♦ Emily ♦
„Alvarez hatte also wirklich vor dich der Polizei zu übergeben? Und da bist du dir zu hundert Prozent sicher?", hakt Ben nach und bedenkt mich mit einem eindringlichen Blick. Meine Hände sind in Peewees Fell vergraben und ich kraule ihn träge. Es beruhigt mich seine Wärme zu spüren, während die beiden Männer mich fest im Blick haben und alleine mit ihren Augen glauben, sie könnten die Infos aus mir herausziehen. Diego lehnt gegenüber von mir an der Wand und wann immer ich ihn ansehe, übt er sich eines besänftigenden Lächelns, welches absolut misslingt. Ben hat einen Stuhl ans Bett herangezogen, hat sich nach vorne gebeugt und seine Hände auf den Knien gefaltet. Sein Gesicht ist blass und unter seinen Augen zeichnen sich graue Ringe ab.
„Ich glaube schon", zögerlich nicke ich, „als wir das Haus verlassen hatten, telefonierte er mit jemandem dem er sagte, dass er mich gefunden hätte und nun auf die Wache brächte. Er sprach davon das Konsulat zu benachrichtigen." Ein dicker Kloß im Hals erschwert mir das Sprechen und ich muss mich räuspern. Ich schäme mich dafür, dass ich in genau jenem Moment alles andere wollte als nach Hause zu fahren. Alles was mich interessierte und wonach ich mich sehnte, war der Mann, der mir nun gegenüber sitzt und sich seufzend übers Gesicht fährt. „Nachdem er aufgelegt hat, hat er von meinen Eltern gesprochen und dass er mit ihnen in Verbindung steht. Dann sind Schüsse gefallen." Tränen steigen mir in die Augen und ich blinzele sie angestrengt weg, streiche fester über Peewees Fell. Den Zwischenteil, indem ich mit dem Officer darüber diskutierte, dass ich zu Ben zurückmöchte, lasse ich absichtlich weg.
„Also hat Santos ihn auch reingelegt", sagt Diego und ich beobachte, wie sich Ben und er einen bedeutungsschweren Blick schenken.
„Was er sich hätte denken können", brummt Ben und dreht sich wieder zu mir um, „und was ist dann passiert, Darling?"
Schnaufend schließe ich die Augen, öffne sie allerdings sofort wieder, als die Bilder von gestern vor mir aufflackern.
„Es ging alles so schnell...", beginne ich und knete meine Finger, „wir waren an einem schwarzen Wagen angekommen, in dem ein älterer Mann hinter dem Steuer saß. Ihm wurde direkt in den Kopf geschossen, als wir einsteigen wollten. Alvarez hat mich zu Boden geschmissen und ich konnte nicht mehr viel sehen. Er hat geflucht, gesagt dass Santos dafür büßen wird und hat erneut sein Telefon genommen und etwas von einem Plan B gesprochen. Währenddessen wurde weitergeschossen, ich hörte die Männer aber, dass sie ständig riefen, man dürfe das Mädchen nicht treffen." Meine Tränen quellen über und ich wische sie mir hastig von den Wangen. Mir ist es peinlich, dass ich so emotional reagiere, während Ben verletzt vor mir sitzt. Sein Gesicht weist deutliche Spuren auf, die darauf hindeuten, dass er noch Schlimmeres durchgemacht haben muss. Für einige Sekunden ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, bis ich tief Atem hole.
„Alvarez hat nach seinem Telefonat die Beifahrertür geöffnet um etwas aus dem Handschuhfach zu holen und da habe ich gesehen, dass mindestens fünf Männer auf der gegenüberliegenden Seite standen. Dann hat er mich vom Boden hochgezogen, mir eine Waffe in die Hand gedrückt und gesagt ich solle in den Wald rennen und schießen, falls mir jemand folgen würde." Meine Stimme bebt, meine Hände zittern und Peewee leckt mir über den Unterarm, da ich aufgehört habe ihn zu streicheln. Es kommt mir so vor, als würde ich aus einem Thriller zitieren. Dass mir das alles passiert ist, kommt mir unwirklich vor. Und genau das ist so furchtbar lächerlich. Nach den letzten Monaten sollten mich solche Situationen eigentlich nicht mehr schockieren und dennoch verfolgen mich die Stimmen, die Schüsse, die Schreie wann immer ich die Lider senke. Verzweiflung überkommt mich und die Tatsache, dass die einzige und hoffnungsvolle Verbindung zu meinen Eltern schon wieder abgerissen ist, überrollt mich. Ich war so beschäftigt damit, mich um Ben zu sorgen, dass ich meine eigentlichen Probleme komplett verdrängt habe.
DU LIEST GERADE
Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
