♦ Emily ♦
Er fixiert mich. Starrt mich mit einer Intensität an, die meinen ganzen Körper in eine Art Schockzustand bringt. Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann kaum atmen. Auf den ersten Blick ist er attraktiv, gutaussehend. Ein Mann, nachdem man sich aufgrund seines Auftretens auf der Straße umdrehen würde. Schätzungsweise ist er mitte, ende zwanzig. Seine Statur ist stattlich, er ist mindestens eins neunzig und er strahlt eine natürliche Dominanz aus, die mich klein werden lässt. Er hat ein markantes Gesicht, kantige Züge und einen Dreitagebart, der ebenso dunkelbraun ist, wie die Haare auf seinem Schopf. Doch die Augen bilden den Mittelpunkt seines Charmes. Diese stechenden, fesselnden eisblauen Augen. Doch wenn man ihn länger betrachtet, wenn man länger in diese Augen sieht, erkennt man, dass er etwas Gefährliches an sich hat. Unberechenbar. Unnahbar wirkt er.
Dunkel.
Das blitzende Blau wirkt bedrohlich, je länger es einen anstarrt. Ich fröstele und es kommt mir alles wie in Zeitlupe vor. Wie Stunden. Doch es können höchstens ein paar Sekunden vergangen sein, in denen er mich so ansieht.
Er tritt einen Schritt in den Raum hinein, seine Augen leuchten unter der Glut seiner Zigarette, von der er einen weiteren tiefen Zug nimmt. Der Rauch dringt durch seine Lippen, verteilt sich in der stickigen Luft. Hinter ihm taucht noch ein Mann auf. Er kann nicht viel älter sein als ich, ist ein wenig kleiner als der andere Typ und vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber er guckt mich kurz mitleidig an, bevor er den Boden anvisiert.
„Sir." der Narbenmann geht einen weiteren Meter von mir weg und ich beobachte schwer atmend die Szene vor mir. „Wir haben sie in Araucaria aufgetrieben. Sie hat uns verfolgt. Wahrscheinlich ist sie von Santos geschickt worden." Er wirkt angespannt. Seine Finger haben sich in seine Hosentaschen geschoben, seine Schultern sind straff. Es wirkt fast, als wäre er gerade zum Appell gerufen worden. Fast sogar ein bisschen eingeschüchtert. Der Kerl im Anzug verzieht seine Lippen zu einem angedeuteten Grinsen und er wendet seinen Blick wieder auf mich. Fesselt mich erneut mit diesem tiefen Blau, das mir durch Mark und Bein geht.
Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mit meinen vorherigen Zimmerkumpanen gar keine so schlechte Wahl hatte. Er wirkt abgebrühter. Weshalb, kann ich noch nicht einmal sagen. „So, so und wie kommen wir darauf?", fragt er ruhig, melodisch und geht einen Schritt auf den Narbenmann zu. Erst jetzt fällt mir sein Akzent auf. Schon sein Aussehen verdeutlicht, dass er keinesfalls Kolumbianer ist. Doch ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass er Brite sein müsste. Ein Landsmann. Und auch wenn alle Zeichen dagegen sprechen, flammt dadurch wieder ein Funke Hoffnung in mir auf. Er macht eine beherrschte Kopfbewegung und ich schreie erschrocken auf, als mich der Dicke von hinten an der Kehle packt und vom Tisch zerrt. Mir bleibt die Luft weg und ich japse, als ich auf einem der Stühle zum Sitzen komme und er von meinem Hals ablässt. Der Brite verfolgt alles akkurat mit seinen Augen.
Zischend funkele ich ihn an, als meine sowieso schon bewegungsunfähigen Hände zusätzlich mit einem Seil an das Stuhlbein gefesselt werden und ich spüre schon wieder, wie Tränen meine Wangen hinablaufen. Mir graut es vor jeder weiteren Sekunde in diesem Loch hier drinnen und ich glaube, dass die angedrohte Vergewaltigung nur der Anfang vom Ende war. Der Anfang von unerträglichen Qualen.
„Wie gesagt, Sir. Sie hat uns belauscht und verfolgt", erwidert der Narbenmann und ich will protestieren, will ihnen sagen, dass sie total auf dem Holzweg sind.
Ich mache verdammt nochmal Urlaub hier!
Ich weiß doch nicht mal, wer die sind. Oder wo ich hier reingeraten bin. Doch der Blick zu dem Typen im Anzug lässt mich die Klappe halten. Er taxiert mich. Ununterbrochen. Seitdem er den Raum betreten hat. Langsam, in einer fließenden Bewegung, streift er sich das Jackett ab, reicht es dem Jungen hinter sich, dessen Blick nur ganz kurz zu mir huscht. Dann wieder auf den kahlen Boden. Der Brite krempelt sauber die Ärmel seines Hemds auf, die starke Unterarme enthüllen und mir beweisen, dass er wirklich sehr muskulös zu sein scheint.
DU LIEST GERADE
Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
