♦ Emily ♦
Ich schreie. Ein Ruck geht durch meinen Körper und das Zittern meiner Muskeln setzt schon wieder ein, während ich gegen die Dunkelheit blinzele und mich, soweit es mir möglich ist, näher an die Wand hinter mir drücke. Schwere Schritte hallen über den knarzenden Boden, lauter, männlicher Atem stört die Stille. Ein Wimmern dringt über meine Lippen, das ich nicht zurückhalten kann.
Ich musste eingeschlafen sein. Der Schlafmangel, die Trauer, die Tränen, mussten irgendwann ihr Tribut gefordert haben und mich trotz meiner prekären Lage eindösen lassen. Der Knall von der Tür ließ mich aus meinem unruhigen Schlaf schrecken und die Angst kehrte mit einem erbarmungslosen Schlag zurück.
Porzellan klirrt, die Schritte verstummen, Leder knirscht und ich zucke zusammen, als etwas meine Füße berührt. „Iss", bellt eine dunkle Stimme mit starkem Akzent. Leder knirscht, die Schritte setzen wieder ein, entfernen sich von mir und erneut wimmere ich, als die Tür ins Schloss fällt. Ruhe. Nur noch mein eigener Atem ist zu hören und ich lausche angestrengt in die Stille hinein. Als ob es mir irgendetwas brächte, verharre ich bewegungslos, will sicher gehen, dass ich nun wirklich alleine bin.
Der schwarze, tränendurchtränkte Stoff der Augenbinde klebt noch immer an meiner Haut und ich versuche ein weiteres Mal wie wild zu blinzeln, in der Hoffnung, ich könnte die Binde mit meinen Wimpern verschieben. Es nützt nichts. Sie ist so stramm um meinen Kopf gebunden, dass ich schon seit Stunden Kopfschmerzen davon habe. Seit Stunden starre ich in absolute Dunkelheit. Seit Stunden sind meine Arme auf den Rücken gebunden. Seit Stunden sitze ich in einem mir unbekannten Raum und warte auf mein Schicksal.
Dieses Déjà-Vu bringt mich beinahe zum Lachen. Ben und Santos haben ihre Folter- und Einschüchterungsmethoden eindeutig bei dem gleichen Mann gelernt. Vielleicht gibt es auch einen Ratgeber, Wie breche ich wehrlose Mädchen, der für düstere Drogenbarone geschrieben wurde, was weiß ich schon? Alles, was ich mit äußerste Gewissheit sagen kann, ist, dass ich ganz tief in der Scheiße stecke.
Nachdem Diego fortgebracht wurde, hatte es nicht lange gedauert, bis mir dieses lästige Schwarz um die Augen gebunden und ich in ein Auto geschleift wurde. Am Anfang hatte ich noch versucht die Minuten zu zählen um abschätzen zu können, wie weit wir uns entfernten, doch mit der Zeit hatte die Panik wieder Besitz von mir ergriffen. Ich bin wohl doch noch nicht so eiskalt abgebrüht, wie ich es gerne von mir hätte. In mir steckt kein Actionstar, der in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahren kann. Von Santos habe ich seit seiner Offenbarung auch nichts mehr gehört, was mich irgendwie beunruhigt. Ich schätze ihn so ein, dass sein perfider Plan bis ins letzte Detail durchgeplant ist. Was auch immer das für mich bedeutet.
Ein leichter Duft von Käse dringt in meine Nase und ich taste mit den Zehen den kühlen Porzellantellerrand ab, auf dem sich anscheinend etwas Essbares befindet. Es entlockt mir beinahe ein Lachen, dass mir mit auf den Rücken gefesselten Händen ein Teller vor die Nase gestellt wird. Mal davon abgesehen, dass ich sowieso keinerlei Appetit verspüre - mein Magen ist zu einem einzigen nervösen Klumpen geformt. Schade ist nur, dass ich meine Hände nicht dazu gebrauchen kann, das Geschirr zu einer Waffe umzufunktionieren. Ich könnte durchaus einen kleinen Funken Hoffnung vertragen, der mir vorgaukelt, aus dieser heiklen Situation lebend herauszukommen.
Seufzend lasse ich meinen Kopf gegen die Wand hinter mir sinken, schiebe den Teller mit den Füßen beiseite und horche in die Stille hinein. Weit entfernt vernehme ich dumpf klingende Stimmen und beinahe hört es sich so an, als würde in einigen Kilometern Entfernung Verkehrslärm durch die dicken Mauern dringen. Innerlich mache ich mir eine Notiz, dass dies durchaus als Hoffnungsschimmer verbucht werden kann. Wenn ich mich nicht täusche und es schaffe zu fliehen, wäre es nicht unmöglich Hilfe zu bekommen.
Die Stimmen werden lauter und ich spanne sämtliche Muskeln in meinem Körper an, richte mich auf, versuche nicht durchzudrehen. Ein Schloss knackt und kurz darauf wird die Tür erneut nach innen aufgestoßen. Bevor meine Synapsen auf Angriff eingestellt sind, werde ich am Arm gepackt und nach oben gezerrt. Schwielige, raue Finger schließen sich um meinen Ellenbogen und schleifen mich hinter sich her. Im Vorbeigehen schnappe ich einige nichtssagende spanische Brocken von mehreren Männern auf, die nicht unter meinem hektischen Atem verklingen. Eine weitere Tür wird geöffnet und ein starker Stoß in meinem Rücken lässt mich keuchend zu Boden gehen, ehe es wieder ruhig wird, nachdem schweres Holz in einem Schloss einrastet.
Ich wage es nicht mich zu rühren, wage es nicht aufzustehen. Es ist beängstigend nichts sehen zu können und trotz der Augenbinde kneife ich meine Lider fest zusammen, wie ein kleines Kind, das glaubt, so nicht entdeckt zu werden. Als würde ich mich geistig von diesem Ort wegbeamen. Doch die Ernüchterung kommt schnell. Das Klackern von Schuhen auf einem Holzboden verdeutlicht mir, dass ich nicht alleine bin und ich schreie stumm auf, als ich Finger auf meinem Hinterkopf spüren kann. Mit einem Ruck, bei dem mir einige Haare ausgerissen werden, wird mir die Augenbinde vom Kopf gezogen und ich muss gegen die plötzliche Helligkeit anblinzeln. Meine Augen schmerzen und automatisch purzeln einige Tränen über meine Wange hinab.
„Ich entschuldige mich aufrichtig dafür, dass wir uns in keiner Unterkunft befinden, die besseren Service bietet." Santos Worte klingen nicht so ironisch, wie sein seelenloses Grinsen aussieht. Sein Akzent ist hart, viel ausgeprägter als der von Ben und auch seine Grammatik lässt ein wenig zu wünschen übrig. Er blinzelt mich von oben herab an, streckt seine Hand aus und streicht mir ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren, ehe ich zurückweichen kann. „Irgendwie", er seufzt, geht vor mir in die Hocke und wischt mit seinem Daumen meine Tränen davon, „kann ich ihn sogar verstehen." Seine kryptischen Worte hängen in der Luft und wahrscheinlich kann ich froh sein, dass er sich aufrichtet, bevor ich ihm ins Gesicht spucken kann. Irgendwie glaube ich, dass ich das schwer bereuen müsste.
Zwinkernd holt er sein Handy hervor und das typische Knipsen der Kamera verrät mir, dass er ein Bild von mir gemacht hat. Ohne mich weiter zu beachten, dreht er sich herum, setzt sich an den langen Tisch vor einem Bodentiefen Fenster und starrt auf seinen Bildschirm. Ich nutze die Zeit, um mich ein wenig umzusehen. Die Decken in dem Raum sind hoch, mottenzerfressene Gardienen behängen die vielen Fenster und der Boden ist aus dunklem Parkett. Hier sieht es aus, als wären wir in einem verlassenen Herrenhaus gestrandet. Die Luft ist alt und stickig, Schimmelflecken zeichnen sich unter der Tapete ab. Leider kann ich draußen nicht viel erkennen, außer, dass es dunkel ist und regnet.
Ein schrilles Klingeln hallt durch die Stille und ich höre Santos etwas in sich hineinbrummeln, ehe er anfängt zu strahlen und mir einen kurzen Blick zuwirft, den ich nicht im Geringsten deuten kann. Ich habe mich noch immer nicht bewegt. Noch immer laufen stumme Tränen. Auch wenn es mich stört, dass er meine Schwäche sehen kann, kann ich sie nicht stoppen.
„Das ging ja schnell", begrüßt Santos den Anrufer und lehnt sich in dem klapprigen Holzstuhl zurück, als würde ihm die Welt gehören. So, wie man es immer in den Hollywoodstreifen über reiche Imperialisten sieht, die es sich hinter ihrem gigantischen Schreibtisch in ihrem gigantischen Ledersessel gemütlich machen. Ein knacken in der Leitung ertönt und die Stimme, die ich daraufhin deutlich hören kann, erschüttert mich bis ins Mark.
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Hey ihr hübschen!
Ich habe hier nach ewiger Zeit ein kleines Zwischenkapitel gebastelt. Vermutlich könnt ihr euch alle denken, wer der Anrufer ist, oder? Was denkt ihr, wird passieren? Um was geht es bei dem Gespräch?
Keine Sorge. Das nächste Kapitel wird Actionreich x)
Liebe Grüße an euch alle
Eure Lary<3
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
