Den Bethmannpark erreicht man mit einer S-Bahn vom Stadion aus, die etwa alle 40 Minuten fährt. Die Verspätung der Deutschen Bahn einfach mal mit eingerechnet, sind es eben nur etwa alle 40 Minuten. Gestern bin ich hier gelandet, da ich etwas Auszeit von der Stadt brauchte und heute bin ich hier, weil ich Sina den Park zeigen wollte. Und dennoch kommt wieder die Frage auf, wie ich hier bitte gelandet bin?
Sina überlegt einen Moment, hat ihren Kopf daher etwas zur Seite gelegt und denkt über ihren nächsten Zug nach. Könnte sie dabei bitte nicht so aussehen, als wäre sie die Protagonisten aus einen meiner Romane? In der einen Stunde, wo ich bei meinem Vater saß und vielleicht nochmal nachgefragt hatte, ob er mir eine Jeansjacke leihen könnte, die kein Vermögen gekostet hat, hat Sina sich scheinbar komplett fertig gemacht. Meine Haare habe ich irgendwie zusammengebunden, damit sie nicht im Weg hängen und bei ihren offenen Haaren kommt der Wind gefühlt immer perfekt. Mein verdammtes Leben will mich doch verarschen, oder? Endlich geht sie die paar Schritte nach vorne aufs Spielfeld und bewegt ihren Bauer.
Sina: Schach."
Ich hingegen brauche gar nicht lange, bis ich weiß, was ich machen muss, da ich gehofft hatte, dass sie genau das macht. Meinen letzten Springe nehme ich in die Hand, schlage damit ihren Bauern und setze den auf dem Feld ab.
Christina: Schachmatt."
Ihr Blick ist unbezahlbar und bringt mich zwangsmäßig zum Lachen. Sie hingegen versucht sich ihres zu verkneifen, bevor sie auf beleidigt tut.
Sina: Ich hasse Schach so dermaßen."An einigen Wegen waren hier Schachfelder mit großen Figuren. Das stumpfe Rumlaufen wurde mir irgendwann zu nervig und da ich gerne spiele, hatte ich sie gefragt. Vermutlich hatte sie meinetwegen sich drauf eingelassen, weil ich es wollte. Nach der jetzigen Partie habe ich auch wieder etwas mehr Lust auf den Tag, aber Sina kommt mir zuvor.
An der Seite sind zwei Bänke, wobei beide gerade frei sind. Sie setzt sich zuerst hin und zeigt mir, dass ich es ihr nachmachen soll. Innerlich atme ich durch und ringe mich dazu, dass ich mich setze. Vorher, während des Spieles, haben wir miteinander gesprochen und jetzt schweigen wir wieder. Vielleicht schweigt sie aber auch, weil ich kein Wort mehr von mir gebe. Mit meinen Füßen wippe ich hin und her und schaue mich total auffällig im Park um.
Sina: Ich würde sagen, dass wir bald wieder zurück sollten, oder?
Christina: Gut."
Ich will mir nichts anmerken lassen. Dass ich auf der einen Seite nicht gehen will und dass ich zugleich von ihr loskommen muss. Innerlich weiß ich aber zugleich, dass ich grottenschlecht im Lügen bin. Da komme ich wieder nach Papa.
Sina: Willst du was trinken? Ich hatte vorhin noch etwas eingepackt."
Christina: Passt schon."
Ich weiß nicht, ob Sina mich anschaut, da ich meinen Blick noch immer durch den Park schweifen lasse. Ich sehe Vögel, andere Passanten, die seltenen Pflanzen...
Sina: Habe ich was getan?"
Christina: Was?"
Irgendwie durchlebe ich gerade ein Déjà-vu. Papa und ich hatten damals die gleiche Unterhaltung, als das mit Karina in einer Katastrophe geendet ist.
Christina: Warum denkst du das?"
Sina: Weil du genervt bist. Sehr sogar und das vor allem mir gegenüber. Mich immer meidest und einmal mit mir redest und dann wieder weg willst."Es war doch einfach nur eine verdammte Frage der Zeit, richtig? Ich kaue auf meiner Lippe herum und würde innerlich gerade sehr gerne mir eine Ohrfeige verpassen. Jetzt sitze ich wieder in einer Sackgasse und habe kaum eine andere Wahl. Du bist es ihr aber auch schuldig, die Wahrheit zu sagen, da es ihr gegenüber einfach nicht fair wäre.
Christina: Es klingt dumm, aber ich will so gar nicht zu dir sein. Nur ich habe Angst, dass immer wieder genau das gleiche passiert."
Ich gestikuliere irgendwie herum, weil ich mich aufrege. Nicht über das, was Sina macht, wie sie handelt oder mit mir umgeht. Sondern über die Art, wie ich gerade nicht damit umgehen kann.
Christina: Das letzte Mal wurde ich genutzt, um ein Ziel zu erreichen, deswegen wollte ich mich einfach auf mein Leben und meinen Vater konzentrieren. Ich wollte einfach mal etwas Struktur darein bekommen. Und dann kamst du um die Ecke."
Keinen Augenblick traue ich mich in ihre Richtung zu sehen. Es wäre verständlich, würde sie gleich einfach aufstehen und gehen. Ich hätte es verdient.
Christina: Ich will nicht wieder verletzt werden und zugleich sitze ich jetzt hier und merke, dass ich das nicht hinbekomme, weil ich dich dafür wohl etwas zu sehr mag. Und dabei wollte ich mich nicht wieder irgendwie verlieben, weil es wieder komplett aussichtslos ist!"Sie küsst mich! Ich hatte nur für einen Moment in ihre Richtung geschaut, weil mir es so vorkam, als würde ich sie ignorieren. Aber scheinbar hat Sina genau den Moment ausgenutzt, damit sie zumindest erstmal eine Hand an meinen Kopf legen und mich dann küssen kann. Was danach war, habe ich so mehr oder weniger mitbekommen. Nachdem ich nämlich begriffen habe, was passiert, habe ich meine Augen geschlossen und versucht meine innere Christina vom Freudenschrei abzuhalten.
Vorsichtig bringt sie zwischen uns wieder etwas Abstand, wobei ich sie danach stumm anschaue und kein Wort über die Lippen bekomme. Ich...sie...wir haben uns...
Sina: Ich habe dich noch nie sprachlos gesehen."
Wo ich ansonsten fast immer einen Spruch zu sagen habe, wurde mein Gehirn auf Werkseinstellungen zurückgesetzt und fährt gerade wieder rauf.
Sina: Ich wusste nicht mehr, was ich noch tun soll und wie offensichtlich ich es noch machen könnte. Ich habe versucht dir immer den Kaffee zu bringen, habe mir die Sache mit den Erdbeeren gemerkt für Bremen, dich dazu motiviert bei deiner Familie anzufangen, wenn es dein Traum sein würde und habe alles getan, damit du mich beachtest und nicht hassen würdest."
Oh mein Gott, Christina! Du bist ein so verdammter Vollidiot!
Sina: Ich hatte gehofft, dass du es irgendwann mal merken würdest, da ich Angst hatte, es dir zu sagen. Liegt vielleicht auch an deinen Vater, aber du hast mir auch immer wieder das Gefühl gegeben, dass ich es einfach lassen sollte. Tut mir leid, sollte ich jetzt übergriffig gehandelt haben ich..."Jetzt schweigen wir beide und ich würde mich gerne wiederholen: Du bist ein so verdammter Vollidiot! Den Blick lässt Sina auf ihre Tasche schweifen, weil sie mich jetzt vermutlich wirklich verlassen will. Bevor sie weiter darüber nachdenken kann, lege ich vorsichtig meine Hand auf ihre, damit sie danach greifen kann.
Christina: Ich habe es nicht gemerkt, weil...ich wollte es vielleicht aktiv ignorieren und mich schützen. Es tut mir leid...Neuanfang?"
Sina muss etwas verlegen lachen, wobei mein peinlich berührtes Lächeln mithalten kann. Danach allerdings schaut sie auf unsere Hände und lächelt ein wenig. Dieses Mal glücklich.
Sina: Durch die Bonbons in Bremen bist du mir ja noch was schuldig. Es ist ja nie zu spät für einen dritten ersten Eindruck...
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Nameless to You
Fiksi Penggemar»Es heißt immer, dass alles im Leben einen bestimmten Grund hat, aber manchmal würde ich diesen nur zu gerne wissen!« Ein anfangs normaler Herbsttag im November zerstört in diesem Fall eine gesamte Familie und keine erbrachte Mühe scheint das Ausmaß...