Kapitel 16

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Immer, wenn ich mich im Spiegel anschaue, vor Shows, am Morgen oder wenn ich im Badezimmer bin, denke ich, dass ich mich entweder irgendwann verloren oder gefunden habe. Weil ich weiß, dass ich mit meinem 20-jährigen ich, was junger Vater und Ehemann war, nicht mehr viel zu tun habe. Ja, auf der einen Seite mag ich mich gefunden haben, aber auf den anderen habe ich dadurch vieles schmerzhaft verloren.

Ich schaue zur Seite weg und bekomme mit, dass mein Handy noch ein letztes Mal aufblinkt, da es hier endlich wieder Empfang und einen Internetzugang hat. Ein letzter Blick in den Spiegel und danach lasse ich mich hinter mir und gehe zum Tisch und zum Handy. Das Endergebnis ist endlich da und die Gastgeber haben 1-0 gewonnen. Heute haben sie in Herford gespielt, das heißt, dass die Mannschaft von Cassy gewinnen konnte. Ich würde ihr gerne etwas schreiben, aber es würde sie nicht interessieren. Meine Meinung braucht sie nicht. Der Bildschirm wird wieder schwarz, als ich es ausmache und in meine Tasche stecke. Vor mir liegt auch nichts mehr, ich bin für den Abend bereit und mache mich daher ausnahmsweise mal als erster auf den Weg zur Kabine meines Bruders. Nur einen Moment klopfe ich, bevor ich die Tür öffne und zu ihm gehe.
Chris: Noch nicht fertig?"
Ich lehne im Türrahmen und schaue zu Andreas hin, wie er gerade noch einmal in den Spiegle schaut und dabei genau darauf achtet, dass sein Haar richtig liegt.
Andreas: Nur weil du einmal vor mir fertig bist, Bruder."
Das leichte Lachen kann ich mir nicht unterdrücken. Andreas muss dadurch schmunzeln, schaut auch nochmal vor sich, aber kommt im nächsten Moment zu mir.
Andreas: Lass uns gehen. Unsere Plätze warten schon auf uns."

Talkshows waren nie das, was ich gerne gemacht habe. Vielleicht wird sich das irgendwann ändern, aber gerade mag ich es nicht, wenn man immer nur redet, auf Dinge und Fragen reagieren muss und jeder achtet genau auf einen. Ich war immer schon stiller. Habe mich zurückgehalten. Sprach weniger. Aber zum Glück übernimmt das oft mein Bruder, da er das weiß. Weil ich in den Jahren eben so geworden bin.

Wir beide sitzen auf unseren Platz und haben noch etwas Zeit. Es ist gerade 21.45 Uhr und in 15 Minuten soll es losgehen. Daher hole ich mein Handy doch nochmal hervor und bringe meinen Bruder dazu, dass wir nochmal einen Beitrag hochladen sollten, damit wir auch nochmal an das hier erinnern. Da er sich danach wieder in ein Gespräch mit einen anderen Gast verlier, kümmere ich mich um den Beitrag und schreibe schnell noch einen kurzen Text darunter.

Heute Abend auf NDR: Wir verzaubern #andreasbourani und #bettinatietjen
Schaut es Euch an. Sendung startet 22:00. Ab 23:35 wird's magisch...
Eure Ehrlich Brothers

Die letzten Minuten verstreichen, mein Handy lege ich wieder weg und trinke noch etwas still aus meinem Glas, bevor alles beginnt. Der Ablauf wird im Groben eingehalten, keine Unterbrechungen zwischendurch und allgemein geht es schnell voran, sodass wir gegen Ende der Sendung auch anmoderiert werden.
Barbara Schöneberger: 10.000 Menschen haben im vergangen Jahr ihre Show in der TUI Arena in Hannover gesehen, wie sie mit einem Motorrad aus einem iPad fahren, Bahnschienen verbiegen und es schneien lassen. Heute sind sie bei uns im Studio, die Ehrlich Brothers."

Andreas konnte das alles irgendwie immer entspannter angehen, im Gegensatz zu mir. Ich denke, dass man es mir äußerlich nicht ansieht, aber innerlich bin ich nervös. Sehr!
Barbara Schöneberger: Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt."
Andreas: Danke, dass wir hier sein dürfen."
Ein Wort bekomme ich nicht hervor, lächle einfach nur schwach, da es danach sowieso gleich schon weitergeht.
Barbara Schöneberger: Die eine Show gerade vorbei und dann plant ihr gleich wieder das nächste große Event. Nächstes Jahr im Juni geht's für euch ins Stadion."
Andreas: Das ist ein Traum, der für uns in Erfüllung geht."
Chris: Gerade ist es sehr viel Planen und das braucht einige Überstunden, aber das, was dort entsteht, wird der *Hammer*."
Barbara Schöneberger: Wie nimmt das euer Umfeld auf? Wie ist das mit deiner Familie Andreas, dass du so viel unterwegs ist und wie geht es deiner Tochter damit Chris, dass sie so viel auf ihren Vater verzichten muss?"
Es wird ihr nicht viel bedeuten. Während Andreas spricht, suche ich Worte, die keine Lüge sind und die das zum Ausdruck bringen, was wirklich stimmt.
Chris: Irgendwie geht es immer. Meine Tochter ist jetzt auch nicht mehr so klein und kann gut ohne mich auskommen. Es ist für mich schwer, wenn ich so lange von ihr weg bin, weil ich sie dann immer sehr vermisse."
Barbara Schöneberger: Das glaube ich euch. Diese Show wird aber ein Meisterwerk bei dem, was ich bisher hören durfte."
Chris: Da stecken wir gerade auch all unsere Energie rein."

Sicht von Cassy...

Meine Sportsachen sind in der Maschine und da ich noch etwas Zeit habe, bevor die fertig ist, schalte ich durch das Fernsehprogramm. Ich war gegen 23 Uhr wieder zu Hause, da die anderen am nächsten Tag noch was zu tun haben. Einige arbeiten schon oder studieren, nur ich gehe noch zur Schule. Daher sitzen Stitch und ich in meinem Zimmer vorm Fernseher.

Es kommt nicht sehenswertes zu dieser Zeit im Fernsehen, als mir das Gespräch und der Beitrag von vorhin wieder einfallen. Das, und meine innere Verzweiflung, dass anderweitig sowieso nicht kommt, bringen mich dazu, dass ich zum NDR schalte.
Barbara Schöneberger: Das glaube ich euch. Diese Show wird aber ein Meisterwerk bei dem, was ich bisher hören durfte."
Chris: Da stecken wir gerade auch all unsere Energie rein."
Deren große Show nächstes Jahr. Ich habe immer wieder mitbekommen, dass Chris und Andreas darüber gesprochen haben. Dass er zu Hause viel vor seinen Plänen sitzt, etwas zeichnet oder konstruiert. Mich hat das nicht zu interessieren, hat Mama immer gesagt. Ja, das ist dein Leben Chris und da steckt du all deine Energie rein...in deinen Traum...in das, was du erreichen wolltest und nicht in das, was einfach irgendwann da war...so, wie ich...so, wie er über seinen Job redet, redet er nie über was anderes. Mama meinte immer, dass das eben seine Art ist. Dass Chris schon immer so gewesen sein soll. Und in den letzten Jahren, wo sie weg war, habe ich es auch immer wieder zu spüren bekommen...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt