♦ Emily ♦
Der Schnee knirscht unter meinen Füßen und bereits nach wenigen Metern prickeln meine Wangen von der eisigen Kälte, doch ich laufe weiter. Ziellos. Flüchtend. Ich will nur weg, brauche nur Luft zum Atmen. Brauche nur etwas Zeit um meine Gedanken zu ordnen.
Schneeflocken benetzen meine Nasenspitze und ich ziehe die Jacke noch enger um mich, schütze meine Hände in den Taschen, die ich bereits jetzt nicht mehr spüre. Um mich herum nehme ich nichts wahr. Alles worauf ich mich konzentriere, ist einen Fuß nach den anderen zu setzen. Es tut so verdammt weh, dass ich nur noch diesen pochenden Schmerz in meiner Brust spüren kann.
Emily McMillen ist tot.
Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht hat er mir mit seinen Worten jeglichen Rest meiner selbst geraubt. Ben hat mir den Glauben genommen, die Hoffnung. Ich war so dämlich zu glauben, dass dieser Eisklotz von Mann tatsächlich etwas für mich empfinden könnte. Dass er sich tatsächlich für mich ändern könnte. Fast muss ich ein Lachen unterdrücken, wenn ich darüber nachdenke, wie naiv ich doch gewesen war.
Außer Atem bleibe ich stehen, als sich der Belag unter meinen Füßen verändert. Verwirrt blicke ich die Straße nach links und dann nach rechts. Einige hundert Meter weiter blinken Leuchtreklamen durch die dichten Schneeflocken hindurch und mein Herz macht einen Hüpfer. Aufgeregt halte ich auf die Lichter zu, die mich näher an die Zivilisation bringen, als ich die letzten Monate nur ansatzweise war.
Meine Tränen sind versiegt, es sind keine mehr übrig und meine Knie schlottern, als ich direkt vor dem kleinen Diner stehen bleibe. Ob vor Erleichterung oder Kälte kann ich nicht sagen. Ehe ich es mir anders überlegen kann, schließen sich meine Hände um den Türgriff und ich trete über die Schwelle. Der Duft von Kaffee und Frittiertem steigt mir in die Nase, meine Fingerspitzen prickeln. Genau so stellt man sich ein kanadisches Diner vor. Rote Sitzbänke und silberne Plastikstühle umgeben die Tische und alte Straßenschilder sowie Pin-up-Girls zieren die Wände. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gerade einmal 4 Uhr morgens ist. Nur zwei weitere Männer sitzen an den Tischen, die vermutlich zu den Trucks an der Tankstelle nebenan gehören.
Mir wird klar, dass ich weder Kleingeld dabei habe, noch sonst ein Zahlmittel und ich will mich gerade wieder umdrehen, als eine freundliche, mütterliche Stimme mich aufhält. „Schätzchen, du siehst ja völlig durchgefroren aus!" Eine Dame Mitte Fünfzig erscheint in meinem Blickfeld. In den Händen hält sie eine Kaffeekanne und die verblichene Uniform spannt um ihren großen Busen. Ihre Augen strahlen Wärme und Herzlichkeit aus. „Wo kommst du denn um diese Uhrzeit her?", fragt sie und legt den Kopf schief, während ich sie wahrscheinlich anstarre wie eine Verrückte, die aus der Klapse geflohen ist – was ja irgendwie auch stimmt. Es wäre so einfach ihr zu sagen was geschehen ist. Ich müsste nur meinen Mund aufmachen und sie würde vermutlich die Polizei rufen. Und ich könnte nach Hause.
Doch meine Lippen sind wie festgekleistert.
Was, wenn Ben hier in wenigen Sekunden hereinspaziert und diese unschuldigen Menschen abschlachtet? Was, wenn mir diese Frau nicht glaubt? Was, wenn ich ohne Pass keine Möglichkeiten habe etwas zu beweisen? Und die aller wichtigste Frage ist noch immer, was aus meinem Bruder werden würde. Tausende Fragen schießen durch meine Gedanken, die alle keine gute Antwort hervorbringen.
„Mein Auto ist auf dem Weg zu meiner Ferienhütte stecken geblieben", höre ich mich sagen. Innerlich schimpfe ich mich einen riesigen Feigling. Doch ich bin so völlig überfordert mit der Situation, dass ich mir wünschte, mein Kopf würde endlich aufhören zu rattern.
„Oh", sagt die Kellnerin, „brauchst du Hilfe? Ich kann James rufen, der hat einen Abschleppdienst." Sie will sich gerade aufmachen, als ich sie ausbremse. „Nein, kein Problem. Ein Freund ist schon auf den Weg, aber mir war da draußen einfach zu kalt." Sie nickt verständnisvoll und tätschelt mir die Schulter. Ich muss mich zusammenreißen um nicht zurückzuschrecken. Die letzten Monate haben mich zu misstrauisch gemacht. „Verständlich, Schätzchen. Setz dich am besten da drüben direkt an die Heizung." Mit der Hand deutet sie auf einen Tisch an der Wand. „Es...ich...ich habe kein Geld dabei", sage ich beschämt und kleinlaut, doch sie winkt nur ab.
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
