Kapitel 12

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Die letzte Stunde Französisch und die Einzelstunde Kunst sind heute zum Glück ausgefallen. Das heißt aber auch, dass Bolin und ich heute von 12.15 Uhr bis 14.45 Uhr frei haben. Immerhin dürfen wir das Schulgelände verlassen und uns somit was ordentliches zum Essen besorgen.

Mit dem Auto fährt uns Bolin etwas weiter ins Zentrum und dort zu einem Lokal, wo es ein bisschen von allem gibt. Auch einige Lehrer sind ab und an hier, aber gerade zum Glück nicht. Bolin hatte sich einen Burger bestellt und ich eine Pasta. Bevor er dazu kommen konnte, habe ich das Essen von uns beiden bezahlt.
Bolin: Du weißt, dass du das nicht machen musst, Cassy."
Cassy: Ist ja sowieso nicht mein Geld."
Er nimmt unsere Flaschen, damit wir zuerst mal zum Tisch gehen können. Das Essen kommt gleich erst und da wir gerade hier die einzigen sind, wird es nicht lange dauern.
Bolin: Ich weiß, aber auch das Geld deines Vaters solltest du nicht einfach so ausgeben."
Cassy: Ich gebe das nicht einfach so aus. Außerdem interessiert es ihn sowieso nicht."

Vor zwei Jahren, als ich in die Oberstufe gekommen bin, hatte mir Chris eine Zweitkarte für sein Konto gegeben. Er meinte, es wäre so am einfachsten und da er sich mittlerweile darum sowieso keine Sorgen mehr machen muss, achtet er auch nicht so darauf. Trotzdem gibt es Grenzen, aber so viel gebe ich im Monat gar nicht aus. Neben Schule, verein und Musikschule mache ich kaum was anderes. Das meiste Geld frisst daher quasi mein kleiner Stitch, um den ich mich sorgen muss.

Ich trinke etwas aus meinem Glas und schaue dann auch das erste Mal wieder auf mein Handy. Auf dem Sperrbildschirm wird eine Nachricht gleich angezeigt, die mich dazu bringt, dass ich genervt seufzen muss.
Chris: Bin zur Halle gefahren. Andreas hatte nach mir verlangt.
Danke, dass du scheinbar für deinen Bruder immer da bist und warst, aber für deine Tochter nicht. Eine Antwort bekommt er nicht. Er denkt sowieso, dass ich im Unterricht bin.
Bolin: Man weiß immer, wann dir dein Vater geschrieben hat."
Cassy: Er ist zur Arbeit gefahren, das wollte er mir nur sagen."
Bolin: Sei doch froh, dass er etwas macht, was er liebt. Meine Mutter wechselst nächsten Monat wieder ihren Job, da ihr der Chef falsch gekommen ist."

Das hat uns damals aber vor allem in Probleme gesteckt. Wir hatten früher kaum Geld, sind daher immer wieder umgezogen, da wir uns einige Wohnungen auf längere Zeit gar nicht mehr leisten konnten. Das Einkommen von Chris war so wechselhaft, dass man nie darauf bauen oder vertrauen konnte. Nur Mama war arbeiten, sie war Krankenschwester im Klinikum in Herford. Wir haben alles gerade so geschafft.

Bolin setzt seine Brille für einen Moment ab und geht mit seinen Händen über seine Augen. Bitte fang nicht wieder eine Predigt an! Ich lasse mich gleich in meinen Stuhl fallen und lege meinen Kopf in den Nacken. Wann kommt unser Essen denn endlich?
Bolin: Es ist der Tag, oder?"
Ich schaue auf, da ich damit nun überhaupt nicht gerechnet hatte. Der Tag, nachdem sich alles ändern musste? Ist daher alles heute so scheiße? Meinen Blicke senke ich nach und nach auf den Tisch und das bringt Bolin gleich dazu, dass er sich leicht über den Tisch beugt, damit er näher bei mir sein kann. Vielleicht denke ich auch immer nur wieder daran, was er hat, was ihr verwehrt geblieben ist und steigere mich da heute rein, weil er gestern nicht da war. Normal ist er immer an dem Tag zu Hause.
Bolin: Auch wenn du es nicht sehen willst, Cassy..."
Meinen Verdammten Spitznamen betont er gerade so, dass ich genau weiß, dass er ihn eigentlich nicht verwenden wollte.
Bolin: Chris macht eine Menge, sei es auch nur, dass er dich in Ruhe und Leben lässt. Sei froh, dass er nicht streng ist und dir nicht tausende Regeln vorgibt."
Hebt es aber das auf, was mir Jahre gefehlt hat?

Wir können endlich essen. Von einem Herren werden unsere beiden Teller gebracht und dann sind wir beide erstmal still. Nachher noch eine Stunde Religion, was freue ich mich drauf. Nicht. Immerhin muss ich das nur ein Jahr anwählen. Im Januar schreiben wir noch die Klausur, aber das wird schon gut laufen. Immer wieder schauen wir beide auf die Uhr, da das Zubereiten am Ende doch länger gedauert hat, als es normal der Fall ist. Vielleicht haben sie einige Bestellungen für zu Hause, aber uns läuft die Zeit davon, daher können wir uns nicht so viel Zeit lassen.

Zuletzt legt Bolin die Sachen aufs Tablett und ich trinke meine Flasche noch schnell aus, damit auch das erledigt ist. Im nächsten Moment steht Bolin dann auf und nimmt das Tablett mit unseren Sachen, wonach er mich anschaut.
Bolin: Ich bringe das weg und gehe kurz noch auf Toilette. Danach müssen wir wieder zurück zur Schule. Wir wollten doch nicht zu spät zum Religionsunterricht von Herrn Spahr kommen."
Cassy: Das wäre ja eine nicht verzeihbare Sünde."
Dann müssen wir beide lachen und Bolin entfernt sich vom Tisch, damit er erst das Tablett weglegen und danach für einen Moment im Badezimmer verschwinden kann. Zuerst sitze ich still auf meinem Platz und schaue aus dem Fenster, bekomme aber im nächsten Moment mit, dass mein Handy aufleuchtet. Eine Benachrichtigung auf Instagram.

Ehrlich Brothers hat gerade ein Foto geteilt

Ich greife nach meinem Handy und entsperre es mit dem Code, damit ich danach zum Beitrag geleitet werden kann. Auf dem Bild sehe ich meinen Onkel, Andreas, der vor einer seltsamen Lampe steht, sodass es so aussehen könnte, als gehöre diese zu seiner ausgefallenen Igelfrisur. Darunter steht auch ein kurzer Kommentar.

Andreas mit neuer Frisur! Gefällts Euch?

Als ich das Bild eine längere Zeit betrachte, muss ich ganz leicht schmunzeln. Bestimmt ist das ein etwas älteres Bild, als sie bei irgendeiner Sendung gewesen sind. Bei meinem Onkel und seiner Familie war ich lange nicht mehr. Allgemein bin ich kaum bei meiner Familie, außer bei Chris. Das aber eher zwangsmäßig. Ich verlasse den Post wieder, ohne, dass ich einen Like oder Kommentar hinterlasse, als Bolin wieder zu mir kommt.
Bolin: Dann wollen wir mal wieder zur Schule zurück."
Gespielt genervt lasse ich mich wieder in den Stuhl fallen und bringe ihm zum Lachen.
Bolin: Komm, es ist nur eine Stunde, dann sind wir frei...

Nameless to YouWo Geschichten leben. Entdecke jetzt