♦ Emily ♦
Völlig außer Atem knalle ich die Tür hinter mir zu, falle zu Boden und umschlinge meine Knie mit den Armen. Tränen wollen keine kommen. Vielleicht bin ich zu wütend, zu enttäuscht, zu verstört. Ich weiß es nicht. Alles, was ich sehe ist der entstellte Körper von Emanuel. Dieses Bild hat sich in meine Netzhaut eingebrannt und ich bin mir sicher, dass ich es niemals wieder loswerde. Das ist der nächste Tote, auf einer mittlerweile viel zu langen Liste, bei dem ich live gesehen habe, wie alles Leben aus seinen Augen weicht. Wie soll ich das überleben? Wie soll ich all diese Gräueltaten verkraften, ohne dabei zu Grunde zu gehen? Das Schlimmste an der ganzen Sache war jedoch, dass ich erleichtert war. Ich war erleichtert, dass Ben mich nicht wieder dort unten eingeschlossen und mich gequält hat. Er hat mich mittlerweile so weit, dass ich lieber dem Tod eines Menschen beiwohne, nur, um selbst keinen körperlichen Schaden davontragen zu müssen. Diese Erkenntnis lässt mich würgen.
Mit meiner letzten übrig gebliebenen Kraft kann ich verhindern, dass ich mich doch noch übergebe. Es muss einen Weg aus diesem Labyrinth geben. Irgendeinen. Irgendwie. Es muss möglich sein, nahe genug an Ben heranzukommen, sodass er mich gehen lässt. Oder dass er zumindest unachtsam wird und ich fliehen kann. Und dann werde ich alles daransetzen, dieses Monster in eine Gummizelle schließen zu lassen. Noch einen Toten ertrage ich nicht. Das hält meine Psyche einfach nicht mehr aus.
Das einzige was mich aufrecht hält ist die Hoffnung, hier irgendwann wegzukommen. Meine Familie in die Arme schließen zu können und all das schrecklich erlebte in dutzenden von Therapiestunden aufzuarbeiten. Zumindest wäre das der gesunde Weg.
Ein Klopfen an der Tür hinter mir reißt mich aus meinem Delirium und augenblicklich spannt sich jede Faser meines Körpers an. Automatisch suchen meine Augen nach Gegenständen, die ich als Barrikaden verwenden könnte. „Ich bin es, corazoncito." Marias Stimme löst eine ungeahnte Erleichterung in mir aus und ich rappele mich schnell auf, um ihr die Tür zu öffnen. Ihr sanftes Lächeln und ihre mütterliche Ausstrahlung sind genau das, was ich in diesen Sekunden brauche und ohne weiter darüber nachzudenken, werfe ich mich in ihre Arme. Sie erwidert meine Umarmung, streichelt mir beruhigend über den Rücken und schiebt mich dabei weiter ins Zimmer hinein. „Pst. Alles gut", flüstert sie. Ich bin ihr unheimlich dankbar, dass sie mir Trost spendet, dass sie für mich da ist und ich fühle, wie sich das Entsetzen über die Bilder im Keller ein wenig abschwächt. Ganz wird es nie verschwinden, aber es kann erträglicher werden.
Maria wiegt mich leicht hin und her, streicht mir meine Haare in den Nacken und nimmt mein Gesicht in die Hände. „Ich habe das von der Schießerei gestern gehört. Das geht vorbei, Liebes", sagt sie lächelnd und wischt mir eine Träne davon, von deren Existenz ich bis gerade eben noch nichts gewusst hatte. Ich nicke einfach nur. Es würde keinen Sinn machen, ihr den wahren Grund für meine Verzweiflung zu nennen. Wenn ich eines über Maria lernen durfte, dann, dass sie Ben gegenüber unheimlich loyal ist. So wie fast alle seiner Mitarbeiter es sind. Und sollte sie nicht wissen, weshalb ich hier bin, dann laufe ich Gefahr, sie in dieselbe Situation wie Emanuel zu bringen. Das hat Ben klar und deutlich ausgedrückt. Seine Drohungen sind nie leer und wenn er selbst vor der Polizei nicht Halt macht, wird ihm seine Haushälterin ziemlich weit am Arsch vorbeigehen.
Also schlucke ich tapfer, verziehe meine Mundwinkel ein wenig nach oben und schniefe den Rest meiner Angst davon. „Es geht schon wieder", krächze ich. Ihre Augen lächeln noch immer, während sie gedankenverloren durch meine Haare fährt und dabei ihre Lippen zur Seite verzerrt.
„Senior Clarke hat mir den Auftrag gegeben, dass ich dir die Haare färben soll. Was eine Dummheit", murmelt sie und ich blinzele irritiert zu meinen Spitzen hinab. Ist das sein ernst? Glaubt er tatsächlich, dass ich mit einer anderen Haarfarbe nicht erkannt werden würde? Das ist töricht. Nur bringt es mir auch nichts, mich dieser Anweisung zu wiedersetzen. Schon alleine, weil ich mich wie taub fühle. Eine weitere Auseinandersetzung packe ich heute nicht. Ruhe. Frieden. Das ist es was ich brauche.
DU LIEST GERADE
Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
