Die harte Wahrheit des Lebens holte mich zu schnell ein, aber ich versuche mir mein dreckiges Leben gut zu reden. Keiner lebt ein perfektes Leben. Keiner hat eine perfekte Familie. Immer ist irgendwas, aber warum bei mir alles abgeladen werden musste, was es so in der Auswahl gab, verstehe ich auch nicht. Ich lebe damit, was anderes bleibt mir kaum übrig, wenn ich es weiterhin führen will.
Ein Donnerstagabend, wie ich ihn schon oft genug erlebt hatte. Ich sitze mit meinen paar Freunden, es sind vier, um genau zu sein, am Kiesteich in Herford und das nur, weil ich morgen erst zur dritten Stunde in der Schule sein muss. Nur eine Doppelstunde Musik und dann habe ich endlich Wochenende. Gerade gehe ich in die 13. Klasse des Gymnasiums und habe zum Sommer dann endlich den Abschluss. Da gerade aber erst Mitte November ist, verliere ich nicht sonderlich viele Gedanken daran. Teile meiner Freunde gehen in meine Schule, zwei davon sind schon ein paar Jahre älter. Man lernt sich irgendwie schon kennen, wenn man in den richtigen oder falschen Kreisen ist. Und dieses Treffen hier ist einer der wenigen Momente, wo ich unter Menschen gehe.
Wie gesagt, wir sind nur vier Leute. Neben mir sitzt mein bester Freund Bolin. Gleiches alter, gleicher Jahrgang, viele gleiche Kurse, wobei er ein echter Streber in Mathematik und Physik ist. Spielt Gitarre in einer Band, versucht aber nach der Schule Lehramt zu studieren. Er wird das schaffen, da bin ich mir sehr sicher. Der, der ihm gerade einen wütenden Blick zuwirft, da Bolin wieder darauf verzichtet was zu trinken, ist Nate. Anfang zwanzig, arbeitet in Herford bei einen Club als Türsteher und danach sieht er auch aus. Die beiden konnten sich noch nie ausstehen und Bolin ist nur meinetwegen hier. Er würde mich hier nie allein hingehen lassen, da er den anderen nicht vertraut. Keine Ahnung warum, aber ich konnte ihm das nie ausreden. Die Frau, die bei Nate hängt, ist Maddie. Studiert im fünften Semester Psychologie in Bielefeld und ist die feste Freundin von Nate. Eigentlich ganz nett, aber ich habe nicht viel mit der zu tun. Eigentlich passen die beiden auch gar nicht zusammen, da Maddie so anders ist als Nate. Sie hat Pläne, eine Zukunft, ist Zielstrebig und Nate...lebt von einen in den anderen Tag. Und zuletzt sitzt da noch Velory, meine geliebte Freundin. Es ist bei meinen Freunden und in der Schule kein Geheimnis, dass ich lesbisch und sie pansexuell ist. Ein Jahr sind wir etwa zusammen, sie kommt aus schweren und ärmlichen Verhältnissen, aber das war mir immer egal, ich liebe sie komplett, wie sie ist.
Wäre dort nicht Nate, der mit ihr immer wieder Blicke austauscht. Zuerst will ich nichts dazu sagen, ignoriere es so gut, wie es eben geht, aber irgendwann wird es zu viel.
Cassy: Hör auf mit meiner Freundin zu flirten, Nate."
Nate: Wir machen nur Späße, Cassy. Außerdem habe ich meine Maddie doch neben mir sitzen."
Provokant legt er einen Arm um sie, damit er mir nochmal zeigen könnte, dass das seine Freundin ist und dass er nichts von Velory will. Ich kann sie einfach nicht verlieren.
Velory: Das ist nur zum Spaß, vertrau mir bitte."
Sie greift vorsichtig nach meiner Hand und bringt mich dazu, dass ich einen Moment zu ihr schauen muss. Velory lächelt dabei schwach, legt ihren Kopf etwas zur Seite, versucht mich zu beruhigen, was ihr nur stückweise gelingt.
Cassy: Du weißt, dass ich dort immer schon empfindlich war."
Velory: Ja, aber du wirst auch älter, Cassy. Du solltest langsam mal erwachsen werden und diese Eifersucht oder Angst ablegen."
Bolin zieht neben mir erschrocken die Luft ein und versucht es im gleichen Moment wieder zu überspielen. Bolin kenne ich, seitdem ich sechs Jahre alt bin. Er ist mein bester Freund seit der Grundschule und kennt mich besser als einer von denen hier. Die habe ich erst durch Velory kennengelernt. Ich solle bitte erwachsen werden und die Angst ablegen. Velory lässt meine Hand los, da Nate irgendeinen Witz gerissen hat und meine beiden Hände verkrampfen sich nach und nach auf meinen Beinen, da ich sie dort abgelegt hatte. Ich versuche durchzuatmen, mich nicht in den Gedanken zu verlieren und nicht hysterisch zu werden. Da mich gerade jeder ignoriert, etwas leichter, aber dadurch kann man immer perfekt in den eigenen Gedanken versinken, die man gar nicht brauchen kann. Ich kann nicht vergessen. Ich kann nicht vergeben. Ich kann nichts.
Von der Seite greift Bolin nach meiner Hand und reißt meine Aufmerksamkeit zu sich. Er sagt nichts. Spricht kein Wort zu mir, sondern schaut mich einfach nur an. In den Jahren haben wir nonverbale Gesten entwickelt, wobei es eher daran liegt, dass er immer das gleiche macht, wenn ich so bin. Übertrieben fängt er an zu atmen und fordert mich auf, dass ich es auch mache. Danach geht er mit seinen beiden Händen über meine beiden, damit ich sie locker halte. Und in dieser Zeit gehe ich immer wieder die gleichen Sätze in meinen Kopf durch. Sie kennen dich nicht, müssen es nicht verstehen. Du bist genug, wirst geliebt und wirst gesehen. Du kannst nichts dafür. Danach schaue ich auf, nicke einen Moment, damit auch Bolin weiß, dass alles wieder in Ordnung ist und damit er sich wieder normal zu mich setzen kann.
Ich hingegen stehe einfach auf und schaue zu Bolin hin, der versteht, dass ich gehen will. Er macht es mir nach und so schauen die anderen auch zu uns.
Nate: Ihr wollt gehen?"
Cassy: Morgen haben wir Schule. Ich habe nur meinen LK und will noch etwas schlafen. Außerdem muss ich Stitch noch was zum Fressen geben."
Velory: Sehen wir uns am Sonntag?"
Ich beiße meine Lippen aufeinander. Für die anderen nicht sichtbar legt Bolin eine Hand auf meinen Rücken, gibt mit etwas Halt.
Cassy: Habe da was vor, sorry."
Bolin schnappt sich seine Sachen und gibt mir auch mein Handy, wobei ich sehe, dass mir eine Nachricht angezeigt wird.
Cassy: Ihr müsst mir nichts wiedergeben. Geht heute auf mich."
Ich will einfach nur so schnell wie möglich von hier weg. Dass ich den Alkohol gekauft hatte, ist mir dann auch egal. Sollen sie glücklich sein, ich trinke nicht und will auch nichts. Ist immerhin nicht mein eigenes Geld.
Auf dem Weg zu Bolins Auto checke ich die Nachricht auf WhatsApp, wobei ich mir diese durchlese und danach genervt stöhnen muss.
Chris: Du hattest dich heute nicht gemeldet, Cassy.
Cassy: Ich war heute beim Training und dann bei meinen Freunden, solltest du wissen.
Cassy: Ich bin nicht das erste Mal allein zu Hause. Ich kann auf mich aufpassen.
Ich stecke das Handy weg, als wir beide beim Auto ankommen und atme nochmals genervt aus. Bolins Blick löchert mich, da er so stumm nachfragt, was los war.
Cassy: Er wollte nur wissen, ob alles okay ist. Als könnte ich nicht auf mich aufpassen."
Bolin: Sei doch froh, dass er fragt."
Cassy: Vorher war es ihm doch auch egal. Jetzt muss er sich die Mühe auch nicht machen, es ist sowieso alles schon zerstört, was kaputt gehen konnte...
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Nameless to You
Fanfiction»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...
