Kapitel 31

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Alte Bilder aus den 90ern. Meine Eltern als Teenager, bevor es mich gegeben hat oder wo ich ganz klein war. Einige weniger Bilder zeigen meine Mutter als Kleinkind. Einige Briefe von Chris, die er ihr aus Frankreich geschickt hatte, aber dort schreibt er vor allem darüber, was er da getan hat. Und zuletzt schlage ich das Poesiealbum auf, wo einzig sie einige Einträge gemacht hat. Eines der wenigen Sachen, die von meiner Mama geblieben sind.

13.Februar 1996

Das neue Halbjahr hat angefangen und endlich bin ich in die AG geladen worden. Seit zwei Jahren versuche ich dort reinzukommen, aber jedes Mal sagten sie MIR, dass ich noch nicht den Anforderungen entspreche. Und dieses Jahr bin ich nur da, weil ihnen angeblich jemand gefehlt hätte, daher wurde ich gefragt. Sie wollten mich dort haben, nach dem letzten Konzert, wo ich mit dem Fachleiter aufgetreten bin, müssen sie es bemerkt haben.
Neben mir sind noch andere da. Viele, die mich nicht beachten, aber einer hatte in der ersten Stunde mir ein Kompliment gemacht, da die Strophe für ihn perfekt geklungen hat. Christian. Ein sehr dürrer, schmächtiger und recht kleiner Junge. Scheinbar ist er allein da, recht schüchtern und ich war die einzige, mit der er sprechen konnte.
Am Samstag hatten wir uns in Herford getroffen. Er hört gut zu, schweigt viel sagt zur richtigen Zeit die richtigen Dinge. Ich denke, dass er mir gefällt. Fabian war zu selbstgefällig, aber Christian ist formbar, zurückhaltend und stellt sich mir nicht in den Weg.
Heute sehen wir uns wieder nach der Schule. Für mich lässt er seine Tischtennisstunde ausfallen. Sollte das mit uns was werden, sollte er damit komplett aufhören. Für sowas soll er sich keine Zeit nehmen. Da könnte er noch jemanden anderes kennenlernen.
Er muss zu mir gehören.

Meine Mutter war nicht nur krankhaft narzisstisch, sondern auch einfach besitzergreifend und krank! Das ist ihre Schrift, die habe ich in meinem Leben schon oft genug gesehen, aber das, was sie da bitte schreibt, klingt so verstörend. Weil Chris ihr die Bestätigung gegeben hatte, die sie scheinbar brauchte, musste er bei ihr sein. Ich blättre einige Monate vor, weil ich einiges, was in der Beziehung zwischen meinen Eltern passiert ist, wirklich nicht im Detail erfahren muss und will.

29.Juni 1996

Dieser verdammte Wichser hat mein Leben ruiniert! Dieser 14-jährige Junge, der noch nie im Leben irgendwas mit irgendeiner Frau angefangen hat, hat mich geschwängert! Ich hasse ihn! Er ist an all dem schuld! Alles, was ich wollte, kann ich jetzt für immer vergessen! Mein Leben wurde von Christian erfolgreich zerstört!
Ich will keine Mutter werden! Ich wollte es niemals! Meine Eltern meinten, sie wären für mich da und würden das schon lieben, egal, was für Umstände es sind. Sie sollen es nicht lieben! Ich hasse es und werde es den Rest meines Lebens hassen! Es ruiniert einfach alles!
Vor dem Sommerferien wollen wir zu ihm nach Hause fahren. So wollen wir mit seinen Eltern sprechen und er wird es auch erfahren. Es ist mir egal, was er denkt, er hat mir das angetan und das wird er den Rest seines Lebens zu spüren bekommen.
Wenn er jetzt denkt, er könnte mich loswerden, falsch. Ich mach ihm durch die Rechnung einen fetten Strich. Ich werde Tag aus und Tag ein ihm die Tour versauen.

Warum hat Chris nie irgendwas gesagt? Wussten Michelle und Torsten von all den Dingen, die sie hier geschrieben hatte oder haben sie das auch so gut wie immer ignoriert? Ich hätte es getan. Denn alles, was hier steht, zeigt mir ein Bild von ihr, was ich niemals sehen wollte und niemals dachte, dass es wahr sein könnte. Warum hat sie uns alle so gehasst. Definitiv hat mein Vater nicht allein Schuld an all den Sachen, so viel habe ich in Biologie auch aufgepasst. Aber sie sah es so, Christina. Für sie waren die andern Schuld.

27. November 1996

Zwei verdammte Monate noch. Vor den Herbstferien war ich das letzte Mal in der Schule anwesend, jetzt erledige ich die Aufgaben zu Hause. Der einzige, der vorbeikommt, ist Christian. Aber der interessiert sich kaum mehr für mich, sondern einzig für seine Tochter. Immer wieder enden wir in irgendwelchen Diskussionen, die kein Ende finden werden. Er kann niemals das gut machen, was er zerstört hat.
Wenn ich am Nachmittag mal allein zu Hause war, hing ich viel vor dem PC. Ich will keine Mutter werden, aber für alle Anwendungen ist es mittlerweile schon viel zu spät. Aber irgendwelche Foren oder Berichte, wie andere Frauen es geschafft haben, brachten auch einige Vorschläge. Für die war es zwar, als sie von Angehörigen, gewalttätigen Ex-Freunden oder fremden vergewaltigt wurden, aber für meine Zwecke sollte es reichen. In was für einer besseren Situation wäre ich denn? Ich stehe auch dort.
Schlussendlich haben meine Eltern mir den Zugang dazu verboten. Eines Nachts mussten sie mit mir zusammen in die Notaufnahme fahren. Dieser scheiß Kleiderbügel...

Ich schlage die Seite um und würde am liebsten dieses Buch gegen eine der Wände schmeißen. Sie wollte dich umbringen! Sie wollte dich noch abtreiben, obwohl es schon viel zu spät dafür gewesen ist! Sie wollte dich tot sehen! Wenn ich dachte, Chris würde mich nicht lieben, zerstört das, was meine Mutter dort geschrieben hat, gerade alles. Ihre krankhafte Sicht auf die Dinge, die mir ein übles Gefühl verschaffen. Ich könnte mich übergeben, weil mich ihre Worte so anwidern, dass ich sie kaum lesen will.

12.Juli 2001

Christian hat sein Abi bestanden und ich habe meine Ausbildung abgeschlossen. Schon vor einigen Monaten hatten wir darüber gesprochen, wie es weitergehen soll. Er wollte, dass wir unsere Leben unabhängig voneinander leben. Aber diesen Gefallen tu ich ihm nicht. Wenn er das schon getan hat, soll er sich jetzt um mich und dieses Kind kümmern.
In zwei Monaten werden wir heiraten und nächsten Monat ziehen wir in die erste Wohnung. Er kann nicht mal einen ordentlichen Job annehmen. Scheiß Zivildienst. Er muss sich noch einen zweiten Job suchen, damit er sich und das Kind am Leben halten kann. Das, was ich verdiene, gehört auch mir. Ich wollte das hier nicht, das soll sein Problem sein. Nächstes Jahr soll er sich was ordentliches suchen und dieses dumme Spinnerei mit dem Zaubern lassen!
Jetzt ist das Kind vier Jahre alt. Christian hatte drum gebeten, dass wir sie in die Kita schicken sollte. Meine Unterstützung bekommt er nicht, darum hat er es nicht geschafft. Geschieht ihm recht so. Seine Eltern stehen immer hinter ihm, sind für das Balg da. Immerhin habe ich so am Tag die Ruhe vor ihr und Christian.
Er sollte niemals auf die Idee kommen, dass er mich verlassen kann. Sollte er das machen, dann nehme ich sie ihm weg. Das Glück, was er mir genommen hat, soll ihm jetzt auch verwehrt bleiben. Wenn ich leiden muss, dann auch er. Für den Rest seines Lebens, solange ich hier bin.

Und für die Zeit danach hat sie mich manipuliert. Sie hatte mir immer wieder gesagt, dass diese ganzen kranken Gedanken, die sie all die Jahre gesponnen hatte, die von Chris gewesen wären. Sie hat dich gehasst, ihr ganzes Leben. Sie hat dir den Tod gewünscht, hätte ihn dir beinahe gebracht. Und dann hat sie es so zerstört, dass wir eigentlich niemals wieder ein normales Leben hätten führen können. Sie hat es so angerichtet, dass Chris niemals wieder hätte glücklich werden können. Ich war eine schlechte Tochter, weil ich ihr blind vertraut habe. Weil ich dachte, dass sie das Beste für mich wollte. Was war ich dumm...

Nameless to YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt