Benjamin
Wahrscheinlich ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas verspüre, was einer Panikattacke am nächsten kommst. Meine Hände zittern, mir bricht kalter Schweiß aus und mein Herz klopft so wild, als wäre ich wieder der kleine Junge von damals, der vor seinem angeheirateten Onkel steht, nachdem seine Eltern ums Leben gekommen sind.
Ich bleibe draußen vor der Tür stehen, lehne mich an die Wand und atme tief durch. In meiner Kehle juckt es. Mir ist ein wenig schummrig.
Hektisch ziehe ich eine Packung Zigaretten heraus und stecke mir eine an. Tief inhaliere ich das giftige Nervengift, warte auf die beruhigende Wirkung, die zu meinem Leidtragen ausbleibt. Es fällt mir verdammt schwer, meine Füße stillzuhalten und nicht zurückzulaufen, die Tür aufzureißen und die Treppen nach oben zu rennen. Ich würde mir den Zettel vom Kopfkissen schnappen, ihn zerreißen und aus dem Fenster schmeißen, ehe ich ihren Pass, das Geld und das Flugticket einfach verbrennen würde. Leise würde ich mich ausziehen, mich neben sie legen und einfach nur in den Arm nehmen, bevor ich sie mit meinen Lippen auf ihren wecken würde nur, um sie im Anschluss irgendwohin mitzunehmen. Wohin wäre egal.
Denn es ist lediglich eine Fantasie. Ein Konstrukt meines Egoismus.
Das erste Mal überhaupt verhalte ich mich wie ein ehrbarer Mann. Für sie. Für das Mädchen, das mein Innerstes unbarmherzig nach außen gekehrt hat.
Schon bevor ich hierherkam, hatte ich den Entschluss gefasst, sie gehen zu lassen. Nur hätte ich niemals erwartet, dass es mir so schwerfallen würde. Beinahe fühlt es sich an, als würde mein Herz zerbrechen. Wenn ich eines hätte.
Sooft ich auch Pläne schmiede, wie ich es anstellen könnte sie an meiner Seite zu halten, läuft es doch immer auf dasselbe hinaus. Emily würde erneut zum Zielobjekt meiner Feinde werden. Sie würde zwischen die Fronten geraten und getötet werden. Ist es also nicht besser zu wissen, dass sie irgendwo ein glückliches Leben führt, als dass ich für ihr Unglück verantwortlich bin? Schließlich weiß ich, wie sich dieses Gefühl anfühlt. Fuck, ich weiß, wie es ist, den Menschen den man liebt auf dem Gewissen zu haben. Noch einmal würde ich das nicht aushalten. Vor allem weil meine Liebe zu Emily nicht mit der eines notgeilen Teenagers zu vergleichen ist, der ich damals bei Carmen war. Sie geht tiefer. Sie geht über den verfluchten Tod hinaus.
Wäre ich nicht so ein Arschloch, dann wäre ich nicht zu ihr zurückgekommen und hätte sie gevögelt, wie ich es schon immer tun wollte. Aber ich konnte nicht anders. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass sie niemals die meine wird. Und alleine die Vorstellung raubt mir den Verstand, dass ich künftig nicht mehr bei ihr sein werde. Dass ich sie nicht mehr atmen kann, nie mehr fühlen kann. Dass ich mit ihr geschlafen habe, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Jetzt weiß ich nur, dass sie perfekt zu mir passt. Alles von ihr. Jeder Zentimeter ihrer reinen Haut, ihr perfekter Körper, ihr Stöhnen. Fuck.
Wie hätte ich es auch nicht tun können? Es war so nicht geplant, ich wollte nur sichergehen, ob es ihr gutgeht. Ich wollte ihr nur die Tickets und den Pass geben, wollte sie freigeben, damit sie nach Hause zurückkehren und ihr normales Leben leben kann. Nicht einmal ich hätte mir in den kühnsten Träumen vorgestellt, unser Aufeinandertreffen so enden zu lassen. Der selbstgerechte Bastard in mir ist stolz darauf. Denn wenn ich mir vorstelle, dass irgendein anderer Mann, irgendein dahergelaufener Wichser, seine Hände auf ihren zarten Körper legt und ihr genau das gibt, was ich ihr noch vor wenigen Stunden gegeben habe, dann frisst sich so viel Zorn durch meine Eingeweide, dass ich glaube zu platzen.
Damit kann ich mein Handeln schon wieder rechtfertigen. Mit diesem Gedanken kann ich gehen, kann ihr den Rücken zukehren. Kann mit dem Wissen leben, dass sie mich nie wieder vergessen wird. Genauso wie ich sie nie vergessen werde. Obwohl ich denke, dass ich daran kaputt gehen werde.
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Afraid of you
Mystery / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
