♦ Benjamin ♦
Es ist bereits später Abend, als ich müde aus meinem Büro komme und ich strecke mich in alle Richtungen, bevor ich den Gang entlang in die Küche schlendere. In meinem Kopf habe ich schon den gesamten Tag die Melodie von Nirvanas Smells Like Teen Spirit, die ich leise vor mich her summe. Der Tag war anstrengend und es gibt nichts, worauf ich mich mehr sehne, als mein Bett. Doch zu aller erst steht noch mein Gefangenenbesuch an. So wie die letzten vier Tage auch.
Das gesamte Anwesen ist still und dunkel. Nur das Licht des weit entfernten Zauns erfüllt den Raum, und das klirrende Porzellan in der Küche klingt ohrenbetäubend laut zu mir durch. Ich kreise mit meinem Nacken, als ich die offene Küche betrete und sofort meine Haushälterin Maria antreffe. „Senior Clark." Sie deutet einen Knicks an, den ich ihr seit langer Zeit versuche abzugewöhnen, und ihre Lider sind niedergeschlagen. Die alte Kolumbianerin ist schon seit Ewigkeiten auf dem Anwesen tätig. Eigentlich hatte ich ihr die ganze Woche freigegeben, doch sie hat mich trotz dem Tod ihres Sohnes gebeten, weiterarbeiten zu dürfen. Es lenkt sie ab, hatte sie gesagt und ich stimmte zu. Wahrscheinlich gehört sie zu den wenigen Angestellten, denen ich keinen Wunsch abschlage. Auch wenn ich es für keine gute Idee halte. Sie versucht es zu verbergen, aber ein Blick in ihre trüben, von Falten umringten Augen genügt um festzustellen, dass sie viel geweint hat. „Hat sie endlich gegessen?", frage ich ohne Umschweife. Maria zeigt auf das Tablett neben der Spüle. Gegrillte Tapas. Unberührt. Dieses undankbare, närrische Gör!
Genervt seufze ich auf und Maria lächelt entschuldigend. Sie kann nichts dafür. Sie ist eine hervorragende Köchin und das weiß sie auch. „Sie hat wieder geschlafen, als ich es ihr gebracht habe. Auch als ich es dann vorhin geholt habe", entgegnet sie und seufzt. An ihren Lippen erkenne ich, dass ihr noch etwas auf der Zunge liegt. Doch weil sie klug ist, bleibt sie stumm, dreht sich herum und packt das Essen in Frischhaltefolie ein, um es wie an den vorherigen Tagen im Kühlschrank zu verstauen. Natürlich kennt sie die Gerüchte, dass ein unschuldiges, junges Mädchen hier ist. Zwar wird es versucht vor mir zu verbergen, doch ich habe meine Männer schon öfters dabei ertappt, wie sie sich über den Ángel Rubio, den blonden Engel unterhalten haben.
Mädchen sind hier selten gesehene Gäste. Und wenn es dann noch hübsche Europäerinnen sind, scheint sich die Professionalität meiner Arbeiter zu verabschieden. Sie verwandeln sich anscheinend in schwanzgesteuerte Tratschtanten. Wenigstens sind die Umstände dieser ganzen verzwickten Situation nicht nach außen getreten. So sehr es sich auch als Abschreckung eigenen würde, was Jesus und Miguel passiert ist, möchte ich nicht, dass irgendjemand von diesem peinlichen Missgeschick erfährt. Sonst mache ich Diego und Emanuel einen Kopf kürzer. Und das wissen sie.
„Was soll ich zum Frühstück machen, Senior?", reißt mich Maria aus meinen Gedanken und ich fahre über mein müdes Gesicht, blicke sie irritiert an. „Für sie", fügt sie kleinlaut hinzu. „Was Sie wünschen." Es ist sowieso egal. Sie isst es sowieso nicht. Für einen Moment starre ich auf die Marmorplatte und erwürge diese störrische Irin vor meinem geistigen Auge. Das beruhigt mich. „Sie arbeiten zu viel, Senior. Sie sehen müde aus." Maria kommt näher, legt ihre Hand auf meine und tätschelt sie mütterlich. Ich lächele sie nur abwesend an und schüttle mit dem Kopf. „Das kann ich nur zurückgeben, Maria. Sie sollten sich die Zeit nehmen zu trauern. Madeleine würde doch ausreichen." Sofort wendet sie ihre braunen Augen von mir ab, wischt mit dem Lappen über die Arbeitsfläche. Ihre Mundwinkel ziehen sich nach unten, doch sie versucht tapfer zu bleiben. „Es lenkt mich ab. Machen sie sich keine Sorgen, Senior. Mir geht es gut." Ich glaube ihr nicht. Aber ich habe schon zu lange mit ihr darüber diskutiert, als dass ich dieses Thema erneut durchkauen möchte. Deswegen zwinkere ich ihr zu, gehe zum Kühlschrank und hole einen Pudding aus dem oberen Fach. Als ich mich umdrehe, reicht mir Maria schon einen kleinen Löffel, den ich ihr dankbar abnehme und ihr anschließend eine gute Nacht wünsche.
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Afraid of you
Mistero / ThrillerKolumbien. Gefangen bei einem der einflussreichsten Männer des Landes. Und es gibt kein Entkommen. "Auch er sieht mir direkt in die Augen. Er verzieht keine Miene. Kalt, wie die Farbe seiner Augen. Hart, wie die Muskeln an seinem Körper...
