Kapitel 29

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Sicht von Cassy...

Ich sehe kaum mehr den Weg, auf dem ich gerade unterwegs bin. Es ist knapp 17 Uhr und es ist dunkel draußen. Dazu kommt dann auch noch, dass es bitterkalt ist, ich komplett falsch gekleidet bin und mittlerweile acht...mittlerweile neun Mal auf einer dünnen Eisschicht, die unter dem Schnee liegt, ausgerutscht bin. Ich hasse alles, was mit dieser Reise hier verbunden ist und weiß zugleich, dass sie nötig gewesen ist.

Aus meiner Jackentasche krame ich den alten Umschlag und schaue ein weiteres Mal auf die Adresse. Ich bin schon mal in der richtigen Straße, jetzt noch das Haus finden und dann habe ich es endlich geschafft. Meine Hand zittert vor Kälte, als ich sie wieder in meine Tasche stecke. Meine Kopfhörer hatten während der Zugfahrt schon den Geist aufgegeben, weil sie keinen Akku mehr hatten. Jetzt höre ich einfach meine Schritte und versuche nicht noch ein zehntes Mal auszurutschen. Ich hasse den frühen Winter. Bei uns hatte es seit Jahren fast gar nicht mehr geschneit und jetzt das hier. Draußen auf den Straßen sind einige der Anwohner unterwegs, die einkaufen waren oder mit ihren Hunden spazieren gehen. Ich vermisse Stitch jetzt schon und werde ihn ein paar Tage nicht sehen können. Endlich komme ich bei den richtigen Häusern an und als ich das Haus mit der Nummer 42b sehe, bin ich erleichtert. Endlich bin ich angekommen!

Der Weg hier ist glücklicherweise freigeräumt, sodass ich dort das erste Mal wieder sicher entlanggehen kann. Vor dem Haus steht ein wenig Deko für Weihnachten, auf das ich auch wieder verzichten könnte. Alle Jahre wieder...bis zur Tür gehe ich vor, damit ich dort nach dem Klingelschild schauen kann. Kein Name...hoffen wir, dass sie nicht umgezogen sind. Mit zittriger Hand, was jetzt nicht mehr einzig an der Kälte liegt, drücke ich auf den kleinen Knopf und warte danach einige Momente. Es dauert nicht sonderlich lange bis mir die Tür geöffnet wird. Sie hat sich fast kein Stück verändert. Sie sieht noch immer so aus, wie damals, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Ich werde begutachtet, denn ich habe mich vermutlich stark verändert.
Cassy: Michelle..."
Als sie meine Stimme das erste Mal hört, weiß sie scheinbar was mit mir anzufangen. Denn sogleich verändert sich ihr Blick.
Michelle: Mein Gott Christina! Komm rein, bitte."
Ich schaffe es zu nicken und gehe durch die Tür in deren warmes Haus. Nur für einen kurzen Moment schaue ich mich um, bis Michelle zu mir schaut.
Michelle: Du siehst so aus, als wärest du halb erfroren."
Cassy: Ich war nicht darauf vorbereitet, dass es hier so kalt ist."
Michelle: Willst du dich erstmal aufwärmen und danach reden wir, warum du hier bist? Du kannst auch gerne bei uns zu Abend essen."
Cassy: Das wäre sehr lieb von euch..."

Das Wasser der Dusche, die ich zum Glück nehmen konnte, brannte auf meiner Haut, weil ich so kalt geworden bin in der Zeit, die ich durch die Stadt geirrt bin. Ich musste mich dazu zwingen, dass ich darunter stehenbleibe, damit ich mich irgendwie ans Wasser gewöhnen könnte. Im Anschluss konnte ich mir wärmere Sachen anziehen, die anderen wieder in den Rucksack stopfen und danach wieder in den Flur vorgehen.

In diesem Haus erinnert wenig an die Jahre, wo sie in Herford gelebt hatten. Ich weiß, dass sie lange dort lebten und erst vor vier Jahren umgezogen sind. Zuerst in Deutschland, später sind sie hergekommen nach Zürich. Nur wenige Bilder sind hier. Einige, wo meine Mutter noch ein Kleinkind war. Aber recht schnell danach folgen Bilder mit mir oder Chris. Normale Bilder als Teenagerin hat sie wohl kaum gehabt. Aber generell hängen wenig Bilder ihrer Tochter hier. Als würden auch sie sich nicht an Tag X erinnern wollen, der wohl unser aller Leben am Ende verändert hat. Zu Beginn hatten wir noch Kontakt, wie sprachen oft, aber bereits nach kurzer Zeit, nachdem Chris und ich aus der Wohnung ausgezogen sind in eine andere, habe ich nichts mehr von meinen Großeltern gehört. Chris hatte es mir zu Beginn nicht gesagt, aber irgendwann musste er zugeben, dass es wegen dem Tod meiner Mutter gewesen ist. Ich will mir nicht vorstellen, wie schlimm es sein muss, die eigene Tochter verlieren zu müssen.

Michelle schaut aus einen der Räume zu mir in den Flur und ich vermute, dass das die Küche sein wird. Ich muss ein wenig lächeln. In ihr sehe ich ein paar Züge, die meine Mutter auch an sich hatte. Das, was ich nie an mir hatte.
Michelle: Willst du zu uns kommen?"
Meine Antwort ist, dass ich zu ihnen gehe und in der Küche am Tisch dann auch auf Torsten treffe. Michelle wird ihn vorgewarnt haben, aber als er mich zu sehen bekommt, scheint auch er einen Moment nichts sagen zu können.
Cassy: Entschuldige, dass ich euch so damit überrumple und einfach zu euch gekommen bin. Ich hätte mich angemeldet, aber wir hatten keine Nummer mehr von euch."
Torsten: Das macht doch nichts, Christina."
Er steht von seinem Platz auf und deutet an, dass er mich in Arm nehmen würde, was ich bei ihm auch zulasse. Ich habe euch so lange nicht gesehen und ich habe euch so lange bereits vermisst. Ihr seid vielleicht die einzigen, die die Wahrheit kennen.
Torsten: Nachdem Sarah verstorben ist, haben wir nichts mehr von Christian gehört und irgendwann brach das alles ab."
Cassy: Wartet. Ihr habt nicht den Kontakt abgebrochen, sondern Chris?"
Beide schauen sich untereinander an, sprechen sich so ab und schauen im nächsten Moment wieder zu mir hin.
Michelle: Lasst uns essen und dann regeln wir den Rest, okay?"

Normalerweise bin ich kein Fan, wenn es um Suppen geht, aber gerade ist mir alles recht, was mich irgendwie ein bisschen wärmen kann.
Torsten: Warum bist du gekommen, Christina?"
Cassy: In den letzten Tagen...ich hatte eine Auseinandersetzung mit Chris und..."
Die gesamte Fahrt über hier her fiel es mir so leicht, darüber zu reden oder nachzudenken und jetzt sitze ich denen gegenüber und kriege keinen ordentlichen Satz zusammen.
Cassy: Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Weil Mama und Chris so verschiedene Sachen über unser Leben erzählen und ich dachte, dass ihr die einzigen seid, die mir vielleicht helfen könnten, damit ich das alles mal verstehen kann."
Michelle muss einen Moment Seufzen, bevor sie ihren Löffel zur Seite legt.
Michelle: Da hast du aber etwas Großes vor, Christina."
Cassy: Das kann zwar sein, aber in den letzten Jahren habe ich immer an das geglaubt, was Mama gesagt hatte und ich habe einfach das Gefühl, dass mehr dahinter steckt. Ich brauche endlich die Wahrheit, die mir keiner geben kann...

Nameless to YouWo Geschichten leben. Entdecke jetzt