Sixty-Five. Decisions

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Benjamin

„Nein! Was an diesem Wort wollt ihr nicht kapieren?!" Aufgescheucht wandere ich hinter meinem Schreibtisch hin und her und fahre mir immer wieder durch die Haare, während ich wütende Blicke zu Carlos und Diego abschieße. Der Arzt hat mich sporadisch zusammengeflickt und mir dabei über eine Stunde meiner Zeit geraubt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, läge ich jetzt sediert von Schmerzmitteln in meinem Bett und würde mich ausruhen. Ich habe aber keine verdammte Zeit um mich auszuruhen! Alles um mich herum versinkt im Chaos. Und da ist dieses eine Bild in meinem Kopf, das mich dazu bringt, mich zu fühlen, als würde jemand in meinen Eingeweiden wühlen und sie Stück für Stück aus meinem Körper ziehen; Emilys hübsches Gesicht, ihre grünen Augen, die langsam und Stück für Stück ihre Lebendigkeit verlieren. Der Angriff ist knapp zehn Stunden her und jede einzelne Sekunde in der wir hier untätig herumsitzen und ich den beiden Schwachköpfen zuhören muss, bringt sie grauenvollem Leid, Schmerz und dem Tod ein bisschen näher – und das ist unerträglich!

„Sir, bei allem Respekt", Carlos räuspert sich und geht einen Schritt nach hinten, als ich stehen bleibe und ihn wütend anfunkele, „es bringt niemandem etwas, wenn Sie hier sitzen und auf eine sichere Kugel im Kopf warten. Santos Männer sind unterwegs und sie haben nur ein Ziel."

„Er hat Recht, Ben. Es wäre klüger sich zurückzuziehen und dann zuzuschlagen, wenn niemand damit rechnet. Wir haben nicht genug Männer und Ressourcen um Santos aufzuhalten." Natürlich gibt Diego auch noch seinen Senf dazu und nervt mich mit seinem mitleidigen Blick. Dass gerade er derjenige ist, der die Zelte ohne Emily abbrechen will, wundert mich. „Wenn du erstmal von der Bildfläche verschwunden bist, wird es einfacher ihn in einen Hinterhalt zu locken. Außerdem haben wir bis dahin wieder etwas Kraft gesammelt."

„Und er verleibt sich meine Gebiete ein, meine Lieferanten und Kunden!", zische ich und beginne von Neuem hin und her zu tigern.„Ich bin niemand der den Schwanz einzieht, wenn es brenzlig wird." Meine Rippen pochen und die frisch eingerenkte Schulter, die mit einem schwulen Tuch an meinem Arm geschont werden soll, protestiert heftig gegen meine stetige Bewegung. Dennoch kann ich nicht aufhören und dennoch werde ich nicht müde. Emily lasse ich absichtlich aus meiner Begründung heraus. Jetzt, da meine Venen nicht mehr mit Adrenalin vollgepumpt sind, weigere ich mich, mich als kleine Memme aufzuspielen. Diego weiß trotzdem, dass sie der Hauptgrund für mein gewolltes Bleiben ist.

Die beiden haben mit dem was sie sagen theoretisch Recht. Santos hat mir heftig in den Arsch getreten und es braucht Zeit und einen sicheren Plan, um ihn besiegen zu können. Sich meine Niederlage einzugestehen, ist aber etwas ganz anderes.

„Das wissen wir. Aber du kannst nicht hierbleiben. Flieg mit dem Helikopter in einen Unterschlupf und Carlos und ich fahren an die Grenze, von wo aus wir die Lage im Blick behalten können", erörtert Diego, geht auf mich zu und stützt sich an der Lehne des Stuhls vor meinem Schreibtisch ab. Seine Augen sind fest auf mich gerichtet und wäre ich nicht so verzweifelt, würde mir seine neueste Selbstsicherheit imponieren. „Es ist gut möglich, dass sie gar nicht mehr lebt", fügt er leise hinzu. Ich zucke zusammen, bleibe stehen und fahre mir durch die Haare. Ein Stich fährt direkt in mein Herz und ich muss nach Luft schnappen. Diese Worte machen mich wütend und ich will sie verdammt nochmal nicht hören! Fest kneife ich meine Augen zusammen, atme langsam und bedacht, balle meine rechte Hand zur Faust und sammele mich.

„Sir, ich könnte einen Freund aus meiner früheren Einheit damit beauftragen, nach ihr zu suchen. Er könnte problemlos unter Santos Radar hindurchfliegen." Carlos strafft seine Schultern, als ich meine Augen öffne und zu ihm blicke. Er ist ungesund blass und schwitzt, was nur verdeutlicht, dass er auch ganz schön erwischt wurde. Zwar war er nicht in einem Kellerloch und wurde gefoltert, aber auch er wurde festgehalten und verprügelt, bevor er sich befreien konnte. Ja, es ist beschissen zugeben zu müssen, dass wir alle ganz schön einstecken mussten. „Er ist vertrauenswürdig, gründlich und könnte in wenigen Stunden hier sein. Es gefällt mir genauso wenig wie Ihnen, das nicht selbst in die Hand zu nehmen und diese...", er schnauft tief durch und schüttelt geistesabwesend den Kopf, seine Augen sprühen vor Rachegelüsten, „Aber es war meine Schuld, dass Emily verschwunden ist. Ich übernehme dafür vollste Verantwortung und hoffe, es wieder gutmachen zu können."

Der Raum ist für Sekunden von bedrückender Stille gefüllt und ich erkenne in den Gesichtern meiner loyalsten Mitarbeitern, dass sie meine kleine Irin ebenso zurückhaben möchten wie ich selbst. Das passt mir nicht, beruhigt mich aber gleichzeitig. Zittrig atme ich aus, beobachte wie Carlos Haltung noch gerader wird und sich seine Gesichtszüge verhärten. Vielleicht ist der Grund für seine Angespanntheit wirklich, dass er glaubt, ich würde ihn für diesen ganzen Mist verantwortlich machen. Witzig, vor einigen Wochen hätte ich das höchstwahrscheinlich getan. Heute fehlt mir jedoch die Kraft dazu und außerdem bin ich selbst von solch riesigen Schuldgefühlen geplagt, dass ich noch keinen einzigen Gedanken an die Fehler eines anderen verschwendet habe. Santos natürlich ausgenommen.

„Weiß man, was mit Alvarez passiert ist?", frage ich und schnaube, als beide ihre Köpfe schütteln. „Einer unserer Männer meinte, er hätte einige tote Polizisten auf der Einfahrt entdeckt, das ist aber nicht sicher", fügt Carlos hinzu.

„Dann ist das unsere erste Spur, die wir überprüfen müssen. Außerdem sollten wir dafür sorgen, dass wir einige Männer aus der Stadt hierherschaffen. Die sollten gleich noch ein paar Waffen mitbringen." Entschlossen setze ich mich an meinen Schreibtisch und öffne mein Mailprogramm um mich gleich an die Arbeit zu machen. Glücklicherweise habe ich noch immer Kontakte, die mir etwas schuldig sind.

„Ben..."

„Ich werde hier nicht weggehen!" Brummend schlage ich mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Wir wissen noch nicht einmal mehr, wem wir trauen können! Das ist ein verfluchtes Selbstmordkommando!" Diego flucht, kickt den Stuhl neben sich mit dem Fuß beiseite und stützt sich auf der Tischplatte auf. Die Ader auf seiner Stirn pocht vor Wut und Unverständnis. Auch ich erhebe mich, schiebe mein Gesicht nah an seines und kneife die Augen bedrohlich zusammen. „Vergiss nicht wo dein Platz ist."

„Im Augenblick bin ich hier ganz und gar richtig! Und zwar um deinen sturen Arsch zu retten!"

„Ich tue was nötig ist und du hast gefälligst meine Befehle auszuführen." Leise und gefahrvoll verlassen diese Worte meinen Mund.

„Ich habe nie gut geheißen was du mit Emily getan hast und wie du sie behandelt hast. Aber ich hab kapiert, dass sie dir auf deine eigene verquere Weise etwas bedeutet und verstehe, weshalb du nicht in Ungewissheit bleiben willst. Wenn Santos sie jedoch hat und du weiterhin Wurzeln hier schlägt, ist sie für ihn das perfekte Druckmittel. Jetzt haben wir noch die Chance, dass er denkt, du wärst vorhin getroffen worden und damit tot oder schwer verwundet. Hör also auf so störrisch zu sein und schalte dein geniales Megahirn ein!" Diego schreit mich an und er kann froh sein, dass ich solche Schmerzen habe, sonst hätte ich ihn mir bereits am Kragen gepackt.

„Wenn du nicht sofort deinen...", beginne ich mit zusammengepresstem Kiefer, als plötzlich die Tür zu meinem Büro aufgestoßen wird und einer meiner Wachen erscheint. Hektisch richtet er sich die Jacke und bleibt wie angewurzelt stehen, als er begreift, dass er gerade in eine unangenehme Unterhaltung geplatzt ist.

„Was?!", belle ich, durchbohre Diego mit meinem Blick und richte mich schließlich auf. „Entschuldigen Sie die Störung, Senior, aber da ist etwas, was Sie sicher gerne sehen würden." Nervös zappelt er mit den Händen und tritt von einem Fuß auf den anderen. „Im Garten..."

„Ich komme!" Schwungvoll setze ich mich in Bewegung und zeige mit dem Finger auf Diego. „Das hier ist noch nicht vorbei." Anschließend folge ich meinem Mann, weise Carlos an mitzukommen und hoffe schwer, dass diese Nachricht wirklich von Wichtigkeit ist. Sonst werde ich wohl nicht mehr so entspannt bleiben, was die Fehler meiner Mitarbeiter betrifft.

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Versprochen ist versprochen x)

Ben meint also wirklich, dass er ohne Emily nicht geht. Ob das ein guter Plan ist? Oder bringt er sie damit in Gefahr, sollte sie wirklich bei Santos sein? Was könnte da im Garten auf ihn warten? Habt ihr Ideen? Und was haltet ihr von Diego in dieser Situation, er scheint ja doch derjenige zu sein, der einen halbwegs kühlen Kopf bewahrt?

Liebe Grüße an euch alle und schöne Ferien, an die glücklichen Schulkinder :P

Ich hab allerdings auch bis Mittwoch frei *Partyyyy*

Eure Lary<3


Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt