Twenty-Four. Blood

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♦ Emily ♦

Mein ganzer Körper wird vor Angst, vor Adrenalin, vor Unglauben über die Ereignisse geschüttelt. Es fällt mir schwer zu atmen, es fällt mir schwer, überhaupt zu realisieren, was um mich herum geschehen ist. Ich sehe nur in die blauen Augen von Ben, fühle nur die zarten Berührungen von seiner Haut auf meiner, als wollte er sichergehen, dass ich unverletzt bin. Feine Fältchen haben sich um seine Augen herum gebildet und auf seiner Stirn zeichnet sich eine tiefe Furche der Besorgnis ab. Ich werde ruhiger, wenn auch nur minimal, aber mein Kopf scheint wieder aus seinem Nebel aufzutauchen und alles um mich herum wahrzunehmen. Lautes Stimmengewirr, vereinzeltes, schmerzerfülltes Ächzen in näherer Umgebung. Warme Flüssigkeit, die sich Flussartig über meinem Hals, meinen Armen ergießt.

Nach Luft schnappend reiße ich mich von Bens Gesicht los und vor mir spielt sich die Szenerie erneut ab, als Diego mich auf den Boden wirft, über mich. Wie er mich mit seinem Körper abschattet, mich vor dem lauten Knallen und den Glassplittern schützt. Gänsehaut überzieht meinen Nacken und ich rappele mich langsam auf, um nach ihm zu suchen. Er hat mich irgendwie hinter die Kücheninsel geschleift, wie, weiß ich nicht mehr. Ich zucke zusammen, als neben mir eine Bewegung auftaucht und ich muss einige Mal blinzeln, bis ich begreife, dass es Diego ist, der neben mir zu Boden geht. Seine feinen Gesichtszüge sind verhärtet und er hält sich mit verkrampften Fingern den Hals. Bens warme Hand lässt mich los und als ich das ganze Blut zwischen uns erfasse wird mir übel. Das ist viel Blut. Sehr viel Blut. Soviel, wie ich in meinem ganzen Leben noch niemals gesehen habe. Noch nicht einmal beim Blutspenden, das in unserer Gemeinde veranstaltet wurde. Ich hatte dort immer geholfen, hatte von meiner Mutter gelernt, wie ich die Kanülen im richtigen Winkel einsteche, ohne den Leuten wehzutun.

Vielleicht sieht es auch nur nach so viel aus, weil es überall auf dem Boden, und auf Diego und mir verteilt ist? Geschockt schalte ich auf Autopilot, die Stimmen um uns herum verstummen erneut und ich gehe zittrig auf die Knie, schnappe mir Diegos freie Hand, streichele beruhigend darüber.

„Fuck. Du wurdest getroffen", knurrt Ben, den ich für einen Augenblick völlig ausgeblendet habe. Er erhebt sich stürmisch, reißt die Schränke in der Küche nacheinander auf, als suche er etwas darin. „Nur ein Kratzer", krächzt Diego. Er versucht zu lächeln, was kläglich scheitert. Auf seiner Stirn haben sich Schweißperlen gesammelt, sein Brustkorb hebt und senkt sich stark und ein Blick in seine Augen reicht aus, um die Schmerzen, die er anscheinend verspürt, erahnen zu können.

Auch wenn mein Magen noch immer flau ist, reiße ich mich zusammen, atme durch den Mund, um den Eisengeruch nicht allzu deutlich riechen zu müssen und fasse an die Stelle am Hals, die sich Diego noch immer hält. Zwischen seinen Fingern rinnt Blut herunter und ich sehe ihm beruhigend in die Augen, während ich langsam seine Hand von der Stelle nehme. Es ist kaum etwas zu erkennen, doch es sieht so aus, als wäre eine Arterie von einem Streifschuss erfasst worden. Zumindest sieht es genauso aus, wie bei meinem Vater, als er mit Jeff, seinem besten Kumpel, beim Jagen herumgealbert hat und eine Kugel seinen Arm gestreift hatte. Die Haut ist zerfetzt, es gibt aber keine Eintritts- und keine Austrittswunde.

Es liegt schon Jahre zurück und ich versuche mich daran zu erinnern, was meine Mutter damals getan hat. Sie ist Arzthelferin und musste bei uns auf der Farm fast täglich irgendwelche Wunden von uns oder den Arbeitern flicken.

Ich drücke fest auf die Stelle, von der ich glaube, dass das Blut herkommt, drehe mich panisch zu Ben um, der in einem Schrank wühlt und kurz darauf ein paar Mullbinden hervorzaubert. Er sinkt neben mir zu Boden und ich schnappe mir schnell etwas von dem Verband und tausche ihn gegen meine Finger aus. Ein Blick in Bens Gesicht genügt um zu sehen, dass auch er sich um Diego sorgt, der mittlerweile angefangen hat zu zittern. Schon bei unserer ersten Begegnung war mir aufgefallen, dass die beiden Männer eine gewisse Verbindung zueinander haben. Es würde mich brennend interessieren, welche das ist, die Ben zu einem fühlenden Menschen werden lässt.

Afraid of youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt