noch den letzten Bahnhof weggeschnappt, der mir noch gefehlt hat und so wie das aussieht, komme ich gleich sowieso wieder auf eines deiner Hotels."
Chris: Ich kann nichts dafür, wenn du so schlecht spielt."
Mein Blick, den ich ihm zeige, sagt eigentlich alles aus und bringt ihn aber einfach zu seinen frechen Lachen, was ich vor allem immer mitbekommen habe, wenn es um seinen Bruder ging.
Christina: Jedes Spiel ist unfair, wenn ich es gegen dich spielen muss. Wahrscheinlich manipulierst du das Spiel einfach immer wieder."
Chris: Also bei einem Kartendeck wäre ich noch dabei, das könnte ich zu meinen Spiel manipulieren, aber die Würfel, die in der Karton in der Wohnung hier liegen? So gut bin ich auch wieder nicht."Es wurden Straßen hin und her getauscht, etliche Kredite aufgenommen und ich habe meine ganzen Bahnhöfe verloren. Kurz: Christina hat wieder erfolgreich gegen ihren Vater verloren. Damit ich nicht komplett mit den Gefühl einer Niederlage ins Bett gehe, haben wir uns noch an ein paar Runden Rommé gewagt und ich denke, dass er mich hat gewinnen lassen. Aber da es dort schon fast zwei am Morgen gewesen ist, habe ich es nicht hinterfragt oder etwas dagegen gesagt. Als ich endlich im Bett lag, war ich glücklich, dass ich endlich schlafen kann.
Der verdammte Nordbahnhof hat mich bis in meine Träume verfolgt, aber vor allem, dass ich ihn verloren habe. Dort habe ich zwar einfach meine Bahn verpasst und saß dort fest, aber genervt hat es mich zwei Mal. In den letzten Tagen war ich immer nach meinem Dad wach, so auch an dem Tag. Als ich mein Zimmer verlasse, sitzt er wieder auf der Terrasse, trinkt einen Kaffee und liest bereits wieder eine Zeitung. Etwas, was er auch zu Hause oft am Morgen macht, wenn er die Zeit dazu hat. Ich muss für einen Moment etwas schmunzeln, da es eine Routine von ihm ist, die ich so lange gar nicht bemerkt hatte und auch irgendwie nicht dachte, dass er das macht. Ich hingegen gehe mit meinen Händen kurz über meine Augen, versuche wach zu sein und gehe als erstes ins Badezimmer, wo automatisch mein Blick in den Wandspielgen geht.
Einige weniger Schritte stolpere ich zurück und knalle mit den untern Rücken gegen die Waschmaschine, die dort steht. Mit meinen Händen greife ich mich an dieser fest, während ich in den Spiegel starre. Während ich mich anstarre. Ungläubig gehe ich mir an den Morgen mit den Händen durchs Haar, lasse es wieder an meinem Körper herabfallen, bevor ich mir auch wieder genauer in die Augen schaue, die beinahe komplett schwarz aussehen in diesem Licht. Ich sehe aus wie mein Vater. Abgesehen von Haar- und Augenfarbe sind auch einige Gesichtszüge klar von meinem Vater. Entweder ist es mir nie aufgefallen oder ich habe es in den ganzen Jahren immer wieder absichtlich ausgeblendet und so stark wie möglich ignoriert. Ich dachte, ich habe ein paar wenige Sachen von meiner Mutter geerbt, aber wenn ich mich jetzt sehe, denke ich, ich habe nichts von ihr, außer meine Sturheit. Der eigentlich zu dürre Körperbau, egal was ich auch mache und anstelle, meine Körpergröße, meine Mutter war wirklich winzig, natürlich mein Aussehen und zuletzt der Name, den sie mir aber gegeben hat.
Das ist der Neuanfang, den ich wollte und ab jetzt liegt es in meiner Hand, was ich daraus mache. Ich habe den ersten Schritt getan und muss jetzt weitermachen. Für mich...

DU LIEST GERADE
Nameless to You
Fanfiction»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...