Wo ist bitte meine Tochter hin? Was hat Cassy vor und warum muss sie das jetzt machen? Wer sollte ihr die Fragen beantworten, die sie hat, wenn ich mit der einzige bin, der das alles auch durchlebt hat und noch da bin? Was ist, wenn es gelogen war und sie hat gar nicht vor mehr wiederzukommen?
Letzteres würde selbst ich als unwahrscheinlich ansehen, weil hier alles ist, was ihr noch irgendwas bedeutet, auch wenn ich wohl nicht dazuzählen werde. Aber hier geht sie zur Schule, hier hat sie ihren besten Freund, hier ist ihr Verein. Irgendwas muss sie doch hier halten, wenn es denn nicht ich bin, dann eines dieser anderen Sachen. Und trotzdem ist sie von zu Hause abgehauen. Und das natürlich an dem Morgen, nachdem du ihr einmal einen Ansatz der Wahrheit gesagt hast. Vielleicht hätte ich doch einfach meine Klappe halten sollen. Ja, schweigen und aushalten hat ja auch SO unfassbar gut funktioniert. Stattdessen sitze ich jetzt aber hier und habe keinen Plan, wo sie bitte hin ist. Ich kann sie nicht mal suchen gehen, weil keine Ahnung wo sie bitte hin ist!
Endlich klingelt es an der Haustür. Nein, es wird nicht Cassy sein, wäre ein zu großer Zufall, aber ich brauchte jemanden, damit ich das hier durchstehen kann. Ich laufe dahin, schließe die Tür wieder auf und dahinter steht endlich mein Bruder, den ich vorhin gebeten habe, dass er bitte dringend kommen soll.
Andreas: Ich bin hier, was ist denn los?"
Zuerst lasse ich ihn erstmal rein, weil ich auch derartig schnell nicht das aussprechen kann und will, was heute morgen passiert ist. Hinter meinem Bruder schließe ich die Tür und gehe den Flur hinab, wobei ich mitbekomme, dass er mir nachläuft.
Andreas: Erde an Christian, was ist denn bitte passiert? Warum sollte ich jetzt unbedingt so schnell herkommen?"
Chris: Cassy ist verschwunden."
Ich drehe mich um, stehe meinem Bruder gegenüber und schaue ihn an. Dabei fällt es mir gerade besonders schwer die Fassung zu wahren und nicht komplett zusammenzubrechen oder durchzudrehen. Auch sein Blick verändert sich nach und nach, bis Andreas mich betroffen und zugbleich unverständlich ansieht.
Andreas: Wie, sie ist verschwunden?"
Chris: Ich wollte vorhin zu ihr rauf und mit ihr reden, aber sie war nicht da. Das einzige, was dort im Zimmer lag, war dieser dumme Zettel."
Ich zeige einzig auf den Küchentisch, weil ich dort den Block von Cassy abgelegt hatte. Andreas schaut dahin und geht darauf zu.
Andreas: Chris, mach dir bitte keine Sorgen. Ich weiß, dass die letzten Tage etwas viel gewesen sind, auch für mich. Ich muss das jetzt machen, damit ich alles etwas besser verstehen kann. Ich komme wieder, versprochen. Mir geht es gut, aber das muss sein."
Danke, den hätte er mir nicht nochmal vorlesen müssen. Während Andreas weiter vor dem Brief hängt, gehe ich ins Wohnzimmer und stelle mich vor das Fenster zum Garten hin. Wie bin ich denn bitte in dieser Situation gelandet? In den letzten Jahren lief es nicht gut im familiären Sinne, das weiß ich auch, aber dass es jetzt hier enden würde auf eine solche Weise. Ich will, dass alles wieder normal wird.
Die Schritte meiner Bruders nehme ich zwar wahr, aber ich ignoriere sie gekonnt. Nichts, was er sagen würde, könnte die Situation aufbessern. So oder so, sie ist weg und ich weiß nicht, wohin sie ist.
Andreas: Worüber habt ihr gesprochen gestern?"
Chris: Wir haben weniger gesprochen und mehr gestritten. Ich kann sie nicht verstehen und erst recht nicht, warum sie in der letzten Zeit so anders geworden ist. Sie ist einfach nicht mehr sie selbst."
Andreas: Aber vermutlich hatte sie das nicht eigesehen, bin ich richtig?"
Ich nicke. Immerhin hatte sie mir vorgehalten, ich könne das ja gar nicht wissen. Schön, dass das der Eindruck ist, den ich auf meine Tochter hinterlassen habe. Dass ich mich nicht interessiere und rein gar nichts über sie wissen würde.
Chris: Ich habe ihr wohl in den vergangenen Jahren das Gefühl gegeben, dass ich mich nicht für sie interessiere und daher rein gar nichts über sie weiß...als ich aber die Wahrheit gesagt habe, habe ich sie vielleicht etwas überfordert."
Andreas: Weil du in den letzten Jahren einfach immer wieder geschwiegen hattest. Sprich, oder dein Schweigen wird als Antwort angenommen."
Chris: Wenn sie aber immer wieder den Abstand zu mir angenommen hatte? Sie wollte es doch nicht und ich habe irgendwann die Kraft verloren."
Ich weiß, dass ich etwas hätte tun sollen und dass ich hätte reden können. Aber wenn Cassy immer auf Distanz und Blockade geht, gibt man irgendwann zwangsmäßig auf. Weil es irgendwann keinen Sinn mehr hat. Vielleicht habe ich es dadurch aber auch einfach nur immer und immer schlimmer gemacht. Das, was ich versucht hatte abzuwenden, ist dadurch gerade erst eingetreten. König Ödipus in moderner, familienfreundlicher und nicht ganz so makaberen Version.
Andreas entfernt sich wieder einige Schritte von mir, bevor er zum Stehen kommt. Einen Moment bleibe ich ungerührt stehen, bevor ich mich doch zu ihm wende.
Andreas: Auch wenn es dir gerade sehr schwer fällt, was ich verstehen kann Bruder, gib ihr vielleicht den Freiraum, den sie gerade braucht. Den Moment, wo sie für sich ist und ihr Leben überdenken kann."
Chris: Leichter gesagt, als es am Ende getan ist. Andreas, ich habe keine Ahnung, wo sie sich gerade rumtreibt und ob es ihr wirklich gut geht."
Andreas: Ich weiß...aber die Wahrheit von dir zu hören, ist das gleiche, wie die Lüge von Sarah. Ihr habt einander immer zugesprochen zu lügen und wem sollte sie glauben? Sie muss einen Weg finden ihr eigene Wahrnehmung verstehen zu können und sich ein eigenes Bild machen."
Ich seufze und lasse meinen Kopf in den Nacken fallen. Wenn das alles so leicht wäre, würde ich es auch einfach so machen. WENN es denn so leicht wäre.
Chris: Ich hasse es, dass du manchmal einfach recht hast."
Ich will hier raus und ich will, dass alles irgendwie wieder normal werden würde. Wenn normal aber bedeutet, dass es einfach so wie zuvor weitergeht? Ich will meine Tochter wiederhaben, aber so, dass diese ständige Distanz, das andauernde Ignorieren und das bedrückende Schweigen, endlich ein Ende finden würden. Was immer auch ist, wo immer du dich befindest, Christina, komm bitte wieder nach Hause. Komm bitte wieder zurück zu mit, damit es wieder wie früher werden kann...
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Nameless to You
Fanfiction»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...
