Sicht von Chris...
Auch wenn ich am Morgen gegen neun Uhr aufgewacht bin, ich konnte mich nicht aus meiner winzigen Kabine schälen und das soll schon was heißen. Normal sind wir zu dieser Zeit zu Hause, aber dieses Jahr ist alles ein bisschen anders. An solchen Tagen würde ich lieber im Bett liegen, die Decke über meinen Kopf zerren und einfach dort liegen bleiben. An diesem Tag kann mich nichts aufmuntern. An diesem Tag möchte ich am liebsten einfach nicht existieren und ihn einfach überspringen.
Die Decke bekomme ich widerwillig von mir runter und das auch nur, damit ich mit meinen Händen über meine Augen streichen kann. Ich muss wieder so katastrophal aussehen. Ich will nicht, dass mich irgendjemand darauf anspricht. Ich atme durch und ziehe im nächsten Moment den Vorhang auf. Im Bus ist niemand anderes mehr, sodass ich erstmal für mich sein kann. Nach und nach suche ich mir die Sachen zusammen, die ich für den Tag brauche, damit ich mich danach umziehen kann. Immer wieder muss ich mir die vereinzelten Tränen wegwischen, mich sammeln, bevor ich weitermachen kann. Mein Mac liegt unten auf einen der Tische. Den nehme ich mit, stecke mein Handy in meine Hosentasche und will danach den Bus verlassen. Vorher fällt mir aber ein, dass ich nochmal in den Spiegel schauen muss. Deine Augen sind rot und leicht angeschwollen. So kannst du nicht rausgehen. Das, was ich unter dem Arm habe, lege ich zur Seite, damit ich das Wasser anstellen und mir kaltes Wasser in die Hände geben kann, damit ich darin mein Gesicht für einen Moment legen kann. Danach geht es. Ich sehe nicht wirklich ausgeschlafen aus, bin ich auch kaum, aber das geht schon. Ein Kaffee wird es richten,
Auch wenn es in der Kantine gerade alles mögliche zum Frühstück gibt, das ist mir bereits vergangen, als ich am Morgen aufgewacht bin. Immer, wenn ich an damals zurück denke, kommt mir alles wieder hoch. Ein Kaffee muss heute einfach reichen. Der Mann schaut mich verwirrt an, da ich normal immer etwas esse und währenddessen am Mac arbeite, weil die Shows geplant sein wollen. Aber nicht an solchen Tagen. Nicht an diesem Tag, der damals alles ändern musste. Und es änderte sich nichts in die gute Richtung. Es hat einfach alles nur noch weiter zerstört.
Die Flure kommen mir endlos lang vor, obwohl ich die Arena in Hannover zu gut kenne. Letztes Jahr haben wir hier unsere aktuelle Tour »Magie – Träume erleben« aufgezeichnet, da bin ich immer wieder durch diese Flure gerannt, gelaufen oder gegangen. Jetzt, wo mich gefühlt alle anstarren, wenn ich hier entlang gehe, nehmen sie aber kein Ende. Sie wissen es nicht, können dich nicht verurteilen. Es ist passiert, du kannst es nicht mehr rückgängig machen. Hättest du es geahnt, hättest du es verhindert. Ich atme durch und schaue wieder auf. Fast alle, die für uns arbeiten, sind in den letzten drei Jahren zu uns gekommen. Sie kennen meiner Vergangenheit also überhaupt nicht. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, ich würde immer wieder diesen Stempel tragen. Mörder. Ich presse meine Lippen aufeinander, kneife meine Augen kurz zusammen und verdränge alles, was immer wieder mich übernimmt und mich einnimmt, meine Entscheidungen beeinflusst.
Die Bühne liegt endlich vor mir und das erste Mal am Tag stehe ich jemanden gegenüber, der weiß, welcher Tag heute ist. Jemand der weiß, was vor vier Jahren passiert ist. Jemand der auch weiß, was in mir für ein Sturm herrscht, den ich nicht kontrolliert bekomme. Egal, was ich versucht habe, in was für einer Behandlung ich war und mit wem ich darüber gesprochen habe, es bleibt für immer ein Teil von mir, was ich nicht von mir lösen kann.
Andreas: Guten Morgen, Chris."
Andreas ist der einzige, der hier anwesenden, der weiß, wie mein Leben aussieht. Alle wissen, dass ich eine Tochter habe, dass sie bereits 18 Jahre alt ist und die gesamte Geschichte auch in Bruchstücken. Ich musste nie jemanden erklären, nachdem ich sagte, wie alt Cassy ist, dass sie damals definitiv kein geplantes Kind gewesen ist. Aber über den Rest schweige ich.
Chris: Morgen..."
Meine Stimme klingt noch immer sehr gebrochen und kaum ein gerades Wort kommt raus, was man verstehen könnte. Ich verstecke mich hinter meinen Kaffee, trinke immer wieder einen Schluck oder tu zumindest so. Alles, damit sie mich in Ruhe lassen.
Die Proben ziehen an mir vorbei. Kaum etwas bekomme ich genau mit. Wir fangen die Show an, ich denke an die Straße, die Abgrenzungen, die Leitplanke. Wir kommen zur Illusion, wo Andreas und ich aus dem Buch erscheinen und ich sehe sie wieder vor mir. Wie Cassy mit den beiden Beamten vor der Wohnungstür stand und der Mann mir sagte, dass meine Frau bei einem Unfall gestorben ist. Es kommt zur letzten Illusion, die Rosenillusion und ich sehe sie wieder vor mir. Wie Sarah an dem Morgen die Küche verlassen hatte, nach ihrem Schlüssel griff und mich zurück ließ, da sie nie wiederkehrte.
Bevor ich noch hinter der Bühne meinen Gefühlen unterliegen würde, gehe ich schnellen Schrittes von allem und jeden weg, damit ich zu meiner Kabine kommen würde. Ich will allein sein, meine Ruhe haben, aber die bekomme ich nicht. Denn als ich meine Tür zuschließen will, wird sie von meinem Bruder wieder aufgedrückt.
Andreas: Chris..."
Chris: Lasst mich bitte alle in Ruhe!"
Er ist es gewohnt. Mein Bruder ist es gewohnt, dass ich kaum meine Gefühle unter Kontrolle habe, wenn es um den 15. November 2011 geht. Immer wieder schreie ich ihn dann an, will ihn am liebsten aus meiner Kabine drücken und mein ganzes Leben anhalten. Diesen verdammten Tag überspringen und nie wieder erleben müssen.
Andreas: Wenn du jemanden zum Reden brauchst..."
Chris: Mir geht es gut! Lass mich in Ruhe!"
Andreas: Dir geht es seit vier Jahren nicht mehr gut, Chris."
Weil du auch nicht mit dem Gefühl leben musst, zu wissen, dass du an all dem schuld bist. Dass du diesen Menschen aus dem Leben gerissen hast. Dass du deiner Tochter die Mutter genommen hast. Ich zeige auf die Tür, wo Andreas dann hinschaut.
Chris: Geh jetzt...bitte..."
Widerwillig lässt er mich allein, schließt hinter sich die Tür und bringt mich dann dazu, dass ich mich aufs Sofa fallenlasse. Zuerst gehe ich mit meinen Händen wieder über meine Augen, bevor ich die Tränen einfach laufen lasse. Hat keinen Sinn mehr. Dann liege ich dort in der Stille, starre an die Decke und spüre meinen Körper, der nach und nach an Kraft verliert. Trotzdem schaffe ich es noch, dass ich nach meinem Handy greife und in den Aufnahmen zurück scrollen kann.
Sie haben einen neuen Anruf vom 15. November 2011, um 10.07 Uhr von Sarah Reinelt. Der Anrufer hat eine Nachricht hinterlassen...
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Nameless to You
Fanfiction»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...
