♦ Benjamin ♦
Zugegeben, es war schon etwas dämlich, meine Knarre einfach kopflos auf dem Nachtkästchen abzulegen und zu vergessen, dass Emily sich nebenan befindet. Beziehungsweise nun vor mir. Mit meiner geliebten Heckler & Koch. Anscheinend ist das neuerdings mein Ding zu agieren, ohne vorher über die Auswirkungen nachzudenken.
Emilys grüne Augen gleichen eher zwei dünnen Schlitzen, die Waffe ist so schnell geladen, dass ich nur noch das Klicken hören kann und sie richtet den Lauf punktgenau auf mein Herz. Einige Sekunden lang bin ich versucht zu glauben, dass Jesus mit seiner Spionage-Idee auf dem rechten Weg war. Bis ihre Hand anfängt zu Zittern. Niemand der im Entferntesten ausgebildet ist, hält eine Waffe mit so stark bebenden Händen. Auch wenn es mich mehr als beeindruckt, dass sie sogar weiß, wie sie damit umzugehen hat. Mein blonder Engel ist eben immer für neue Überraschungen gut.
Ist es verrückt, dass ich sie mit meiner Knarre in der Hand noch schärfer finde als sonst?
Ich muss schmunzeln, verkneife mir es allerdings sofort wieder, als mein Blick auf die immer stärker wackelnde Waffe schweift. Es wäre wohl in dieser Situation gut, wenn ich sie nicht auslachen würde. Nicht, dass sie noch aus Versehen den Abschuss betätigt und mich hier in meinem eigenen Zimmer durchlöchert. Ansonsten wird sie mir nichts tun.
Um meine eigentlich nicht vorhandene Kooperationsbereitschaft zu demonstrieren, erhebe ich meine Hände und lege den Kopf schief. „Darling", flüstere ich beruhigend, doch sie reagiert nicht. Ihre Augen sind stur auf meine Brust, auf ihr Ziel gerichtet. Es ist schon irgendwie verständlich, dass sie leicht verwirrt ist – schließlich glaube ich eher nicht, dass sie daheim in Irland bereits bei einer Schießerei dabei war -, aber mich gleichen killen wollen? Etwas übertrieben.
Vorsichtig gehe ich einen Schritt auf sie zu und sofort schießt ihre zweite Hand an die Waffe und unterstützt die andere beim Halten. „Stehen bleiben", faucht sie und nun muss ich doch leise lachen, wie sie da in meinem Shirt und mit feuchten Haaren dasteht, denkt, sie könnte mir tatsächlich etwas antun. Ihre Miene wird finster, verkniffen und echt wütend. Sie sieht aus wie ein kleiner Terrorkeks.
Unbeeindruckt gehe ich weiter, soweit, bis der Lauf der Waffe meine Brust berührt. Mein Herz. Eine falsche Bewegung von ihr und ich bin mausetot. Irgendwie wäre es verdammt ironisch, wenn ich bisher so viele Kämpfe überlebt habe und dann von meiner minderjährigen Gefangenen in meinem eigenen Haus erschossen werden würde.
Das Grinsen auf meinem Gesicht wird breiter und ich beuge mich leicht zu ihr hinab. Sie hat ihre Haare mit meinem Shampoo gewaschen und gepaart mit ihrem eigenen wundervollen Duft, muss ich dem Drang wiederstehen, meine Nase in ihrer blonden Mähne zu vergraben. „Schieß"; hauche ich ihr zu, „na los, Darling. Diese Chance wirst du nicht noch einmal kriegen." Der Lauf drückt sich fester gegen mein Fleisch, ihre Hände bibbern noch mehr. In ihrem Kopf geht sie gerade höchstwahrscheinlich durch, ob sie damit klarkäme, einen anderen Menschen zu töten. Ihren bisherigen Moralvorstellungen zur Folge, müsste dieser Punkt an mich gehen. Dass sie überhaupt weiß, wie das geht, einer an sie. Also steht es erstmal unentschieden.
„Hau ab. Geh weg. Wehe du fasst mich an", zischt sie. Emily bleibt stehen, rührt sich nicht vom Fleck und ich betrachte aus meiner Position aus ihre ebenmäßige blasse Haut, den dichten Kranz an Wimpern und die perfekt geschwungenen Lippen. „Wenn du willst, dass ich weggehe, dann solltest du deinen Zeigefinger weiter nach hinten bewegen." Ihre Augenlider zucken und es beeindruckt mich, dass sie noch immer nicht nachgibt. In ihr steckt so viel Potential, so viel Perfektion, dass es beinahe schon beängstigend ist. „Du willst also, dass ich abdrücke, ja?" Ihre Stimme überschlägt sich und als sich ihre Augen endlich auf meine richten, weiß ich, dass ich gewonnen habe. Was mich allerdings in ihren Gesichtszügen irritiert ist die unbändige Angst, die sie versucht hinter ihrer Wut zu verstecken. Habe ich irgendwas nicht mitbekommen? Ich habe sie da unten rausgeholt, ihr die abartigen Bilder erspart und sie in meinem Zimmer einquartiert, sodass niemand sie auch nur anrühren kann. Ich will sie hier in Sicherheit wissen. Schließlich ist mein Zimmer das Einzige im Haus, das zusätzlich durch ein Fingerabdruck-System verriegelt werden kann. Und ich, das kann ich nicht leugnen, wollte wissen wie es aussieht, wenn sie in meinem gottverdammten Bett liegt. Auch auf die Gefahr hin, dass ich noch hirnloser werde, als ich es sowieso schon bin.
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Afraid of you
Misterio / SuspensoKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
